«Scheiss-Mohrechopf»

Nach dem Rassismus-Skandal von St.Gallen: «Man gibt seine Gesinnung nicht vor dem Stadion ab»

Nein zu Rassismus: Der FC St.Gallen distanzierte sich auch beim Heimspiel vom Sonntag gegen Thun in aller Deutlichkeit von Rassismus.

Nein zu Rassismus: Der FC St.Gallen distanzierte sich auch beim Heimspiel vom Sonntag gegen Thun in aller Deutlichkeit von Rassismus.

«Scheiss-Mohrechopf»: Die Verbalattacke eines St.Galler Zuschauers gegen FCZ-Spieler Aiyegun Tosin hallt nach. Im Vergleich zu früher haben rassistische Strömungen in der Anhängerschaft des FCSG zwar massiv abgenommen – ganz verschwunden sind sie aber nie. Derweil gibt es viel Lob dafür, wie der Club mit dem Vorfall umgeht.

Frühsommer 2000: Die Fussball-Ostschweiz hat einen Helden – und er ist schwarz. Mit 25 Toren ist Angreifer Charles Amoah einer der Hauptverantwortlichen für den ersten Titelgewinn der Espen seit 96 Jahren:

© Keystone

Frühsommer 2020: Auch der aktuelle Liebling der St.Gallen-Fans ist schwarz. Er heisst Lawrence Ati Zigi und steht im Tor der Ostschweizer:

© Freshfocus

Der Meisterheld von damals ein Schwarzer, der aktuelle Torhüter ein Schwarzer – das hat einen Zuschauer am vergangenen Donnerstag im Kybunpark nicht davon abgehalten, FCZ-Stürmer Aiyegun Tosin nach dessen Treffer als «Scheiss-Mohrechopf» zu beschimpfen.

Bei Christian Wandeler, Geschäftsleiter von Fanarbeit Schweiz, löst der Rassismus-Eklat vom Kybunpark Unverständnis aus. «Leider ist es aber nie ganz auszuschliessen, dass es zu solchen Vorfällen kommt. Denn der Fussball ist ein Abbild unserer Gesellschaft», sagt Wandeler. Er warnt aber davor, automatisch anzunehmen, der Übeltäter von St.Gallen gehöre zur aktiven Fanszene, die normalerweise im Espenblock steht: «Rassistische, diskriminierende Äusserungen kommen nicht nur in den Fankurven vor. In allen Sektoren der Stadien nehme ich Leute wahr, die solches Gedankengut äussern.»

Affenlaute, Bananenwürfe und der Hitlergruss

Noch in den 80er- und 90er-Jahren wurde in der St.Galler Fanszene Rassismus offen ausgelebt. War ein schwarzer Spieler des Gegners am Ball, ertönten Affenrufe aus dem Fanblock im Espenmoos, teils flogen gar Bananen auf den Rasen. Gewisse Anhänger zeigten während der Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellung des Heimteams zudem offen den Hitlergruss, und es wurden Fanlieder zum Thema Auschwitz angestimmt. Solche Tendenzen gab es nicht nur in St.Gallen, sondern bei vielen Schweizer Vereinen – Christian Wandeler kennt sie aus eigener Anschauung auch aus dem Umfeld des FC Luzern, wie er sagt.

All dies gehört seit vielen Jahren der Vergangenheit an. Wandeler erklärt: «Ab Mitte der 2000er-Jahre entstanden die ultra-orientierten Fankurven. Diese setzten auf Selbstregulierung, und politische Äusserungen wurden aus den Stadien verbannt.» Die aktuellen Fussball-Fanszenen in der Schweiz verstehen sich demnach als apolitisch, sodass die offensichtlichen, organisierten rassistischen Äusserungen gegen schwarze Spieler massiv zurückgegangen sind. «Es gibt aber natürlich Leute in unserer Gesellschaft, die ein solches Menschenbild haben. Und seine Gesinnung gibt man nicht vor dem Stadion ab», sagt Christian Wandeler.

Dabei muss es für solche Anhänger auch nicht zwingend eine Rolle spielen, dass für das eigene Team ebenfalls schwarze Spieler auflaufen. Wandeler fühlt sich dabei an frühere Diskussionen über Gastarbeiter erinnert: «Jene paar, die man irgendwann näher kennengelernt hat, waren dann halt die Guten. Und die anderen eben nicht.»

«Raus mit den Rassisten!»

Der FC St.Gallen reagierte am Samstag, als der Skandal um den «Scheiss-Mohrenkopf»-Rufer publik wurde, schnell. Und überaus deutlich: Der Club distanzierte sich in aller Schärfe vom entsprechenden Fan und kündigte eine Strafanzeige an. Espen-Präsident Matthias Hüppi hielt fest:

Zudem schaltete der Club im unmittelbaren Vorfeld der Partie vom Sonntag gegen Thun auf Facebook und Instagram folgendes Posting auf:

Christian Wandeler begrüsst diese klare Haltung, wie er sagt. Und auch die grosse Mehrheit der Fans scheint zufrieden, wie der FC St.Gallen mit dem Vorfall umgeht: Auf Instagram wurde der entsprechende Beitrag fast 3000 Mal geliked, und es gab Rückmeldungen wie «Gute Reaktion!» oder «Raus mit den Rassisten!»

Nein zu Rassismus: Der FC St.Gallen distanzierte sich auch beim Heimspiel vom Sonntag gegen Thun in aller Deutlichkeit von Rassismus.

Nein zu Rassismus: Der FC St.Gallen distanzierte sich auch beim Heimspiel vom Sonntag gegen Thun in aller Deutlichkeit von Rassismus.

Kapo-Sprecher: «Werden alle Mittel ausschöpfen»

In seiner Ankündigung, Strafanzeige zu erstatten, zeigte sich St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi sehr zuversichtlich, dass der fehlbare Anhänger identifiziert werden kann. In die Karten spielt dem Club, dass derzeit gerade einmal 750 handverlesene Fans in den Kybunpark dürfen. Jeder der Glücklichen, die per Losentscheid Zutritt zum Stadion erhalten, muss ein Formular mit seinen Personalien ausfüllen, bevor er ins Stadion darf, und wird dann entweder auf die Haupt- oder die Gegentribüne gewiesen.

Hanspeter Krüsi, Chef Kommunikation der St.Galler Kantonspolizei, nimmt erfreut zur Kenntnis, dass der FC St.Gallen den Ermittlern Zugriff auf die Videoüberwachung im Stadion gewähren will. «Wir pflegen gute Kontakte zum FCSG und ziehen am selben Strick. Es ist natürlich ideal, wenn man auf diese Art zusammenarbeiten kann», so Krüsi. Es sei zudem denkbar, dass die Polizei Besucher des Heimspiels gegen den FC Zürich befragen werde, welche die rassistische Beleidigung allenfalls direkt mitbekommen hätten.

«Wir werden alle Mittel ausschöpfen, um diesen Vorfall aufzuklären», betont Krüsi. Manchmal brauche es bei Ermittlungen mehr, manchmal etwas weniger Aufwand. «Am einfachsten wäre es natürlich, wenn sich die entsprechende Person selber melden würde. Das würde von einer gewissen Einsicht zeugen.»

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