Die Schweiz ist erfolgreich im Integrieren unterschiedlicher Kulturen. Vielfalt hat hierzulande Tradition. Doch die Affäre um muslimische Schüler, die ihrer Lehrerin den Handschlag verweigern, wirft Fragen auf: Gibt es eine schweizerische Leitkultur, braucht es diese und wenn ja, wie zeichnet sich eine solche aus?

Die «Nordwestschweiz« fragte bei Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur nach.

«Jeder blamiert sich auf eigene Kosten»

Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor

Peter Schneider

Peter Schneider

«Als (rechter) Kampfbegriff ist «Leitkultur» das Gegenstück zum links-grün konnotierten Konzept der Multikultur; als Konsensbegriff über alle Parteien hinweg erscheint er als Alternative zur Horrorvorstellung der Ausbildung von Parallelgesellschaften. Nun sind aber Parallelgesellschaften eigentlich ein typisches Kennzeichen liberaler und sozial inhomogener Gesellschaften. Man lese Pierre Bourdieus «Die feinen Unterschiede», und man erfährt, wie fein und zugleich immens gross die kulturellen Differenzen, welche die ökonomischen Klassen in vermeintlich einer Kultur voreinander trennen, sind.

Bei der Deklaration und Durchsetzung einer «Leitkultur» soll sich der aufgeklärte Staat mit einem Mal so aufführen, wie man es dem hinterletzten anatolischen Patriarchen vorwirft, dass er es tut. Er soll nicht bloss die Einhaltung der bürgerlichen Rechte und Pflichten durchsetzen (was zweifellos seine Aufgabe ist), sondern z. B. auch die Kleidersitten und bestimmte Ansichten über Frauen oder Homosexuelle. Dem ist zweierlei entgegenzuhalten: Erstens: Jeder blamiert sich auf eigene Kosten. Zweitens: Dass bürgerliche und das Strafrecht schafft genau das Mass an Leitkultur, das wir brauchen.

Alle Gesellschaften und Kulturen sind in sich heterogen und in Bewegung, und zwar sowohl die eigene als auch die fremde. Wer vor der paranoiden Angst heimgesucht wird, eine Gesellschaft könnte sich durch den Einfluss von Einwanderern verändern, hat nichts von der Dynamik moderner Gesellschaften begriffen und sollte vorsichtshalber in Nordkorea einen Asylantrag stellen.»

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

(Tele Züri, 4.4.2016)

«Die allgemeine Schulpflicht gehört zu einer Leitkultur»

Rainer J. Schweizer, St. Galler Staatsrechtler

Rainer J. Schweizer

Rainer J. Schweizer

«Weil die Schweiz ein vielsprachiges Land ist, meiden wir mit gutem Grund den Begriff Leitkultur. Die Sprachen sind Zeichen unterschiedlicher kultureller Gemeinschaften. Rätoromanische und deutschsprachige Schweizer zum Beispiel unterscheiden sich nicht nur in ihrer Kultur, sondern haben teilweise unterschiedliche ethnische Wurzeln. Trotzdem bestehen Teilelemente einer gesamtschweizerischen Leitkultur: Dazu gehören der kleingliedrige Föderalismus, die direkte Demokratie sowie verschiedene Bürgerpflichten. Auch die Verankerung der öffentlichen Schule in der Gesellschaft ist Teil davon. Die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, also noch vor der Gründung des Bundesstaats. Die Volksschule sollte nicht-konfessionell, also für alle Konfessionen offen sein, und sie sollte kostenlos sein. Erst dadurch wurde Schulbildung für alle zugänglich. Gerade deshalb habe ich mit der Verweigerung eines Handschlags gegenüber einer Lehrerin Mühe. Primär handelt es sich weder um ein konfessionelles Problem noch um eine Diskriminierung. Vielmehr wird eine Grundregel des Anstands an einer Schule gestört. Anstand aber ist zentral in einer Institution, die Bildung vermitteln will. Deshalb halte ich diese Debatte über eine Verletzung dieser Sitte auch für wichtiger als die Kopftuchdiskussion.»

«Wichtig ist die grösstmögliche Freiheit für alle»

Gerhard Pfister, designierter CVP-Präsident

Gerhard Pfister

Gerhard Pfister

«Sinnvoll und dringend nötig ist die Diskussion in der Schweiz darüber, welche Regeln in unserer Gesellschaft verhandelbar sind und welche nicht. Leitkultur bedeutet für mich die historische und kulturelle Prägung, die ein Land hat. Aus dieser Prägung entwickeln sich Regeln des Zusammenlebens und eine Kultur, die die Rechte und Pflichten, aber auch die Freiheiten der hier lebenden Menschen beschreiben.

Wichtig ist, die grösstmögliche Freiheit für alle zu gewährleisten, die Zurückhaltung des Staates gegenüber den Menschen, die Vielfalt sowie der Konsens, dass alle diese Errungenschaften immer neu ausgehandelt und geregelt werden müssen. Und dass der Staat dort eingreifen muss, wo diese Errungenschaften bedroht sind. Den Staat darf nicht kümmern, was die Menschen hier denken, aber der Staat muss sich darum kümmern, was die Menschen hier tun.»

