Muslime machen kaum Probleme

Auch muslimische Kinder müssen in der Schule am Schwimmunterricht teilnehmen. Dies hält das Volksschulamt in seinen neuen Richtlinien fest. Doch die Zürcher Schulleiter reagieren gelassen auf die neuen Richtlinien der Bildungsdirektion.

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Musliminnen beim Fastenbrechen

Musliminnen beim Fastenbrechen

Limmattaler Zeitung

Philippe Klein

So sieht wohl das Horrorszenario vieler Lehrer aus: Wutentbrannt erscheint der irakische Vater zum Elterngespräch und verlangt, dass seine Tochter aus religiösen Gründen nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen muss. Oder: Weinend erzählt die Schülerin aus dem Kosovo, dass ihr die Eltern verboten hätten, mit ins Klassenlager zu fahren.

Das Kopftuch ist in der Schule erlaubt

Auf vier A-4-Seiten hat das Volksschulamt Regeln publiziert, wie Lehrer mit muslimischen Schülern umgehen sollen. Die wichtigsten Punkte:
Turn- und Schwimmunterricht: Grundsätzlich müssen alle mitmachen. Wenn die Eltern von muslimischen Kindern es wünschen, können diese in leichten Kleidern schwimmen, damit ihre Körper bedeckt sind.
Ramadan: Kinder, die während dem Ramadan fasten, können auf Begehren der Eltern vom Turn- und Kochunterricht befreit und anderweitig schulisch beschäftig werden.
Biblische Geschichte: Für das Freifach «Biblische Geschichte» können Kinder abgemeldet werden. Ab kommendem Schuljahr bis 2016 wird es durch «Religion und Kultur» ersetzt. Dieses wird dann so aufgebaut, dass alle Schülerinnen und Schüler daran teilnehmen können. Religiöse Lieder, die dem Glauben der Muslime widersprechen, müssen sie nicht mitmachen.
Klassenlager/Exkursionen: Eltern können ihre Kinder mit Begründung vom Klassenlager abmelden. Dieses muss dann den Unterricht mit einer anderen Klasse an der Ortsschule besuchen. Allerdings sollen die Lehrer die Eltern im Gespräch davon überzeugen, die Kinder mitkommen zu lassen. Zum Beispiel damit, dass es nach Geschlechter getrennte Schlafräume gebe und männliche und weibliche Begleitpersonen mitkämen.
Kopftuch: Die Volksschule kennt keine Kleidervorschriften. Die Eltern sind für die Bekleidung verantwortlich. Das Kopftuch ist somit erlaubt. (pik)

Weitere Informationen:
www.vsa.zh.ch
«Leitlinien zu Bildung und Integration» - unter «Downloads», «Schule und Migration»

Die Frage ist klar: Sind die Glaubensgrundsätze des Islam überhaupt mit den Anforderungen der heutigen Schullandschaft in Einklang zu bringen?

Ja, meint das Volksschulamt des Kantons Zürich. Vor kurzem hat die Verwaltung ein Papier veröffentlicht, das regelt, wie mit muslimischen Schülerinnen und Schülern umgegangen werden soll. Die Richtlinien wurden gemeinsam mit der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) erarbeitet. Grundtenor: An der Volksschule gelten für alle die gleichen Rechte und Pflichten - allerdings muss auch die Ausübung der Religion gewährleistet sein, so will es die Bundesverfassung (siehe unten).

Alltag verläuft unproblematisch

In der Schulpraxis kommen die Richtlinien der Bildungsdirektion gut an: «Mir scheinen sie vernünftig und sinnvoll», sagt etwa Heinz Köbeli, Schulleiter der Schuleinheit Ruggenacher in Regensdorf. Allerdings habe man auch nicht darauf gewartet. Von 700 Schülern seien in seiner Schule 140 - also rund 20 Prozent - muslimischen Glaubens. «Wir haben uns rechtzeitig arrangiert», sagt Köbeli. Trotz des hohen Anteils an muslimischen Schülern verlaufe der Schulalltag unproblematisch: «Es sind wenige Einzelfälle, die Probleme machen.»

Diese Einschätzung teilt man auch an der Schuleinheit Waldegg in Horgen, wo Klassen mit bis zu 70 Prozent fremdsprachigen Schülern unterrichtet werden - darunter auch viele Muslime. Schulleiter Bruno Daneffel sagt: «Egal ob Ramadan, Schwimmunterricht oder Schulreise: In den 18 Jahren, in denen ich hier Schule gebe, haben wir im Gespräch mit Eltern und Schülern immer eine Lösung gefunden.» Dennoch sieht Daneffel in den jetzt vorliegenden Richtlinien etwas Gutes: «Falls es mal zu einem Härtefall kommen sollte, haben wir eine klare Handhabe.

Ähnlich tönt es auch in Dübendorf. Schulleiter Marcel Scherrer von der Anlage Grüze 1-4, selber Vize-Präsident der Schulpflege Schwerzenbach: «Es sind Einzelfälle, in denen die Eltern von muslimischen Schülern Probleme machen. Und diese sorgen dann für fette Schlagzeilen.»

«Absurde Empfehlungen»

Kritischere Töne kommen aus dem Limmattal. Kurt Leuch, Schulleiter im Dietiker Oberstufen-Schulhaus Zentral und EVP-Kantonsrat sagt: «Die Richtlinien sind viel zu weich. Für alles und jedes ist eine Ausnahme vorgesehen.» Es sei schlicht «absurd» zu empfehlen, dass man als Lehrer während des Ramadan auf Klassenlager verzichten solle. Leuch: «Jetzt ist Ramadan - und bis zu den Herbstferien ist die ideale Zeit für Klassenlager.» Auch sei es unzumutbar für eine Klassenlehrperson, im Klassenlager zu garantieren, dass in absolut keinen Speisen, zum Beispiel in Gipfeli, tierische Fette enthalten seien.

«Natürlich braucht es Fingerspitzengefühl», findet Leuch, «aber es müssen für alle die gleichen Regeln gelten.» Der Kantonsrat verweist auf eine SVP-Motion zum Thema die nächstens behandelt wird. Diese fordert unter anderem Sanktionen gegen Eltern, die ihre Kinder während der Fastenzeit nicht in den Turnunterricht schicken. Die EVP werde dieses Vorhaben «im Grundsatz» unterstützen.

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