SBB

Nach Verspätungen und Klage: Der Pannenzug fährt – und wir waren drin

Jungfernfahrt: Mit mehrjähriger Verspätung ist seit Montag der erste neue Doppelstockzug der SBB im Normalverkehr unterwegs. Bis 2020 sollen alle 59 Züge in Betrieb sein. Wir sind schon mal mitgefahren.

Es ruckelt noch ein wenig fest im neuen Doppelstockzug. Doch er fährt. Gestern zum ersten Mal mit Pendlern zwischen Zürich und Bern. Bei der Vorgeschichte des Zuges ist das keine Selbstverständlichkeit. Denn der «Pannenzug» DV-Dosto, obwohl noch keinen Kilometer mit Kunden unterwegs, war schon etliche Male im Fokus der Medien. Zuerst wegen der anhaltenden Verzögerungen, zu denen SBB-Chef Andreas Meyer etliche Male Red und Antwort stehen musste. Zuletzt weil Behindertenorganisationen eine Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht einreichten. Der Vorwurf: der Zug sei nicht behindertengerecht. Die Beschwerde wurde abgewiesen, und die SBB erhielten grünes Licht für die Lancierung des Zugs. Auf der ersten Fahrt zeigte sich nun, dass das Aussteigen eine echte Hürde für Rollstuhlfahrer darstellt.

Nicht jedem Passagier auf der Erstfahrt ist bewusst, dass er sich auf der Pendlerpremiere des neuen Zugs befindet. Er habe noch gedacht, irgendwas sei speziell, sagt ein Rentner, den die «Nordwestschweiz» auf der ersten Fahrt von Zürich nach Bern traf: «Ach, wir sind auf einer Jungfernfahrt?» Er sei auf der Reise nach Burgdorf und per Zufall auf dem Zug. Schlicht sei der neue Doppelstöcker, sachlich. «Er gefällt mir gut», sagt er. Alles andere als per Zufall da ist eine Rollstuhlfahrerin, welche vor den Kameras der Medien versucht, in den Zug ein- und auszusteigen. Und einige Schwierigkeit hat. Vor allem das Aussteigen muss mit reichlich Schwung in Angriff genommen werden, damits auch wirklich klappt.

Neuer Dopperstöcker-Zug auf Jungfernfahrt

Neuer Dopperstöcker-Zug auf Jungfernfahrt

  

Schlicht und zweckmässig

Der Zug kommt bei vielen Passagieren auf der Erstfahrt gut an. Tatsächlich ist der Zug hell und praktikabel. Die Verbindung ins Internet über das Handy ist gefühlt besser als in anderen Zügen, die WCs sind grosszügig ausgestaltet. Kein Luxuszug, aber mit allem ausgestattet, was ein Pendlerherz begehrt: Steckdosen, die obligaten Tischchen, in der 1. Klasse Armlehnen. Auch Zugliebhaber kommen offenbar auf ihre Kosten. Sie belagern den neuen Zug bereits auf dem Perron in Zürich, schiessen Fotos zur Erinnerung und hören damit bis nach Olten kaum auf. Ein neuer Zug wird schliesslich nicht jeden Tag auf dem Schweizer Schienennetz in Betrieb genommen. Da lohne es sich auch mal, die Mittagspause für eine Fahrt im neuen Doppelstöcker von Zürich nach Olten zu nutzen, wie ein Passagier erzählt.

Der Zug hat bereits eine wenig ruhmreiche Geschichte hinter sich: Im Jahr 2010 gabs eine Frohe Botschaft für die kanadische Firma Bombardier und eine herbe Niederlage für Stadler-Rail-Chef und SVP-Politiker Peter Spuhler. Er war wenig erfreut über die Vergabe des grössten Zugkaufs in der SBB-Geschichte an Bombardier. Spuhler trat öffentlich gegen Bombardier auf, doch akzeptierte den Entscheid der SBB. Kurz nach der Vergabe hiess es von Bombardier, dass man aus früheren Fehlern gelernt habe. Denn bereits einen Zug für die BLS und einen Zwischenwagen für den sogenannten Glarner Sprinter, welcher das Glarnerland mit Zürich verband, lieferte Bombardier zu spät. Beim neuen Doppelstockzug betrug die Verspätung nun mehrere Jahre.

Zuerst hiess es, dass die Züge bis Ende 2013 geliefert werden können. Doch bereits im April 2012 wurde klar: Die Züge kommen mit Verspätung. Unter anderem wegen einer ersten Auseinandersetzung mit Behindertenverbänden vor Bundesgericht. Doch auch sonst wären die Züge nicht rechtzeitig geliefert worden. Der Wagenkasten machte Probleme. Damit startete ein langwieriges Hin und Her, welches erst mit dem gestrigen Tag sein vorläufiges Ende fand.

Momentan testen die SBB vier der neuen Züge auf ihrem Streckennetz bei sogenannten Ertüchtigungsfahrten in Normalbetrieb. Letzte Justierungen werden vorgenommen am Zug. Die SBB hoffen, dass bis zum Fahrplanwechsel 2020 alle bestellten 59 Züge in Betrieb sein werden. Damit können etliche Züge aus älteren Generationen ausgetauscht werden. Die neuen Doppelstockzüge kosten gesamthaft 1,9 Milliarden Franken.

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