«Die abendländische Kultur hat hier Vorrang»

Roger Blum, Medienwissenschafter

Roger Blum

Roger Blum

«Ich finde den Begriff «Leitkultur» nicht so glücklich. Im Falle der Schweiz würde ich eher von der abendländischen, europäischen und christlichen Kultur sprechen. Diese tradierte Kultur hat dort, wo es um allgemeine Regeln des Zusammenlebens geht, Vorrang vor jeder andern Kultur.

Der verweigerte Handschlag wirft ein Schlaglicht auf die Differenzen zwischen einer teilweise areligiösen christlichen Gesellschaft und orthodoxen (wahabitischen) Sunniten. Die Medien haben diesen Fall sicherlich etwas hochgespielt. Umgekehrt ist es die Aufgabe der Medien, einer überforderten Bildungsdirektorin, die das Problem vor sich herschiebt, auf die Finger zu sehen.»

«Keine Kultur ist alleinselig machend»

Beat W. Zemp, Präsident Lehrerverband LCH

Beat W. Zemp

Beat W. Zemp

«In der Schweiz leben Menschen aus verschiedenen Kulturen. Unsere Leitkultur müssen wir gemeinsam erarbeiten, keine Kultur ist alleinselig machend. Bezüglich der Schule gibt es einen juristischen und einen pädagogischen Aspekt. Das Anstaltsrecht ermächtigt Schulen, Regeln in einer Schulordnung festzusetzen. Diese kann man von oben herab diktieren oder gemeinsam mit Eltern und Schülern erarbeiten. Die Frage ist, wie Regelverstösse sanktioniert werden. Schüler müssen erst lernen, Regeln einzuhalten. Sie dazu anzuleiten, gehört zum Erziehungsprozess.»

«Das Recht ordnet das Zusammenleben»

Dominik Elser, Co-Präsident Operation libero

Dominik Elser

Dominik Elser

«Der Begriff Leitkultur ist unsinnig, zumal als politische Kategorie. Das Wort Leit- suggeriert, es gäbe eine Kultur, die vorherrschend ist. In der Schweiz haben wir nicht eine, sondern viele Kulturen. Und Kultur ist ein gefährlicher Begriff, weil er Menschen in Gruppen einteilt und sie ausgrenzt. Wir gehen von der Freiheit des Einzelnen aus. Breiter Konsens, nicht bloss kleinster gemeinsamer Nenner, ist unser Rechtsstaat. Das Recht ordnet das Zusammenleben und ist für alle gleich. Was bei uns als Anstand, Traditionen und Sitten gilt, ist stets aufs Neue auszuhandeln.»

«Wir müssen bereit sein, Ausländer aufzunehmen»

Min Li Marti, Nationalrätin SP

Min Li Marti

Min Li Marti

«Was ist überhaupt Leitkultur? Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft? Diese Werte vertrete ich auch. Problematisch an der Diskussion um die Leitkultur ist, dass vieles andere mit dem Begriff mitgemeint ist: Von der Verfassung bis zur Waschküchenordnung. Es gibt Gesetze, die klar definiert sind, und es gibt ungeschriebene Regeln. Die müssen wir kommunizieren.

Fakt ist: Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Damit Migranten sich erfolgreich integrieren können, braucht es die Bereitschaft des Einwanderungslands, die Ausländerinnen und Ausländer aufzunehmen. Das heisst, dass sie hier eine Zukunft aufbauen können, dass sie hier eine Heimat finden und Schweizer werden (ob mit Pass oder nicht). Und dass sie dann auch richtige Schweizer sind, auch wenn ihre Vorfahren nicht auf dem Rütli dabei waren.»

«Die Schweiz ist eine Willensnation»

Önder Güneş, Sprecher des Muslim-Verbands Fids

Önder Güneş

Önder Güneş

«Die Schweiz ist eine Willensnation mit verschiedenen gesellschaftlichen Usanzen und Ansichten. Diese können in Genf und in der Ostschweiz variieren. Werte wie Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit gehören sowohl zur Schweiz wie auch in andere europäische Länder. Eher schweizerisch ausgeprägte Begriffe in diesem Kontext könnten zum Beispiel exakte Arbeitsweise, Pünktlichkeit, Fleiss und Dialogbereitschaft sein. Allumfassend dazu steht die Verfassung, die ein sehr wichtiges Gut ist.»

«An die Nächstenliebe haben sich alle zu halten»

Felix Müri, Nationalrat SVP

Felix Müri

Felix Müri

«Unsere Regeln sind zu akzeptieren. Wir sind ein christliches Land. Werte wie die Nächstenliebe, an die haben sich hier alle zu halten. Daher kann ich es nicht verstehen, wenn sich jemand über Kirchenglocken oder Kuhglocken aufregt. Als ich in Dubai war, habe ich selbstverständlich beim Betreten einer Moschee die Schuhe ausgezogen und auf den Genuss von Alkohol verzichtet. Typisch schweizerisch, dass man jetzt versucht, denjenigen entgegenzukommen, die sich nicht an die Regeln halten wollen. Je mehr fremde Kulturen bei uns leben, desto komplizierter wird es.»