Zu viele Fakten, zu viele Männer, zu viele unechte Bärte: Die vier Historienfilme und Aushängeschilder des SRG-Themenmonats sorgten bereits im Vorfeld für Diskussionen.

Nun, 30 Tage später, sind es immer noch die Kostümfilme rund um historische Gestalten wie Henri Dufour oder Bruder Klaus, deren Bilder in den Medien präsent sind. Dabei hatte der Themenmonat «Die Schweizer» weit mehr zu bieten. Historische Radioprogramme, ein Familientausch, eine Animationsserie oder Dokumentarfilme sollten den TV-November versüssen und ein Bild vom Leben in der Schweiz vermitteln – von damals und heute.

Ein netter Tausch

Selbstverständlich fiel die Qualität bei einem solch reichhaltigen Programm unterschiedlich aus. Am Radio SRF lief beispielsweise die Reihe «Sinerzyt», in der ältere Bewohner des Landes aus ihrer Vergangenheit berichteten. Trotz wortgewandten Gesprächspartner drehte sich die Serie im Kreis.

Zahlreich waren die Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die aber keine neuen Einblicke lieferten.

Ebenfalls übers Radio konnten die Zuhörer mitverfolgen, wie Familien ihre Wohnsitze tauschten. So zogen im Rahmen von «2 Familien, 1 Schweiz» etwa die Teubers aus St.Gallen mit ihren drei Kindern ins Tessin – obwohl nur die Mutter etwas Italienisch spricht.

In der Schule oder beim Apéro waren Missverständnisse programmiert, doch diese wurden von allen Beteiligten charmant gelöst. Nicht zuletzt dank dem zuvorkommenden Umfeld, dass sich der medialen Rolle der Teubers stets bewusst war. Für mehr Unterhaltungswert hätte man die Tauschfamilie ruhig mal auflaufen lassen dürfen – das wäre aber halt unschweizerisch gewesen.

Gemeinsam weinen

Und am Fernsehen? Während auf 3+ Bauern ihre grosse Liebe suchten und «Der Bachelor» mit seinen Rosenanwärterinnen turtelte, begleitete das SRF im Reality-Format «Ja, ich will. Heiraten in der Schweiz» Paare von den Vorbereitungen bis zur Trauung.

Da wurde viel geweint: Auf der serbisch-orthodoxen Märchenhochzeit ebenso wie bei der Wiedervereinigung des 77-jährigen Rentners mit seiner dominikanischen Verlobten oder bei der Ziviltrauung des gehörlosen Paars. Und wohl hie und da auch auf der anderen Seite des Bildschirms.

Wirklich aufgedreht wurde der Qualitätshahn beim Dokfilm-Programm: zum Beispiel mit «Die bekannte Unbekannte – Sophie Taeuber-Arp», eine fesselnde Annäherung an die Künstlerin (1889–1943). Oder «Elisabeth Kübler-Ross – dem Tod ins Gesicht sehen», ein eindrückliches Porträt der Schweizer Sterbensforscherin (1926– 2004), die in den 60er-Jahren das bis heute gültige fünfstufige Trauerverarbeitungs-Modell entwickelte.

Aber: Die Filme hätten ebenso gut in die Reihe «Sternstunden: Philosophie» gepasst und waren dem treuen Publikum bereits bekannt. Gepaart mit Konzertaufzeichnungen von Heidi Happy oder The bianca Story ergab das ein doch ziemlich willkürliches Programm.

Für den grössten Unterhaltungswert sorgte das Internet. Auf dem Onlineportal von «Die Schweizer» konnten die User Fragen beantworten und schliesslich nachvollziehen, welchem prominenten Schweizer sie am nächsten stehen – ob Charles Lewinsky oder Christa Rigozzi. Ausserdem wurde aufgrund der Antworten berechnet, welchem Kanton man sich am ehesten zugehörig fühlt. Lacher und Sticheleien inklusive.

Film aus Handyvideos

Zudem wurde der Kurzfilm «Mein Leben – Meine Schweiz» online geschaltet. Radiozuhörer wurden im Verlauf des Monats aufgefordert, Handyvideos von ihrem Schweizer Alltag aufzunehmen und einzusenden.

Aufnahmen vom Morgenkaffee bis zur Partynacht – daraus wurde ein lustiger 10-Minuten-Film zusammengeschnitten, der aber auch gleich das grösste Problem des Themenmonats vor Augen führt: Die Aufnahmen könnten von hier, aber auch von irgendwo auf der Welt stammen. Unser Alltag ist mal bäuerlich, mal urban, aber immer vielseitig und entsprechend ungriffig. «Die Schweizer» hätte also einfach «Die Menschen» heissen können.

Im Vorfeld schrieb SRG-Direktor Roger de Weck: «Mit dem Themenmonat erörtern wir Fragen zum Wesen und Werden der Eidgenossenschaft: vom Bündnis des Mittelalters zum modernen Bundesstaat und wie es weitergehen mag in den Umbrüchen des 21. Jahrhunderts.»

Der erste Teil wurde erfüllt, doch lieferte das Programm Antworten, wie mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen ist? Nein, wenn man konkrete Lösungsansätze erwartete. Ja, wenn man mit dieser Antwort leben kann: Um ein Land, in dem die audiovisuellen Leitmedien dem Seelenzustand seines Publikums einen ganzen Monat widmen, kann es nicht allzu schlecht sehen.