Winter
Nach dem Schnee droht die Flut: «Das wird schlimmer als 1999, viel schlimmer»

Keiner kennt sich besser aus mit Lawinen als Werner Munter. Die aktuelle Situation sei äusserst kritisch. Die eingeschneiten Touristen tun ihm nicht leid. Sorgen macht ihm etwas ganz anderes.

Samuel Schumacher
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Nach dem Schnee droht die Flut
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Riesige Mengen Schnee müssen derzeit in den Alpen – im Bild: Davos – aus dem Weg geräumt werden.
Zahlreiche Dörfer sind eingeschneit.

Nach dem Schnee droht die Flut

Dominc Steinmann/Keystone

Werner Munter steht bis zum Bauch im Schnee, als das Handy klingelt. Rund um ihn herum liegt meterhoch weiss glitzerndes Pulver, am Hang hinter ihm steht sein eingeschneites Haus; das höchstgelegene im Walliser Ort Arolla zuhinterst im Val d’Hérens.

Werner Munter «Wenn es jetzt wärmer wird, dann gibts eine Katastrophe.»

Werner Munter «Wenn es jetzt wärmer wird, dann gibts eine Katastrophe.»

Emanuel Per Freudiger

«Der Sicherheitsdienst der Gemeinde hat mich heute Morgen angerufen und gesagt, ich solle das Haus nicht verlassen», erzählt der «Lawinenpapst» dem Reporter am Telefon. «Aber der Hund muss halt auch mal Pipi machen.»

Das Werk «3×3 Lawinen», das Munter in den 90er-Jahren geschrieben hat, gilt als Standardwerk der Lawinenforschung. Kaum einer in der Schweiz weiss mehr über die Gefahren der weissen Macht als der einstige Bergführer, der vor seiner Pensionierung 2006 zehn Jahre lang für das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos gearbeitet hat. Seine Ex-Kollegen in Davos haben für weite Teile des Wallis, des nördlichen Alpenkamms und für Teile des Kantons Graubünden die höchste Lawinengefahrenstufe (Stufe 5, «sehr gross») ausgerufen.

Ein Lawinenradarsystem überwacht die Strasse nach Zermatt – und hielt fest, wie eine Lawine den Hang hinunterkommt.
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Die Aufräumarbeiten sind im Gange.
Das Nordportal auf der Autobahn A2 mit obligatorischer Ausfahrt nach Airolo. Die Strassen und Eisenbahnen blieben in Airolo wegen eines Erdrutsches auf der Autobahn A2 geschlossen.
Das Nordportal auf der Autobahn A2 mit obligatorischer Ausfahrt nach Airolo. Die Strassen und Eisenbahnen blieben in Airolo wegen eines Erdrutsches auf der Autobahn A2 geschlossen.
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Verschüttete Autobahn A2 zwischen der Wilerplanggen und der Ripplistal-Galerie
Beim von der Schlammlawine betroffenen Fahrzeug handelt es sich um einen Lieferwagen mit deutschen Kontrollschildern. Das Fahrzeug ist auf die Schlammlawine aufgefahren. Der Fahrer konnte sich selber befreien und blieb unverletzt.
Eine Lawine ist am Montagabend auf der Nord-Süd-Verbindung A2 niedergegangen.
Ganz in der Nähe von Zermatt ging am Montagnachmittag eine Lawine nieder.
Ein Murgang blockiert am Montag die BLS Bergstrecke oberhalb von Gamsen im Gemeindegebiet Naters.
Aufgrund ergiebiger Schneefällen und Regenschauer erfolgte eine Schlammlawine, die sich über das Geleise bewegte.
Schneechaos im Engadin.
Die riesigen Neuschneemengen erlauben derzeit in Davos keine Kundgebung.
Mit dieser Argumentation hat der Kleine Landrat ein Demonstrationsgesuch abgelehnt. (Archivbild)
Schneepflüge im Einsatz. Aufgrund des starken Schneefalls ist die Strecke zwischen Fiesch und Oberwald (Wallis) gesperrt.
Andermatt (UR) ist einer von fünf Bergsportorten, die von der Aussenwelt abgeschnitten sind.
Ein Rundgang durch das verschneite Andermatt.
Ein Rundgang durch das verschneite Andermatt.
Die Gemeindenachrichten waren online wohl einfacher erhältlich.
Autos, Geleise oder Werbeplakate versinken in Goms im Schnee.
Der Schnee hat auch Davos im Griff: Polizisten schaufeln den Weg vor dem Kongresszentrum frei, wo morgen das WEF startet.
Verschneite Geleise beim Bahnübergang Clavadelerstrasse in Richtung Bhf Davos Platz
Ein Tourist fotografiert das zugeschneite Kongresszentrum, wo morgen das WEF startet.
Zermatt und Andermatt sind von der Aussenwelt abgeschnitten und nur noch über Luft erreichbar.
Zurzeit befinden sich rund 9000 Touristen in Zermatt.
Aufgrund erhöhter Lawinengefahr sind die Strassen nicht mehr befahrbar.
Laut SRF Meteo kommen bis Dienstagmorgen im Alpenraum noch einmal grosse Neuschneemengen zusammen.
Gebietsweise seien schon bis zu drei Metern Schnee gefallen.
Eine Familie wartet mit ihrem Gepäck auf den Hubschrauber.
Die Air Zermatt bestreitet die Luftbrücke.
Zermatt ist wegen heftigen Schneefalls von der Aussenwelt abgeschnitten.
Zermatt kann nur über einen Helikopter erreicht oder verlassen werden.
Die Menschen stehen Schlange, um ein Ticket für den Helikopter zu ergattern, der sie aus Zermatt fliegt.
Der Andrang ist gross.
Die Air Zermatt bestreitet die Luftbrücke.
Die Bahn fährt nicht. Zermatt ist nur über die Luft erreichbar.
Schneeräumung in Täsch.
Weitere Bilder aus Zermatt und Täsch.

