Weisser Tod

Nach Unglücken in Andermatt und St. Moritz: Das waren die schwersten Lawinenniedergänge der Schweiz

Diese Lawine in Anzère VS wurde von Forschern zu Testzwecken absichtlich ausgelöst – geraten die Schneemassen aber unerwartet in Bewegung, kann dies schwerwiegende Folgen haben.

Diese Lawine in Anzère VS wurde von Forschern zu Testzwecken absichtlich ausgelöst – geraten die Schneemassen aber unerwartet in Bewegung, kann dies schwerwiegende Folgen haben.

Mit zwei leichtverletzten Wintersportlern und einem schwerverletzten Snowboarder gingen die beiden Lawinenniedergänge in Andermatt und St. Moritz von gestern Donnerstag noch glimpflich aus. Ein Blick auf die jüngere Schweizer Geschichte zeigt: es hätte auch weit schlimmer kommen können.

Lawinenwinter 1951

Der Winter um 1950/51 war ein ausserordentlich schneereicher. Nachdem bereits im November ungewöhnlich viel Schnee fiel, setzte Mitte Januar ein Wetterumschwung ein, welcher der Alpennordseite fünf Tage lang fast ununterbrochene Schneefälle bescherte. In der Folge gingen zahlreiche Lawinen innert kürzester Zeit und an oft unüblichen Stellen nieder. Manche dieser Lawinen waren so gross, dass sie vielerorts zu massiven Sachschäden und vielen Todesopfern führten. Alleine in der Schweiz waren rund 100 Tote zu beklagen, im gesamten Alpenraum gar 265.

Besonders hart traf es etwa die Dörfer Vals im Kanton Graubünden oder Andermatt im Kanton Uri. In Vals wurden 31 Menschen verschüttet, 13 konnten dank sofortiger Suche lebend geborgen werden – für die anderen kam jede Hilfe zu spät. Auch in der Gemeinde Andermatt – die bis dato als lawinensicher galt – erfasst der weisse Tod das Dorf und riss 13 Menschen aus dem Leben. 

In einem Archivbericht von «SRF Aktuell» erinnern sich Zeitzeugen aus dem Dorf an die dramatischen Rettungsarbeiten nach dem Lawinenniedergang:

Lawinenunglück von Reckingen 1970

Am 24. Februar 1970 erfasste um fünf Uhr morgens eine gewaltige Lawine das Oberwalliser Dorf Reckingen und begrub sechs Wohnhäuser sowie eine Militärunterkunft unter sich. An der Suche nach Überlebenden beteiligten sich 950 Helfer mit 13 Lawinenhunden, 14 schweren Baumaschinen und drei Helikoptern. Eine Suche wie es sie in der Schweiz bis dahin noch nie gegeben hat.

Erst Tage nach dem Unglück wurde das Ausmass des Lawinenniedergangs ersichtlich. Unter den 30 Todesopfern befanden sich 11 Frauen und Kinder sowie 19 Angehörige der Armee, die in Gluringen ihren WK absolvierten und in der Offizierskaserne auf Reckinger Boden übernachteten. Zudem verursachte die Lawine Sachschäden in Höhe von 12,8 Millionen Franken.

Innerschweizer Soldaten beseitigen die letzten Trümmer des Lawinenunglücks von Reckingen.

Innerschweizer Soldaten beseitigen die letzten Trümmer des Lawinenunglücks von Reckingen.

Lawinenkatastrophe von Acla 1975

Im Winter 1974/75 führten riesige Schneemassen zu einer Katastrophenlage in der Schweiz, in Österreich und im Südtirol. Die Neuschneemengen übertrafen teilweise die Ausmasse des berüchtigten Lawinenwinters von 1950/51. 

Am Morgen des 6. Aprils 1975 ereignete sich im kleinen Weiler Acla am Lukmanierpass die Katastrophe: das Dorf wurde von einer gewaltigen Lawine fast vollständig verschüttet. Nur gerade zwei Häuser und zwei Ställe blieben von den Schneemassen verschont. 15 Menschen wurden verschüttet, wovon fünf sich aus eigenen Kräften befreien konnten. Die Rettungsarbeiten gestalteten sich wegen der anhaltenden Schneefälle und erneuten Lawinenniedergängen schwierig. Erst am Morgen des 7. Aprils konnten Armeehelikopter in das Gebiet vordringen, um die Suche nach Verschütteten aufzunehmen.

