Für einmal kämpften sogar Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften Hand in Hand gegen die SVP-Initiative, dazu alle Mitte- und Linksparteien, Kantonsregierungen, Firmenchefs etc. Wenn eine derart breite Koalition ihr ganzes Gewicht in die Waagschale wirft und verliert, dann zeugt das von erschüttertem Vertrauen.

Politisch hat der Bundesrat den Vertrauensverlust zu verantworten. Vor der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit 2002 bestritt er, dass die Zuwanderung stark zunehmen würde. Dann ignorierte er zu lange das Unbehagen im Volk - dabei waren das Ja zur Anti-Minarett-, zur Ausschaffungs- und zur Minder-Initiative Warnung genug. Wenige Wochen vor der Abstimmung beschränkte der Bundesrat dann den Zugang zu den Sozialwerken für Einwanderer - was er schon lange hätte tun können.

So viel zur Vergangenheitsbewältigung. Wichtiger ist der Blick nach vorne. Und da herrscht immerhin in einem Punkt Konsens: Der Volkswille ist zu respektieren. Nach dem EWR-Nein 1992 sagte der damalige Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz: «Das ist ein schwarzer Sonntag.» Gestern sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga: «Das ist Demokratie.» In einer Demokratie ist es legitim, dass das Volk sagt, wie viel Zuwanderung es will.

Was aber am Resultat auffällt: Diejenigen, die am stärksten betroffen sind – die Zürcher, Basler, Genfer, ja generell die Städter – sagten Nein. Die Landbewohner, die weniger merken von Dichtestress, verstopften Strassen und steigenden Mieten, sagten Ja. Einen so deutlichen Graben zwischen Stadt und Land sowie zwischen Deutsch- und Westschweiz gab es schon lange nicht mehr. Das gestrige Resultat hat uns wieder einmal vor Augen geführt, dass es die Schweiz nicht gibt. Sondern dass unser Land aus verschiedensten Lebenswirklichkeiten besteht.

Der gestrige Entscheid wird unsere Europa-Politik der kommenden Jahre prägen. Zwei Punkte werden interessant sein: erstens, wie die EU auf diesen demokratischen Volksentscheid reagiert und wie sie mit einem kleinen Land umspringt. Zweitens, wie die SVP ihre Verantwortung wahrnimmt. Sie hat ihre Initiative offen formuliert, was Spielraum in der Umsetzung lässt. Diesen kann man nutzen, um eine vernünftige Lösung zu finden. Oder um dem politischen Gegner ständig mangelhafte Umsetzung vorzuwerfen.

«Land des Geldes, Land der Angst.» So titelte gestern «Spiegel online». Völlig verkehrt: Ein Ja zeugt nicht von Angst, sondern von hoher Risikobereitschaft. Denn der wirtschaftliche Schaden wäre enorm, wenn der schlimmste Fall eintreffen sollte: die Kündigung der bilateralen Verträge. Das wäre der GAU für die Schweiz. Tröstlich jedoch: Meistens kommt es in der Politik nicht so übel, wie in Abstimmungskämpfen hüben und drüben prophezeit wird.