Ein Lawinenradarsystem überwacht die Strasse nach Zermatt – und hielt fest, wie eine Lawine den Hang hinunterkommt.

Geopraevent

Der viele Schnee, die stürmischen Winde und die überdurchschnittlich hohen Temperaturen würden zu einer aussergewöhnlichen Situation führen, teilt das SLF mit. Erwartet werden auch teilweise grosse Lawinen, die bis in die Täler vorstossen und auch sonst weniger betroffene Verkehrswege und Gebäude gefährden könnten. Nicht zuletzt darum blieben Ortschaften wie Andermatt, Elm oder Zermatt auch gestern von der Umwelt abgeschnitten (siehe auch Texte unten).

Abgeschnitten in Zermatt: «Nach drei Tagen werden die Leute nervös»

Unter den rund 9000 Touristen, die derzeit in Zermatt festsitzen, sind auch die Teilnehmer des Ski-Weekends der Baselbieter CVP/BDP-Fraktion. Mit dabei ist auch Finanzdirektor Anton Lauber, der gestern eigentlich wieder in seinem Liestaler Büro hätte sitzen sollen. «Die Stimmung ist nach wie vor sehr gut. Es wurde und wird viel politisiert», erzählte Lauber. «Das ist ja auch Sinn und Zweck von Fraktionsanlässen über das Wochenende.»

Auch Parteikollege Pascal Ryf ist ganz entspannt. «Nach einem ausgiebigen Frühstück sind wir nun am Jassen, einige sind am Lesen oder am Baden. Wir dürfen zurzeit das Haus nicht verlassen», so der Landrat. Am Morgen sei ein Schneebrett unmittelbar neben dem Hotel runtergekommen. «Das war schon ziemlich eindrücklich», sagt Ryf. Die politische Arbeit könnten die Schneemassen aber nicht stoppen.

Viel zu besprechen in Zermatt hatte auch Balz Stückelberger. Der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Banken in der Schweiz sitzt mit rund 20 Bankern im Wallis fest. «Ich habe jetzt ein Ticket gekriegt für den Heliflug hinunter nach Täsch», erzählte er. «Voraussichtlich muss ich aber noch einen Tag auf den Flug warten.»

Die Zermatter gäben sich aber alle Mühe, die eingeschneiten Touristen bei Laune zu halten – mit Gratiswürsten und Schwyzerörgeli-Konzerten. Von seiner Zeit im Krisenstab des Kantons Baselland wisse er aber, dass die Stimmung in solchen Situationen nach drei Tagen normalerweise kippt. «Dann werden die Leute langsam nervös. Davon ist derzeit aber noch nichts zu merken.» (SAS)

Sagt die Touren ab!

