Patientendossiers
Müssen alle Ärzte bald die Computer füttern?

Schweizer Spitäler erfassen die Krankengeschichten ihrer Patienten bereits elektronisch, viele Ärzte ebenfalls. Können Ärzte in Praxen bald dazu gezwungen werden? Der Ständerat entscheidet heute darüber.

Anna Wanner
Merken
Drucken
Teilen
Viele Ärzte erfassen die Patientendaten bereits heute elektronisch.

Viele Ärzte erfassen die Patientendaten bereits heute elektronisch.

Christian Beutler/keystone

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet voran und ist nicht mehr zu stoppen: Schweizer Spitäler erfassen die Krankengeschichten ihrer Patienten bereits elektronisch, viele Ärzte sind ebenfalls vom Papier weggekommen und haben die Vorteile erkannt: Der schnelle Zugriff auf Labortests, ältere Berichte und verabreichte Medikamente. Auch Bundesrat und Parlament treiben die Umsetzung voran. Allerdings steht der Verabschiedung des Gesetzes noch ein wichtiger Entscheid im Weg: Können Ärzte, die in einer Praxis arbeiten, dazu gezwungen werden, die Daten in den Computer einzuspeisen?

Ob Ärzte verpflichtet werden können, hängt vom heutigen Entscheid des Ständerats ab. Bisher lehnte er das ab und setzte sich für die sogenannt doppelte Freiwilligkeit ein: Sowohl der Patient als auch der Arzt kann für sich entscheiden, ob er die Krankendaten digitalisieren will. Angesichts der Tatsache, dass die Entwicklung sowieso nicht aufzuhalten ist, will der Ständerat der älteren Generation von Ärzten keine zusätzlichen Hürden in den Weg legen. Der Wandel könne ohne Zwang in den nächsten Jahren vollzogen werden.

Politisches Geplänkel

Eine Mehrheit des Nationalrats will hingegen eine Verbindlichkeit im Gesetz, um den Wechsel zum elektronischen Dossier voranzutreiben. Der Tenor: Wenn nur ein Teil der Ärzte mitmacht, bringt der ganze Systemwechsel nichts. Dieser Ansicht ist auch der Spitalverband H+. Direktor Bernhard Wegmüller sagt, damit sich die Kosten und der Aufwand für die Spitäler lohne, seien Doppelspurigkeiten zu vermeiden. Dazu müssten alle Daten eines Patienten verfügbar sein. «Das kann nur gewährleistet werden, wenn alle Ärzte mitmachen. Sonst bleibt ein Restrisiko und die Spitäler müssen Untersuchungen wiederholen», so Wegmüller.

Zusammen mit der Ärzteschaft wehrt sich die ständerätliche Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) gegen den Zwang. Diese empfiehlt einstimmig, von einer Pflicht für Ärzte abzusehen. Bloss: Wenn sich National- und Ständerat heute nicht einigen können, wird das Gesetz frühestens im Herbst verabschiedet.

Umbau auf eigene Faust

Unabhängig davon, wie und wann sich das Parlament entscheidet: Spitäler arbeiten zusammen mit Leistungserbringern aus ihrer Region an einem gemeinsamen Netzwerk. Auch einzelne Kantone treiben die Digitalisierung eigenmächtig voran. Kleinere Projekte im Aargau, in St. Gallen oder Genf zeigen, dass der Austausch zwischen Arzt, Pflegeeinrichtungen und Spitälern ganz gut funktioniert.

Das bisher grösste Projekt zur elektronischen Erfassung der Patientendaten hat die Gesundheitsdirektion Zürich lanciert: Rund 1,4 Millionen Patienten sollen auf einer kantonalen Plattform erfasst werden. Involviert sind neben rund 40 Spitälern und Tausenden Ärzten auch die Spitex, die Apotheker und der Verband der Heime Curaviva. Christian Schär, Präsident des Verbands Zürcher Krankenhäuser, begleitet das Projekt. Er sagt, dass zum Mitmachen niemand gezwungen worden sei. Trotzdem habe sich die Einbindung aller Leistungserbringer gelohnt: «Da alle mitreden können, gibt es bisher keine Fundamentalopposition.» Das sei wichtig. «Wenn das Projekt zum Fliegen kommen soll, müssen wir eng zusammenarbeiten», so Schär.

Datensicherheit hat Priorität

Ob das Projekt funktioniert, hängt aber vor allem auch von der gemeinsamen Internetplattform ab, über welche die Patientendaten zugänglich gemacht werden können. Das Problem, das sich heute stellt: Die Spitäler haben eigene Informatiksysteme eingeführt, die wiederum nicht unbedingt mit anderen kompatibel sind. Um Befugten den Zugang zu gewähren, müssen Schnittstellen geschaffen werden. Ein Umrüsten der Informatiksysteme ist gemäss Experten selten nötig.

Hingegen muss sichergestellt werden, dass Unbefugten der Zugang zu den hochsensiblen Daten verwehrt bleibt. Im Gesetz vorgesehen ist ein System vieler dezentraler Speicher: In den Spitälern, in den Praxen und den Heimen. So kann die Sicherheitsschwelle für Zugriffe erhöht werden. Da es kantonal unterschiedliche Regeln gibt, wäre zur Garantie das nationale Gesetz zwingend. Jetzt müsste es das Parlament noch annehmen.