Neutralität
Mythos Neutralität: Die Historiker raufen sich die Haare

Die Bevölkerung will sie unbedingt beibehalten – 99 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sind gemäss einer Studie dafür. Dabei wissen die Wenigsten über den Ursprung Bescheid.

Antonio Fumagalli
Merken
Drucken
Teilen

Wie gut kennen Sie die Schweiz?

1. Im welchem Jahr wurde die
heutige Schweiz gegründet?
a)1291
b) 1648
c) 1848
d) 1920

2. Wann wurde die Souveränität der Schweiz gegen aussen anerkannt?
a) 1291
b) 1648
c) 1848
d) 1920

3. Wann ist die Schweiz dem Völkerbund beigetreten?
a) 1291
b) 1648
c) 1848
d) 1920

Antworten:
1c 1848 wurde der schweizerische Bundesstaat gegründet, der bis heute den gleichen föderalistischen Aufbau hat.
2b Im Westfälischen Frieden von 1648.
3d Am 16. Mai 1920 hat das Schweizer Volk den Beitritt gutgeheissen.

Diese Frage stellten die Militärakademie und das Center for Security Studies der ETH Zürich rund 1200 Schweizer Stimmbürgern im Rahmen der Studie «Sicherheit 2014».
Die genannten Jahreszahlen lassen aufhorchen, sie weisen eine Spannweite von nicht weniger als 700 Jahren auf - vom Rütlischwur bis zum Ende des Kalten Krieges.

Die Antwort «1291», als die Vertreter von Uri, Schwyz und Unterwalden gemäss der Überlieferung einen Eid gegen die Habsburger besiegelten, fiel dabei mit Abstand am häufigsten (28 Prozent). Es folgten die Gründung des Bundesstaats (18 Prozent), der 1. Weltkrieg (11 Prozent) und der 2. Weltkrieg (9 Prozent).

Historiker raufen sich die Haare - denn mit der Neutralität wird allgemein die «Nichtbeteiligung eines Staats an einem Krieg anderer Staaten» verstanden. So definiert es zumindest das Historische Lexikon der Schweiz.

Die meistgenannte Antwort fällt somit aus dem Rennen, stellte die Eidgenossenschaft fremden Mächten doch während Jahrhunderten Söldnertruppen zur Verfügung. «Wenn es an Geschichtskenntnis mangelt, beruft man sich auf mythologisch hochstilisierte Ereignisse», sagt Historiker Urs Altermatt.

Die korrekte Antwort - beziehungsweise diejenige, die sich in der Geschichtswissenschaft durchgesetzt hat - nannten gerade mal 6 Prozent der Umfrageteilnehmer: Der Wiener Kongress von 1815. Dann wurde die Neutralität von den Grossmächten offiziell anerkannt.

Das Wesensmerkmal der Schweiz

Unabhängig von der Datierung ihres Ursprungs erfährt die Neutralität als eines der Kernelemente der Aussen- und Sicherheitspolitik eine hohe Zustimmung. 96 Prozent sprechen sich für die Beibehaltung des Prinzips aus. Das zeigt: Die Neutralität ist gewissermassen ein Wesensmerkmal der Schweiz.

Höchste Zustimmung bei Jungen

Die Geschichtsschreibung spielte dabei eine entscheidende Rolle. «Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde aus der Neutralität ein unglaublicher Mythos konstruiert», sagt Hans Ulrich Jost, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Uni Lausanne. Innenpolitisch sei dies wichtig gewesen, um Differenzen - insbesondere zwischen den Landesteilen - zu überbrücken. Aussenpolitisch sei es gleichzeitig «ein wunderbares Mittel, um überall mitzumischeln, ohne Verantwortung zu übernehmen», so Jost.

Dass sich in Zukunft an der breiten Verankerung der Neutralität etwas verändert, ist nicht anzunehmen - obwohl (oder gerade weil) die Schweiz stetig vernetzter ist. Den Beleg dafür lieferte die Frage, ob die Schweiz neutral bleiben soll. Sie erhielt bei den 18- bis 29-Jährigen den höchsten Ja-Anteil - 99 Prozent.