Verhüllungsverbot

Nach Burka-Debatte: Kommt bald das Kippa-Verbot?

Herbert Winter spricht sich gegen das Burkaverbot aus.  Alex Spichale

Herbert Winter spricht sich gegen das Burkaverbot aus. Alex Spichale

Der Präsident des Israelitischen Gemeindebundes Herbert Winter sorgt sich um die Toleranz. Jeder sollte tragen können, was er möchte, sagt er im az-Interview.

Herr Winter, heute debattiert der Ständerat über ein nationales Verhüllungsverbot im öffentlichen Raum («Burkaverbot»), eine Standesinitiative des Kantons Aargau. Was halten Sie davon?

Herbert Winter: Ich bin gegen ein Burkaverbot, obschon auch ich gerne den Menschen ins Gesicht schaue. Wir leben hierzulande aber in einem liberalen Rechtsstaat, und jeder sollte tragen können, was er möchte. Allerdings soll das Gesicht, wo zum Beispiel von den Behörden verlangt, gezeigt werden. Es ist leider nicht auszuschliessen, dass irgendwann im Zuge dieser Diskussion über religiöse Kleidungsvorschriften auch das Tragen der jüdischen Kopfbedeckung Kippa infrage gestellt wird. Die Tendenz, dass die Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten abgenommen hat, bereit mir grosse Sorgen.

Wissen Sie von Kreisen, in denen ein Kippa-Verbot erwogen wird?

Nein, bisher nicht. Wir Juden hörten aber nach der Annahme der Minarettinitiative problematische Äusserungen von Politikern. Ich erwähne als Beispiele die Forderung, separate Friedhöfe für religiöse Minderheiten zu verbieten, das Thema Schulabsenzen oder Knabenbeschneidungen.

Ist dies eine direkte Folge der Minarettinitiative?

Ich sehe dies als allgemeine Stimmung, ausgelöst durch ein Bewusstsein, das vermeintlich typisch Schweizerische zu betonen und Abweichungen davon nicht zu akzeptieren.

Verheiratete jüdische Frauen dürfen ihre Haare in der Öffentlichkeit ebenfalls nicht zeigen. Sie verdecken ihre Haare mit einem Kopftuch oder tragen eine Perücke. Wie stehen Sie dazu?

Nur ein kleiner Teil der Jüdinnen in der Schweiz hält diese Vorschrift ein. Aber dies ist keine Verschleierung. Das Gesicht ist sichtbar; daher ist es nie ein Problem.

Und an staatlichen Institutionen?

Ich habe Verständnis für das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an staatlichen Schulen. Das Bundesgericht hat in einem Entscheid betont, dass aus Gründen der konfessionellen Neutralität das Kopftuch bei Lehrerinnen nicht zulässig sei. Für die Schülerinnen sehe ich jedoch keinen Grund für ein solches Verbot.

Tauschen Sie sich mit den anderen religiösen Minderheiten wie Muslimen über Themen wie Schuldispensationen aus?

Im Rat der Religionen, in welchem Christen, Juden und Muslime Einsitz haben und ich Vorsitzender bin, sind allgemein religiöse Symbole in der Öffentlichkeit Diskussionsthema. Punkto Schuldispensen haben jüdische Schüler in der Regel keine Schwierigkeiten, an jüdischen Feiertagen freizunehmen. In Einzelfällen können jedoch Probleme auftreten.

Die Muslime werden dadurch allerdings ungleich behandelt, weil ihnen dieses Anliegen zum Teil verwehrt wird.

Wenn solche Anliegen verwehrt werden, dann offenbar mit der Begründung, dass Schuldispensen der Inte-gration nicht förderlich sind. Bei der jüdischen Gemeinschaft, welche seit langem ein integraler Teil der Bevölkerung ist, stellt sich die Frage nach der Integration nicht.

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