Gegen Radikalisierung

Muslime fordern Schweizer Imame für Gefangene

Statt Koran-Prediger sollen Seelsorger Islamisten auf den rechten Weg zurückbringen. Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, verleiht seiner Idee nach den Pariser Terroranschlägen von vergangener Woche Nachdruck.

Neben dem Internet oder manchen Moscheen sind Frankreichs Gefängnisse die Brutstätten des Terrorismus. Das zeigt die Akte Chérif Kouachi.

Der 32-jährige Sohn algerischer Einwanderer richtete letzte Woche zusammen mit seinem älteren Bruder Saïd auf der Redaktion von «Charlie Hebdo» in Paris ein Blutbad an. 

Ein Gefängnisaufenthalt dürfte in der totalen Radikalisierung von Chérif Kouachi ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Moschee-Besuche und eine Reise in den Jemen: In Haft lernte er 2008 den Islamisten Djamel Beghal kennen. Nach der Entlassung übte Beghal mit den späteren Terroristen von Paris in den Wäldern der Auvergne das Schiessen.

Terrorbrut in der Haftanstalt

Der Schweizer Geheimdienst wies bereits in seinem Jahresbericht von 2006 auf die Radikalisierungsgefahr in Schweizer Gefängniszellen hin. Dass diese Gefahr keine blosse Fiktion darstellt, stellte sechs Jahre später eine Handvoll Krimineller in der Westschweiz unter Beweis: In La-Chaux-de-Fonds wurde 2012 eine Drogenbande unter der Führung eines Tschetschenen, eines Afghanen und eines Schweizer Füsiliers mit bosnischen Wurzeln der Prozess gemacht. 

Neben dem Handel mit Drogen sollen sie Abhängige zum Islam zwangskonvertiert und noch aus dem Gefängnis heraus für die Verbreitung ihrer islamistischen und gewalttätigen Ideen gesorgt haben. Nach ihrer vorzeitigen Haftentlassung setzten sie ihre Propagandatätigkeit für ein grösseres Publikum fort: Ein selber produzierter und auf Youtube gestellter Hip-Hop-Videoclip zeigt maskierte Männer und Brutalo-Szenen. Im Video ebenfalls einen Auftritt hat ein Scharfschütze, der die Uniform des Schweizerischen Zivilschutzes trägt.

Imame kennen Schweiz zu wenig

In Schweizer Strafanstalten bilden Muslime das Gros der Insassen. Anders als die Anstalten in Frankreich sind die Schweizer Gefängnisse allerdings eher überblickbar. Fachpersonen betonen, dass sich die Insassen gut betreuen lassen. Extra engagierte Imame sorgten ausserdem für die geistige Gesundheit der muslimischen Insassen.

Eben diesem Punkt widerspricht nun aber Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios). Der Soziologe hält die Ausbildung der in Schweizer Haftanstalten tätigen Imame für unzureichend. «Die meisten von ihnen sind keine Seelsorger, sondern Koranprediger, die versuchen, die Menschen zur Religion zurückzuführen», sagt er der «Nordwestschweiz». 

Das sei an und für sich nicht schlecht, jedoch fehle es den ausländischen Imamen schlicht an Wissen über die Schweiz. «In der Türkei oder in Ägypten ausgebildete Imame verstehen die Kultur hierzulande nicht», erklärt Afshar weiter. Komme hinzu, dass die Imame meist nur für wenige Jahre blieben und dann wieder abgezogen würden. 

Dabei sei es gerade wichtig, dass ein Imam seine Gemeinde kenne. Das gelte gerade für ein Gefängnis, aber auch an Schulen oder in Spitälern. Für Afshar ist es deshalb höchste Zeit für die Imam-Ausbildung an Schweizer Universitäten und die lange geforderte öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams. Dazu gehören für Afshar auch islamische Friedhöfe und Moscheen, die nicht in Hinterhöfen und Industriequartieren stehen.

Moschee-Steuern

Die muslimischen Glaubensgemeinschaften müssten sich selber finanzieren können, um ihre Imame zu bezahlen. Analog zu den Landeskirchen. Denn heute, so Afshar, bezahlten «irgendwelche Salafisten» aus dem Ausland die Imame. Das sei intransparent.

Afshar bedauert das aktuelle politische Klima, welches das Ausbildungsprojekt für Imame blockiere. Zuletzt hatte die Universität Freiburg angeboten, Gebetskurse für angehende Imame zu organisieren. Zu deren Ausbildung hätten allerdings wiederum Imame aus dem Ausland geholt werden müssen, was Afshar nicht will.

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