Religion
Nach Uriellas Tod: So steht es um das Sektenland Schweiz

Uriellas Licht ist erloschen, doch in der Schweiz gibt es noch immer knapp 1000 aktive Sekten. Experten stufen mehrere von ihnen als gefährlich ein.

Samuel Schumacher
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Mit dem Scientology-Kreuz auf Mission. Die Scientologen werben sehr offensiv um Mitglieder.ALESSANDRO DELLA BELLA/Key

Mit dem Scientology-Kreuz auf Mission. Die Scientologen werben sehr offensiv um Mitglieder.ALESSANDRO DELLA BELLA/Key

KEYSTONE

An einem Samstagmorgen Anfang Januar klingelte es an der Tür: Ich öffnete und sah zwei Damen in langen, grauen Röcken vor der Schwelle stehen. Ob sie mit mir über den Glauben sprechen dürften, sie hätten da ein paar Fragen. «Zeugen Jehovas?», fragte ich. Nicken, lächeln. «Nein, danke», entgegnete ich und wünschte gutes Gelingen. Eine Minute später klingelten die Zeuginnen bei der Nachbarin. Sie öffnete nicht. Die Rockträgerinnen zogen davon.

Das Klingeln an fremden Türen gehört zum Pflichtprogramm jedes Zeugen. 19 354 Anhänger hat die Gruppierung laut eigenen Angaben in der Schweiz. Das sind knapp so viele Menschen wie in einer Stadt wie Bülach wohnen. Damit sind die Zeugen die grösste Sekte im Land – aber bei Weitem nicht die einzige. Die evangelische Informationsstelle Relinfo schätzt, dass in der Schweiz rund 800 bis 1000 sektenartige Gruppierungen aktiv sind; religiöse Gemeinschaften, die die persönliche Freiheit ihrer Mitglieder einschränken und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis einbinden. Eine dieser Sekten ist Fiat Lux, die bis vor Kurzem von der am Sonntag verstorbenen Uriella (90†) angeführt worden ist.

Erika Bertschinger, besser bekannt als Uriella, Anführerin der Sekte Fiat Lux, ist mit 90 Jahren gestorben.
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Was für eine Inszenierung! Uriella und Ehemann Icordo boten ihrem Publikum einiges.
Uriella ist mit 90 Jahren gestorben. So kannte man die Verstorbene, die sich selbst für das Sprachrohr Gottes hielt. Ein Bild aus dem Jahr 1999.
Die Sektenführerin war seit mehr als 10 Jahren krank und lebte zurückgezogen in Ibach im Schwarzwald.
Uriella wurde am 20. Februar 90 Jahre alt – wenige Tage danach verstarb sie.
Uriella mit ihrem spirituellen Ehemann.
Uriella hat nichts ausgelassen, was Sekten so verstörend und unheimlich macht. Sie verstand sich primär als Sprachrohr Gottes.
Wenn sie seine Botschaften aus dem Himmel empfing, rutschte sie in eine Trance ab und zuckte, als fahre ein Blitz durch ihren Körper. Die Botschaften schrieb sie auf.
Ihre fundamentalistische christliche Heilslehre reicherte sie mit kruden esoterischen Versatzstücken, Verschwörungstheorien, Ufos, apokalyptischen Horrorszenarien und alternativen Heilmethoden an. (Hier in der SRF-Arena vom 14. April 2000).
Uriella blieb einer breiten Öffentlichkeit lediglich als TV-Clown und Ulknudel bekannt. Vielleicht ein bisschen durchgeknallt – sie erhielt nach einem Reitunfall ihre erste Offenbarung von Gott – , doch so richtig ernst genommen hat sie kaum jemand.
Diese Verharmlosung war fatal, denn innerhalb der Sekte führte Uriella die bis zu 1000 Anhänger mit eiserner Hand. Erika Bertschinger – so ihr weltlicher Name – beherrschte die ganze Klaviatur der Indoktrination.
Von der Untergrabung des Selbstwertgefühls über die Askese – fasten bis zum Umfallen – bis zur Unterwerfung und Selbstaufgabe.
Die Blumen im Haar sind künstlich, die Katze dagegen echt.
Zwei, die sich verstehen: Uriella mit Mike Shiva im Hintergrund.
Uriella mit Ehemann Eberhard Eicke 1994 in ihrem Haus in Egg (ZH).
Icordo und Uriella und mehrere «Fiat Lux»-Mitglieder in der SRF-Sendung Arena zum Thema Sekten im April 2000.
Icordo und Uriella und mehrere «Fiat Lux»-Mitglieder in der SRF-Sendung Arena zum Thema Sekten im April 2000.
Uriella im Jahr 2000.
Uriella im Jahr 1994.

