Islamismus
«Muslim-Verbände schliessen radikale Jugendliche aus»

Dschihadismus zieht manche Jugendliche an. Was aber tun die moderaten Schweizer Muslim-Organisationen? Nicht genug, finden zwei Experten.

Daniel Fuchs
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Miryam Eser, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Miryam Eser, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Bei der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen bestehen gravierende Mängel. Extremisten bis hin zu den Rattenfängern des sogenannten IS finden allzu häufig leichten Zugang zu Jugendlichen mit Problemen. Viel leichter als die moderaten Muslime, die in der Schweiz und Europa in der Mehrheit sind. Das bestätigen die Extremismus-Forscherin Miryam Eser von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und der Jugendarbeiter Samuel Althof, der in Basel Gewalt- und Extremismusprävention betreibt.

Das Mädchen und der Salafist

Die radikalen Ausleger des Islam, vor allem salafistische Gruppierungen, greifen gerne nach einem Trick, wie Miryam Eser sagt: «Sie ködern Jugendliche häufig gar nicht mit Religion, sondern mit alltäglichen Themen wie Sexualität oder Gewalt.» Was danach passiert, schildert der Jugendarbeiter Althof anhand dem Beispiel einer jungen Muslimin. Das Mädchen stammt aus einer Familie, in der es gewalttätig zu- und hergeht. Es flüchtet sich in die Religion, sucht nach Schutz und Rückzug im Glauben. Zwar sind die Eltern Muslime, sie haben sich aber vom Glauben distanziert und stellen sich gegen die Religiosität ihrer Tochter. Es kommt zu noch mehr Spannungen. Die Eltern sind für das Mädchen nichts mehr wert. Es droht, sich von ihnen ganz zu distanzieren, die Religion aber ist alles.

«In einer solchen Situation kann für das Mädchen eine Begegnung mit einem zum IS orientierten Salafisten sehr gefährlich werden», sagt Althof. Denn dieser biete für komplexe Fragen einfache und klare Antworten an. Durch die Religion scheinen alle Probleme lösbar. Die Jugendarbeit der Wohngemeinde aber dient gerade deshalb nicht als Anlaufstelle für das Mädchen, weil sie keine religiösen Antworten bietet. Der radikale Islam wird zum Mädchenzimmer, der Salafist zum grossen Bruder. «Ich kenne kaum islamische Organisationen, die Jugendarbeit leisten, die einen solchen Namen auch verdient», sagt Jugendarbeiter Althof. Etwas weniger drastisch drückt sich die Hochschulforscherin Miryam Eser aus. Für sie gibt es durchaus muslimische Jugendorganisationen, die präventiv wirken. Das Problem liegt aus ihrer Sicht bei der Intervention. «Aus Sorge um ihr Image und aus Angst vor schlechter Presse schliessen sie Jugendliche aus, bei welchen sich Radikalisierungstendenzen feststellen liessen», sagt sie. Das Problem: «Einmal ausgeschlossen, können sich die Jugendlichen rasch salafistischen Gruppierungen zuwenden», so Miryam Eser.

Sie fordert deshalb: «Die Verbände müssen zivilgesellschaftlich besser abgestützt und mit den offiziellen Gewaltpräventionsstellen vernetzt werden.» Käme dann der Vorwurf, radikale Mitglieder zu haben, könnten die Vereine sich verteidigen und erklären, dass sie ja gerade mittels offiziellen Stellen intervenierten.

Der Islam und das Stigma

Über die Anziehungskraft der Salafisten und Dschihadisten auf die Jugendlichen sprechen die grossen Islam-Verbände nicht gerne. Montassar BenMrad, Präsident der grössten Schweizer Muslim-Dachorganisation Fids, sagte im Interview mit der «Nordwestschweiz»: «Es gibt nun einmal Jugendliche, die Probleme haben und in den Extremen ihre eigene Identität bilden.» BenMrad will eine Stigmatisierung der ohnehin auch in der Schweiz benachteiligten muslimischen Jugendlichen unbedingt verhindern. Für den Jugendarbeiter Althof ist das verständlich. Und trotzdem wäre für ihn eine muslimische Jugendarbeit nötiger denn je. Forderungen allein griffen aber zu kurz. Denn den muslimischen Organisationen fehle es vor allem an personellen und finanziellen Mitteln. Für Althof ist deshalb klar: «Wir müssen klare Forderungen an die muslimischen Organisationen stellen, gleichzeitig aber Hilfe anbieten und Verständnis für die Komplexität der Lage aufbringen. Der Aufbau einer tragenden Jugendarbeit benötigt Zeit.»

Beide Experten würden eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam in der Schweiz befürworten, weil sich damit die Finanzierung regeln liesse. Doch Jugendarbeiter Althof hält es für politisch nicht machbar und plädiert deshalb für einen zivilen Aufbau muslimischer Jugendarbeits-Strukturen mit der Hilfe des Staats. Gegen Jugendarbeit könne schliesslich niemand ernsthaft sein, so Althof. «Denn Jugendarbeit und Extremismusprävention sind dasselbe.»

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