Die rund 60 Rettungskräfte finden auch noch 24 Stunden nach der Katastrophe Überlebende in den Trümmern. Für zwei Männer und ein 10-jähriges Kind kam allerdings jede Hilfe zu spät. 

Rettungskräfte suchen in den Schneemassen von Acla nach Überlebenden.

Rettungskräfte suchen in den Schneemassen von Acla nach Überlebenden.

Lawinenunglück von Evolène 1999

Die Monate Januar und Februar im Jahr 1999 gingen als Lawinenwinter in die Geschichtsbücher ein. Wegen den starken und lang anhaltenden Schneefällen kam es in weiten Teilen des Alpenraums zu zahllosen Lawinenniedergängen mit teilweise katastrophalen Folgen. Eines der schwersten Unglücke ereilte die Gemeinde Evolène im Kanton Wallis. 

Am Abend des 21. Februars löste sich die Lawine auf einer Breite von rund vier Kilometern und donnerte talwärts. Auf ihrem Weg zerstörten die Schneemassen etliche Alphütten und rissen mehrere Personen mit. Die Lawinenzüge erreichten den Talgrund und rissen dort mehrere Gebäude und parkierte Autos mit und verschütteten Strassen. Das Unglück von Evolène forderte 12 Todesopfer – lediglich die Lawinen von Reckingen 1970 und Vals 1951 forderten mehr Opfer. 

So berichtete die SRF-Nachrichtensendung «Schweiz aktuell» im Februar 1999 über die Rettungsarbeiten nach dem Lawinenunglück von Evolène:

Lawine im Diemtigtal 2010

Am 3. Januar 2010 haben zwei Lawinengänge im Diemtigtal im Berner Oberland sieben Menschenleben gefordert. Die erste Lawine wurde durch zwei Personen einer achtköpfigen Skitourengruppe ausgelöst, die vom losgetretenen Schneebrett mitgerissen wurden. Eine weitere Person wurde von den Schneemassen verschüttet. 

Als die Rettungskräfte am Unglücksort eintraffen, ereignete sich der zweite Lawinenabgang. In einem angrenzenden Hang lösten sich erneute Schneemassen und begruben insgesamt elf Personen und den Arzt der Rega. Die traurige Bilanz des Lawinenunglücks im Diemtigtal beläuft sich auf sieben Todesopfer.  

Diemtigtal 2010: Dutzende Helfer suchen in den Schneemassen nach Überlebenden.

Diemtigtal 2010: Dutzende Helfer suchen in den Schneemassen nach Überlebenden.

Lawinenniedergang im Val d'Anniviers 2011

Oberhalb von Ayer im Kanton Wallis kamen Anfang April 2011 drei deutsche Tourenfahrer in einer Lawine ums Leben. Die Retter bezeichneten die Lawine mit einer Länge und einer Breite von je 500 Metern damals als «gigantisch». 

Die Lawine löste sich an der Montagne de la Nava und riss ingesamt sieben Mitglieder der Tourengruppe mit sich. Zwei weitere Personen blieben verschont und konnten die Rettungskräfte alarmieren. Trotz der schnellen Rettungsarbeiten verstarben zwei Personen noch am Unglücksort, eine dritte Person nach der Bergung im Spital in Sion. Eine weitere Person erlitt Verletzungen unbekannten Grades. Die anderen drei Verschütteten blieben unverletzt.

Blick auf den Lawinenkegel an der Montagne de la Nava.

Blick auf den Lawinenkegel an der Montagne de la Nava.

Lawinenunglück am Piz Vilan 2015

Am 31. Januar 2015 geriet eine neunköpfige Skitourengruppe aus dem Kanton Aargau am Piz Vilan in eine Lawine. Drei Männer konnten nur noch tot geborgen werden. Zwei schwer verletzte Frauen starben später im Spital.

Ski-Tour von SAC Lägern endet mit schwerem Lawinenunglück

Ski-Tour von SAC Lägern endet mit schwerem Lawinenunglück (Beitrag vom Februar 2015)

Lawine bei Fiesch 2018

Im Gebiet Obers Tälli bei Fiesch im Kanton Wallis traf eine Lawine eine fünfköpfige Tourenski-Gruppe aus Spanien. Zwei Männer im Alter von 37 und 48 Jahren, darunter der Bergführer, sowie eine 38-jährige Frau kamen dabei ums Leben. (luk)

Rettungskräfte im Gebiet des Lawinenabgangs oberhalb von Fiesch VS.

Rettungskräfte im Gebiet des Lawinenabgangs oberhalb von Fiesch VS.

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