Zürich
Nach Blochers Übernahme: Droht dem Tagblatt nun ein Boykott?

Christoph Blocher kauft das offizelle Organ der SP-dominierten Stadt Zürich: das «Tagblatt der Stadt Zürich». Das sorgt für Protest – und Schulterzucken.

Pascal Ritter
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Blocher übernimmt neu das «Tagblatt der Stadt Zürich».

Blocher übernimmt neu das «Tagblatt der Stadt Zürich».

Keystone

Die Zürcher waren gewarnt. Und sie reagierten schnell. Nur Stunden nachdem der Verkauf der Anteile von Tamedia am «Tagblatt der Stadt Zürich» bekannt geworden war, konnte man bereits Kleber mit der Aufschrift «Keine SVP-Propaganda! Kein Tagblatt!» bestellen. Am Briefkasten angebracht sollen sie künftig Verträger davon abhalten, die Zeitung hineinzulegen.
Die Warnung kam vor einem Monat via «Schweiz am Wochenende»: Blocher verkauft die «Basler Zeitung» an Tamedia und bekommt dafür deren Anteile am «Tagblatt der Stadt Zürich».

Der Aufschrei war gross. Rund 60 der 125 Gemeinderäte wollten vom Stadtrat wissen, wie er nach einer Übernahme von Blocher die publizistische Unabhängigkeit des Blattes garantieren könne. Das Tagblatt publiziert im Auftrag der Stadt amtliche Mitteilungen. Zudem schalten städtische Ämter regelmässig Inserate. Die Regierung versuchte zu beruhigen. Die Verpflichtung «ausgewogen und sachlich» zu berichten, sei vertraglich gesichert.

2. Version von Blocher verkauft BaZ an Tamedia Pressekonferenz
11 Bilder
Christoph Blocher, links, und Pietro Supino, Verwaltungsratspraesident der Tamedia AG, rechts, sprechen an einer Medienkonferenz zur Uebernahme der Basler Zeitung durch die Tamedia in Basel, am Mittwoch, 18. April 2018. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Christoph Blocher verkauft die BaZ.
Medienkonferenz...
vlnr: Markus Somm, Christoph Blocher, Pietro Supino, Serge Reymond
Markus Somm
Noch ein Schluck Wasser? Markus Somm und Christoph Blocher
Pietro Supino, Tamedia
vlnr. Markus Somm, Christoph Blocher, Pietro Supino, Serge Reymond
Markus Somm und Christoph Blocher

2. Version von Blocher verkauft BaZ an Tamedia Pressekonferenz

Roland Schmid

Betont gelassen gab sich gestern Lucia Eppmann. Am Telefon erzählt sie fröhlich, dass das Tagblatt, die Karikaturen des «Nebelspalter» nicht abdrucken müsse. Die Zeichnungen des Satiremagazins illustrieren Seiten anderer Zeitungen, die nun zu Blochers Gratiszeitungsimperium gehören. Dieses wurde gestern um einiges grösser. Alleine das Tagblatt verfügt gemäss der Werbemittelforschung WEMF über 126 000 Leserinnen und Leser. Dazu bekam Blocher noch die Titel Furttaler und Rümlanger sowie zwei Westschweizer Anzeiger.

Tagblatt-Chefin Eppmann erklärte zudem, der Spielraum, um im Tagblatt überhaupt politisch Einfluss zu nehmen, sei ohnehin gering. Tatsächlich ist der Anzeiger nicht für kontroverse Enthüllungen bekannt und überlässt die politische Kommentare weitgehend den Stadträten, die regelmässig in Kolumnen zu Wort kommen. Eppmann betont zudem, dass Rolf Bollmann, Verwaltungsratspräsident der neuen Besitzerin Zeitungshaus AG, ihr versichert habe, der Besitzer werde keine Beiträge an ihr vorbei ins Blatt bringen. Man wolle zudem unbedingt den Vertrag mit der Stadt Zürich samt seinen Neutralitätsauflagen erfüllen. Dieser Vertrag läuft noch bis Ende 2022.

Reichweite der Blocher-Gratiszeitungen.

Reichweite der Blocher-Gratiszeitungen.

Aufschrei dürfte ausbleiben

Eine frühere Kündigung des Vertrages zwischen der Stadt und den neuen Besitzern des Tagblattes kann nur erfolgen, wenn eine Weiterführung für die Stadt unzumutbar geworden sei, schreibt der Stadtrat in seiner Antwort an die Gemeinderäte: Dies könne zum Beispiel dann eintreten, wenn die «sachliche, politisch und journalistisch ausgewogene Berichterstattung nachweislich nicht mehr gewährleistet» sei. Allerdings ist es städtischen Behörden und Amtsstellen frei, auf zusätzliche Inserate im amtlichen Teil zu verzichten. Solche bekommen sie heute zum reduzierten Tarif.

Die grosse Empörung wie in Basel dürfte in Zürich ausbleiben. Zu unbedeutend ist das Tagblatt für die Meinungsbildung. Zudem ist der SVP-Einfluss auf Amtsblätter in Zürich nichts Neues. SVP-Milliardär Walter Frey besitzt eine grosse Zahl davon über seine Lokalinfo AG. Seinen 35-Prozent-Anteil am Tagblatt hat er gestern ebenfalls an Blocher verkauft. Ob die Boykott-Kleber einen Effekt haben, darf zudem bezweifelt werden. Die meisten Tagblatt-Exemplare landen ohnehin nicht im individuellen Brief-, sondern im gemeinsam genutzten Zeitungskasten. Viele bleiben dort liegen.