Erika Bertschinger, besser bekannt als Uriella, Anführerin der Sekte Fiat Lux, ist mit 90 Jahren gestorben.

Schweiz am Wochenende

Kaum Jobs für Ex-Mitglieder

Der Religionsexperte Georg Otto Schmid leitet die Informationsstelle und berät jährlich zwischen 100 und 200 Personen, die aus einer dieser Sekten aussteigen wollen. «Wenn wir die Entwicklung über alle sektenähnlichen Organisationen anschauen, stellen wir fest, dass die Mitgliederzahlen schweizweit mindestens stabil sind», sagt der 52-Jährige. Genau beziffern könne man die Zahl der Sektenanhänger aber nicht; nicht zuletzt, weil der Sektenbegriff an sich schwer zu definieren sei.

Sekten in der Schweiz

Zeugen Jehowas
Die Zeugen Jehowas gelten als grösste Sekte der Schweiz. Laut eigenen Angaben haben sie mehr als 19 000 Mitglieder. Es handelt sich um eine christliche Sekte, die an den Gott Jehowa glaubt. Sie fallen auf, weil sie stark missionieren und kaum religiöse Feiertage und keine Geburtstage feiern. Zudem lehnen sie Bluttransfusionen ab.

Scientology
Scientology gibt an, über 5000 Anhänger in der Schweiz zu verfügen. Ihre Lehre geht auf den US-amerikanischen Autor Lafayette Ronald Hubbard zurück, die pseudo-
wissenschaftliche und -psychotherapeuthische Elemente enthält. Mit dem Versprechen, zur besseren Nutzung eigener Potenziale anzuleiten, missioniert sie Mitglieder.

Hare Krischna
Hare Krischna ist eine Sekte, die ihre Überzeugungen aus Elementen des Hinduismus speist. Ihre Lehren gehen auf Abhay Charan De zurück, der in den USA hinduistische Schriften übersetzte. Fielen die Anhänger in den Achtziger- und Neunzigerjahren auf, weil sie in der Öffentlichkeit musizierten und Reiskuchen verteilten, ist die Gemeinschaft heute sehr klein und praktisch aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Definitiv ins Reich der Sekten gehört laut Schmid Scientology, die stete Selbstoptimierung und die Lehre des verstorbenen Führers L. Ron Hubbard propagiert. «Die Zahl der Scientologen in der Schweiz ist zwar auf unter 1000 gesunken», sagt Schmid. Ihre Werbebemühungen an Schulen und in der Öffentlichkeit seien aber – genau wie jene der Zeugen Jehovas – nach wie vor gross.

Wie aufdringlich die Sekte sein kann, erfahren insbesondere jene Personen, die den schwierigen Ausstieg aus den Fängen der spirituellen Selbstoptimierer geschafft haben. Anonyme Anrufe mitten in der Nacht und Anschwärzungsversuche bei Nachbarn und Arbeitgeber sind gang und gäbe. Bis vor zwei Jahren haben sich mehrere Schweizer Ex-Scientologen und deren Angehörige trotz dieser Zermürbungstaktik ihrer Ex-Kollegen für die Aufklärungsgesellschaft über Scientology und Dianetik (AGSD) engagiert. Die Gesellschaft hatte Ausstiegswilligen und anderen Betroffenen Unterstützung und Rat angeboten.

Wer heute die AGSD-Nummer wählt, wird direkt mit Religionsexperte Georg Otto Schmid verbunden. «Wir würden die Beratungsstelle gerne wieder an ein ehemaliges Scientology-Mitglied übergeben. Derzeit will sich aber niemand engagieren», erklärt Schmid. Daran schuld sei auch der heutige Job-Markt. «Wer sich als ehemaliges Sektenmitglied outet, findet kaum noch irgendwo eine Stelle.»