Werner Munter macht die aktuelle Situation Sorgen. «In den vergangenen 36 Stunden haben wir hier einen Meter Neuschnee gekriegt.» Problematisch sei aber nicht in erster Linie der viele Schnee, sondern die steigende Temperatur. «Wenn es jetzt wie angekündigt wärmer wird, dann gibts eine Katastrophe», erklärt der Wahl-Walliser in breitem Bernerdialekt. Damit sich der Schnee setzen könne, brauche es Zeit und Kälte. Fehlt die Kälte, dann sei das Risiko gross, dass ganze Schneedecken abgleiten und Lawinen auslösen, sagt Munter.

Wie verheerend solche schweren Nassschneelawinen sein können, zeigte sich zuletzt 1999. Im damaligen «Lawinenwinter» kamen in der Gemeinde Evolène, zu der auch Munters Wohnort Arolla gehört, am 21. Februar zwölf Menschen in einer Lawine ums Leben. Munter selbst wurde damals evakuiert und verbrachte mehrere Tage im Hotel du Mont-Collon.

Tiefere Lagen: Hochwasser und Schlamm

Während in den Alpen der Schnee zu Einschränkungen führte, zeigten die starken Regenfälle im Unterland ihre Auswirkungen. Im Jura etwa war die Bahnlinie zwischen Cortébert und Courtelary wegen Hochwassers unterbrochen. Und in Champéry VS lief der Fluss über und hat eine Schlammlawine durch das Dorf gespült.

Auch an den grossen Flüssen in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau ist das Hochwasserrisiko gestiegen. Die Rheinschifffahrt zwischen Rheinfelden AG und der Schleuse Kembs (F) ist wegen Hochwassers gestern gar eingestellt worden. (sda/nch)

Der Vergleich mit dem Lawinenwinter hinke aber, sagt er. «1999 lag in Evolène nur etwa ein halber Meter Schnee. Der grosse Schneefall kam damals erst nach den Lawinengängen.» Heute lägen teilweise bis zu viereinhalb Meter Schnee an den Hängen. «Wenns hier reinregnet, wird das schlimmer als 1999, viel schlimmer», fürchtet Werner Munter.

Allen Wintersportlern rät er in den kommenden Tagen dringend, die geplanten Ausflüge in die Berge abzusagen. «Bliibed deheim, ganz eifach!» Jetzt rauszugehen, könne fatal enden. Und an Ski- oder Schneeschuhtouren sei in den verschneiten Alpenräumen sowieso kaum zu denken. «Ich sinke mit meinen Schneeschuhen knietief ein. Man kommt kaum vorwärts.» Wenn es in den kommenden Tagen kälter werde, dann sehe die Situation vielleicht bald besser aus.

Opfer sind die Tiere

Wie das Wetter auch wird: Werner Munter ist vorbereitet. «Ich wäre dank meinen Müesli- und Milch-Vorräten rund zehn Tage autark», erzählt er. «Zudem habe ich einen Gaskocher mit Gas für rund fünf Stunden.» Selbst wenn der Strom ausfallen würde, könnte er notfalls kochen. Nur seine Lebenspartnerin sieht er wohl ein paar Tage lang nicht. «Die ist in unserem Chalet in Vernamiège. Aber wir telefonieren, es geht uns prima.» Im Grunde seis ja eigentlich wunderbar, dass so viel Schnee liege. «Das ist endlich mal wieder ein richtiger Winter.»

Trotzdem: Eine Sache macht dem bärtigen Bergler Sorgen. Nicht die rund 9000 Touristen, die in Zermatt derzeit festsitzen, nein. «Die sind ja ausgerüstet, die sollen nicht klagen», sagt Munter. «Sorgen machen mir die Tiere. Ich beobachte hier Eichhörnchen, die sich nicht mehr bis zu ihren Vorräten durchgraben können. Und auch meine zehn Kilo Vogelfutter
sind schon fast verbraucht.» Munter schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Vögel in den betroffenen Gebieten verhungern könnten. «An die Rehe und Gämsen will ich gar nicht denken: diese armen Viecher ...»

Dann hängt Munter auf und stapft zurück in die warme Stube. Da wird er bleiben, bis die weisse Gefahr in ein paar Tagen gebannt und der Spuk vorüber ist – genau wie die Touristen in Zermatt und all den anderen abgeschnittenen Ortschaften. Nur hat Munter im Vergleich zu ihnen keine Jass- und Gesprächspartner.