Aarwagen
Nach 55 Tagen kommt das Aus

An der letzten Konferenz der Gemeinderatpräsidenten des Amtes Aarwangen blickte Regierungsstatthalter Martin Lerch auf beinahe 21 Jahre Amtszeit zurück. Das Positive überwiege bei weitem, sagte er.

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Sitzung

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az Langenthaler Tagblatt

Irmgard Bayard

Zahlenspiele

In 250 Monaten als Statthalter von Aarwangen hat Martin Lerch einiges erlebt. Nachfolgend ein paar Beispiele (ungefähre Zahlen):
- 10 000 Inventare
- 75 000 FFE-Kilometer (bei 30 Einvernahmen/Jahr in Münsingen bei Fürsorgerischen Freiheitsentzügen)
- 3800 Baubwilligungen (ca. 2 -3 Milliarden Franken)
- 385 Gemeindeüberprüfungen
- 1600 gemeinderechtliche Rechnungen passiert
- 1000 Beschwerdeverfahren (Verwaltungs-, Sozialhilfe, Vormundschaftsbeschwerden)
- 30 amtliche Untersuchungen
1400 Bodenrechtsverfügungen (nahmen infolge des Strukturwandels immer mehr zu)
- 8000 vormundschaftliche Rechnungen passiert
- 6700 Feuerwehreinsätze
- 2500 Vereidigungen /Einführungen ins Amt

«Es war einmalig. Das Positive überwiegt klar.» Mit diesen Worten schloss gestern Martin Lerch (SVP), Regierungsstatthalter des Amtes Aarwangen, seinen Rückblick auf 250 Monate Berufs-tätigkeit. Noch bis Ende Jahr bleibt er im Amt. «Volles Engagement bis am Schluss», nannte er sein Motto bis zum 31. Dezember. Danach übernimmt der bisherige Regierungsstatthalter Wangen, Martin Sommer (SP), das Zepter für den neuen Verwaltungskreis Oberaargau.

Die 21 Jahre seien schön und komplex gewesen. «Der Wandel findet immer statt», betonte er. Man könne sich dagegen wehren oder aber sich aktiv daran beteiligen, wie er es gemacht habe. Speziell gerne erinnere er sich an die Zusammenarbeit mit den Gemeindekader. «Vor allem die Konferenzen und der Dialog mit Ihnen werde ich vermissen», sagte er zu den vollzählig erschienenen Gemeinderatspräsidenten. Diese Plattform nannte er als eines der Highlights während seiner Amtszeit.

«Der Strafvollzug ist sicher»

An der letzten Konferenz der Gemeindratspräsidenten des Amtes Aarwangen informierte Regierungspräsident Hans-Jürg Käser (FDP) aus seiner Polizei- und Militärdirektion. «Der Strafvollzug ist sicher, aber es gibt keine Null-Risiko-Garantie», nahm er Stellung zu den kürzlich bekannt geworden Vorkommnissen, wo Straftäter aus dem therapeutischen Massnahmenzentrum St. Johannsen entwichen sind. Das Ziel sei es, Inhaftierte nach dem Verbüssen der Strafe wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Dazu gehöre unter anderem nach der Haftstrafe der halboffene und therapeutische Vollzug. Dass die Straftäter gut betreut würden, belegte Käser mit Zahlen: für 900 Gefängnisplätze seien 870 Mitarbeitende nötig, viele davon psychologisch geschult. «Diese Fachleute handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Aber auch sie sehen nicht in die Menschen hinein», nahm er die Verantwortlichen in Schutz.
Käser äusserte sich auch kurz zum Asylwesen: «Der Kanton Bern muss gemäss Bund 13,8 Prozent aller Migranten aufnehmen»; über private Sicherheitsfirmen: «Wir sind daran, einen Konkordatsvertrag zwischen den Kantonen auszuarbeiten»; das Waffenregister: «Kriminelle tragen sich nicht darin ein»; und die Steuersituation: «Ist der Steuersatz wirklich ein entscheidenes Kriterium bei der Wahl des Wohnortes?».
Er glaube, die Regierung werde von der Bevölkerung positiv wahrgenommen, resümierte Käser am Ende seiner Ausführungen. (iba)

Kritisch äusserte sich Lerch zur «überbordenden Zentralverwaltung». Dabei gehe seiner Ansicht nach die Gesamtschau, die Verhältnismässigkeit bei der Beurteilung einzelner Dossiers verloren. Viele Aufgaben seien in den 21 Jahren den Regierungsstatthalterämtern verlustig gegangen oder würden per Ende Jahr wegfallen. Als Beispiele nannte er unter anderen die Erteilung von Waffenerwerbs- und Tragbewilligungen, das Ausstellen von Jagd- und Fischereipatenten, die Passation der Jahresrechnungen der öffentlich-rechtlichen Körperschaften, «oder auch nur das Überbringen von Gratulationen an 100-jährige Bürger, das ich immer sehr gerne mache», so Lerch.

Den Kopf voller Bilder

Andererseits kamen neue Aufgaben dazu, wie etwa die umfassende Zuständigkeit im Gastgewerbe und das Beurteilen des Handlungsbedarfes bei häuslicher Gewalt, die neu als Offizialdelikt gilt. Als eindrücklich schilderte Lerch die Feuerwehreinsätze, vor allem bei Grossbränden. «Ich habe den Kopf voller Bilder davon», sagte er und nannte unter anderem Einsätze im Gugelmannareal in Roggwil. Feuerschäden in der Höhe von rund 100 Millionen Franken und Hochwasserschäden in der Höhe von rund 50 Millionen Franken habe es in seiner Amtszeit gegeben (weitere Zahlen siehe Kasten).

Martin Lerch ist übrigens der zehnte und letzte Regierungsstatthalter des Amtsbezirkes Aarwangen. Davor gab es vier Oberamtmänner, einen Districthalter und 75 Landvögte. Am

30. Dezember zieht das Regierungsstatthalteramt ins Schloss nach Wangen, am 30./31. Dezember findet die offizielle Amtsübergabe mit Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) statt. Am zweitletzten Tag ist noch die Übung «Chutzefüür», die Verabschiedung der Amtsfeuerwehren, geplant. Lerch wird nach einem Sprachaufenthalt und einer Ausbildung seinen Dienst als Verteidigungsattaché im Ausland antreten.