Fluchtort der Rechtsradikalen

Laut einer Studie des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2016 gehören rund 140 000 Personen in der Schweiz einer religiösen Gemeinschaft an, die man landläufig als Sekte bezeichnen kann. Ein Drittel der Sektenmitglieder ist zwischen 15 und 34 Jahre alt. 95 Prozent der Sektenanhänger glauben, dass bestimmte Menschen heilende und hellsehende Kräfte haben, 85 Prozent von ihnen glauben an Schutzengel. Knapp 3 Prozent aller befragten Personen gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres ein magisches oder schamanisches Ritual besucht zu haben.

Georg Otto Schmid überraschen diese Zahlen nicht: «Kleinere Gruppierungen, bei denen sich Anhänger um eine Einzelperson scharen und diese als Anführer oder Guru verehren, nehmen stark zu.» Besonders Heiler, die körperliche und seelische Besserung versprechen, lägen im Trend. «Diese Angebote können gefährlich sein, weil sie die Menschen von klassischen medizinischen Methoden weg und zu umstrittenen Methoden hinführen können.»

Der Experte beobachtet einen weiteren beunruhigenden Trend: das Erstarken von spirituellen Gruppen mit rechtsradikalem Gedankengut. Diese sogenannten neugermanischen Gruppierungen würden extreme politische Ideen mit Esoterik verbinden und sich damit vor staatlicher Beobachtung in Sicherheit bringen, sagt Schmid. «Rechtsradikale werden in politischen Sphären zunehmen überwacht. Solange sie ihr radikales Gedankengut aber spirituell verpacken, können sie sich mit dem Verweis auf Religionsfreiheit vor behördlicher Verfolgung schützen.» Oft seien es gerade diese kleinen, eher unbekannten Gruppierungen, von denen eine erhebliche gesellschaftliche Gefahr ausgehe, sagt Schmid.

«Fluide Religionen» im Trend

Ähnlich sieht das die Psychologin Susanne Schaaf. Die 53-Jährige leitet die Zürcher Fachstelle Infosekta, die Betroffene mit Rat und Tat unterstützt. Noch in den Sechziger -und Siebzigerjahren hätten «exotische Gruppierungen» wie Bhagwan oder die Hare-Krishna-Bewegung die Szene dominiert. Diese Gruppen seien rückläufig. Dafür sei heute das Feld an kleinen Gruppen, die Selbstoptimierung und spirituelle Horizonterweiterungen predigten, kaum noch zu überblicken. «Als gefährlich erachte ich etwa jene Gruppierungen, die ihren Anhängern vermitteln, sie könnten alleine mit sogenannter Lichtnahrung leben und auf wirkliche Nahrung verzichten, wenn sie sich nur in die richtige Schwingungsfrequenz versetzen würden», sagt Schaaf. «Das kann lebensgefährlich werden.»

Schaaf und ihre Kollegen bei Infosekta führten 2017 gut 2400 Beratungsgespräche mit Betroffenen durch. Am häufigsten ging es bei den Gesprächen um die Zeugen Jehovas (16 Prozent der Anfragen), am zweithäufigsten um Scientology (6 Prozent). Drei Viertel aller Anfragen drehten sich aber um ebensolche kleinen, kaum bekannten Gruppen. Schaaf spricht von einer «Pulverisierung der Sektenlandschaft» und warnt davor, die kleinen Gruppen zu verharmlosen. «Bestimmte radikale Gemeinschaften wie die aus Südafrika stammende Kwasizabantu-Bewegung vertreten zum Beispiel bis heute körperliche Züchtigung – auch bei uns in der Schweiz», sagt Schaaf.

Zu Anfragen Anlass geben gemäss dem Infosekta-Jahresbericht aber auch deutlich weniger rigide Strömungen wie etwa die evangelikalen Freikirchen «International Christian Fellowship» oder «You Church». Diese Gemeinschaften sind bestens an die Bedürfnisse der modernen Individualgesellschaft angepasst. Die Zürcher Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens bezeichnet diese Vielfalt neuer religiöser Bewegungen und spiritueller Alternativen als «fluide Religionen». Dogmen würden gebrochen, Regeln und Lehre vermischt. Jeder könne sich aus dem breiten spirituellen Angebot seine eigene Weltanschauung zusammenstellen. Auf der Suche nach dem Sinn propagieren die Vertreter der «fluiden Religionen», müsse schliesslich jeder seinen eigenen von einer Vielzahl an spirituellen Ratschlägen gesäumten Weg beschreiten.

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