Micheline Calmy-Rey forderte die Frauen auf, für das Aufnahmeverfahren, den Concours Diplomatique, zu kandidieren.

Den Studentinnen der Universität Zürich erklärte sie 2006, dass von 116 Botschaftern lediglich 11 Frauen seien. Calmy-Rey: «Das ist einfach zu wenig. Die Schweiz muss im Ausland in ihrer ganzen Vielfalt vertreten sein.» Dazu gehörten auch die Frauen und die vier Landessprachen, sagte die Aussenministerin damals.

Männer von der Liste gestrichen

Gemäss Aussendepartement (EDA) sind in den letzten Jahren nicht nur mehr Frauen ins diplomatische Corps eingezogen, sondern auch mehr Romands und Tessiner. Die Aussenministerin hatte ihr Ziel also erreicht.

Doch ihrer Vision von Chancengleichheit im Diplomatischen Dienst verhalf sie nicht nur mit Ansprachen an Universitäten zum Durchbruch. Sie erhöhte das Alter der Bewerber von 30 auf 35, damit auch junge Mütter Chancen haben, sich am Concours anzumelden. Und sie griff aktiv ins Auswahlverfahren der Jungdiplomaten ein: Im Jahr 2006 akzeptierte Calmy-Rey die Vorschläge der Auswahlkommission nicht. Die von Professoren, Politikern und Diplomaten besetzte Kommission hatte 14 Kandidaten vorgeschlagen – nur vier davon waren Frauen. Um die Gleichheit wenigstens auf dem Papier herzustellen, strich die Aussenministerin von den zehn männlichen Anwärtern sechs von der Liste.

Seither war das Aufnahmeverfahren für die männlichen Bewerber noch weniger berechenbar. Die Auswahl hing aber noch nie von den Qualifikationen alleine ab. Aber seit 2006 wird die Chancengleichheit strikte vollzogen. Jährlich wurden mindestens so viele Frauen aufgenommen wie Männer. Ausser 2010: Da waren es 7 Frauen und 3 Männer.

Das Ende der Quote?

Vor acht Monaten hat Calmy-Rey ihren Posten geräumt und schon stürmen potenzielle Diplomatinnen und Diplomaten das EDA: 282 Bewerbungen gingen dieses Jahr ein. Im Vorjahr waren es 64. Die Bewerber haben sich mehr als vervierfacht. Und das, obwohl sich laut EDA weder am Inhalt der Prüfung noch an den Prüfern etwas verändert hat. Pierre-Alain Eltschinger, Pressesprecher des EDA, sagt, das Interesse an der Diplomatie habe man durch «interne Faktoren» steigern können. Insbesondere das Marketingkonzept sei angepasst worden. Man habe die Inserate überarbeitet und vermehrt Auftritte an Hochschulen organisiert.

Diese Begründung vermag aber die massive Steigerung der männlichen Bewerber wohl nicht zu erklären: 2011 meldeten sich rund 30 Männer an, heuer sind es rund 170. Der Hintergrund ist klar: Mit dem Rücktritt von Calmy-Rey, so hoffen die Männer, wird der strikten Geschlechterparität ein Ende gesetzt.

Eltschinger sagt, das EDA lege grossen Wert auf die Chancengleichheit. Und: «Schwankungen sind von Jahr zu Jahr möglich und hängen hauptsächlich von der Anzahl der Bewerbungen sowie damit verbunden mit der Qualität der Kandidatinnen und Kandidaten zusammen.»

Die ambitionierten jungen Männer, die Angst hatten, Calmy-Reys Quote zum Opfer zu fallen, glauben offensichtlich trotzdem, sie hätten jetzt mehr Chancen. Hinter vorgehaltener Hand wird ihnen auch empfohlen, ein Jahr abzuwarten; bis sich die erste Welle gelegt hat.