Volksentscheid
Multimillionär kämpft für seine Steuerpauschale – und droht mit Wegzug

Tom Lines ist Südafrikaner, Multimillionär, Lebemann. Er wohnt in Oberwil-Lieli, der steuergünstigsten Aargauer Gemeinde. Ob er in der Schweiz bleibt, hängt vom Ergebnis der nächsten Volksabstimmung ab.

Fabian Hock und Fabian Hägler
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Tom Lines, Pauschalbesteuerter
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Tom Lines hat sich bewusst für Oberwil-Lieli als Wohnort entschieden, denn die Gemeinde hat mit 65 Prozent den tiefsten Steuerfuss im Kanton Aargau. Der Südafrikaner hat zuvor auch schon in Brasilien, den USA und in London gelebt.
Tom Lines ist einer von 5634 reichen Ausländern in der Schweiz, die das Modell der Pauschalbesteuerung in Anspruch nehmen.
Das Bild über dem Esstisch ist vom Schweizer «Playboy»-Fotografen Otto R. Weisser, den Lines persönlich kennt.
Charlie und Freddie, die beiden Cavalier King Charles Spaniel des Hausherrn.
In den Neunzigern hatte Tom Lines sein eigenes Formel-1-Team, heute besitzt er Weinkeller auf mehreren Kontinenten.

Tom Lines, Pauschalbesteuerter

Chris Iseli

Den halben Tag lang hat er sich die Frage verkniffen, denn es sollte kein falscher Eindruck entstehen.

Doch um kurz nach vier hält es Tom Lines nicht mehr aus — zu viel Spass hat er an gutem Essen und am Verwöhnen seiner Gäste. «Wollt ihr Kaviar?»

Ein «Nein» kommt als Antwort nicht infrage. So stösst der massige Südafrikaner, der zum Mittagessen in sein Haus in Oberwil-Lieli geladen hat, ein kurzes, lautes Lachen aus, wuchtet sich aus seinem Stuhl und verlässt den Raum.

Sonderfall Pauschalsteuer: Die Abgabenflatrate

Die Pauschalbesteuerung, auch «Besteuerung nach dem Aufwand», ist eine Sonderform im Schweizer Steuerrecht. Ausländische Staatsangehörige, die ihren Wohnsitz in der Schweiz haben, aber hier nicht arbeiten, können ihre Lebenshaltungskosten schätzen lassen und diese anstatt ihres Einkommens oder Vermögens versteuern.

Das Fünffache des Mietzinses ergibt das steuerbare Einkommen. Auf diesem werden die Bundessteuern sowie die am jeweiligen Wohnort geltenden Kantons- und Gemeindesteuern erhoben.

Nach der Revision von 2012 gelten ab dem Jahr 2016 neue Bedingungen: Die Mietkosten werden nicht mehr fünf-, sondern siebenfach berechnet. Der Mindestwert beträgt dann schweizweit 400 000 Franken, bisher konnten die Kantone die Untergrenze frei festlegen.

Die Volksabstimmung vom 30. November 2014 könnte das jedoch hinfällig machen. Wird die Eidgenössische Volksinitiative «Schluss mit den Steuerprivilegien für Millionäre (Abschaffung der Pauschalbesteuerung)» angenommen, hat das Modell ausgedient.

Die meisten der 5634 Pauschalbesteuerten (Stand: Ende 2012) leben im Kanton Waadt (1396), gefolgt vom Wallis, (1300) und dem Tessin (877). Insgesamt spülten sie im Jahr 2012 695 Millionen Franken in die Kassen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Durchschnittlich bezahlt ein Pauschalbesteuerter rund 123 000 Franken.

Fünf Kantone haben die Pauschalsteuer bereits abgeschafft, darunter Baselland, Basel-Stadt und Zürich. Im Aargau leben derzeit 20 Pauschalbesteuerte, in Solothurn sind es acht.

Kurz darauf erscheint er in der Tür, das Hemd hängt lässig aus der Hose, die breite Zahnlücke verleiht seinem Lächeln etwas Lausbübisches. Mit der kleinen blauen Dose in den Händen wirkt der 53-Jährige fast wie ein Kind am Weihnachtsabend.

Eigenes Formel-1-Team

In diesem Moment ist es schwer vorstellbar, dass der Mann im Türrahmen millionenschwere Patente und Beteiligungen auf der ganzen Welt besitzt. Lines hat den Energydrink «Red Devil» erfunden und zur weltweiten Nummer zwei hinter den farbgleichen Bullen aus Österreich gemacht.

In den Neunzigern hatte er sein eigenes Formel-1-Team, heute besitzt er Weinkeller auf mehreren Kontinenten. Er ist ein Lebemann, spricht sehr gutes Deutsch, das er immer wieder mit englischen Sätzen durchmischt.

Seine Beteiligungen verwaltet er von der Schweiz aus, einer anderen Arbeit geht er nicht nach. Das darf er auch nicht, denn Lines ist einer von 5634 reichen Ausländern in der Schweiz, die das Modell der Pauschalbesteuerung in Anspruch nehmen. Anstatt auf ihr Einkommen oder Vermögen zahlen sie Steuern auf ihre Lebenshaltungskosten.

Zuletzt war das Modell wegen des IKEA-Gründers Ingvar Kamprad in die Kritik geraten. Dieser führte bei einem geschätzten Vermögen von rund 42 Milliarden Franken an seinem ehemaligen Wohnort Epalinges im Kanton Waadt gerade einmal 45 000 Franken Gemeindesteuern ab. Seine Pauschale lag bei knapp 165 000 Franken.

Ob die Pauschalbesteuerung abgeschafft wird, entscheiden die Schweizer am 30. November. Tom Lines will die Pauschale beibehalten. Er selbst ist SVP-Mitglied und unterstützt die Gegner der Initiative.

«Ich bin ein absoluter Fan der Demokratie und werde den Entscheid des Schweizervolks respektieren. Aber ich ziehe auch meine Konsequenzen: Wenn die Pauschalbesteuerung abgeschafft wird, bin ich sofort weg.»

Das Bild über dem Esstisch ist vom Schweizer «Playboy»-Fotografen Otto R. Weisser, den Lines persönlich kennt.

Das Bild über dem Esstisch ist vom Schweizer «Playboy»-Fotografen Otto R. Weisser, den Lines persönlich kennt.

Chris Iseli

Das Wohnzimmer wirkt dank Flügel und Ledercouch zwar elegant. Der Grundriss der Wohnung liegt jedoch eher im Schweizer Durchschnitt. Für Lines dürfte sich das auszahlen, denn die zu versteuernden Lebenshaltungskosten orientieren sich an den Mietkosten. Das heisst: je kleiner die Wohnung, desto geringer die Steuern.

Dass der Südafrikaner, der zuvor auch schon in Brasilien, den USA und in London gelebt hat, ausgerechnet in Oberwil-Lieli gelandet ist, ist kein Zufall, denn die Gemeinde hat mit 65 Prozent den niedrigsten Steuerfuss im Aargau. Für ihn bietet der Ort aber mehr als das.

«Hier kann ich als ganz normaler Einwohner leben. Die Menschen sind down to earth, das mag ich. Der Schulhausabwart oder der Chef des Bauamts sind Freunde von mir. Die Steaks für das Mittagessen heute habe ich beim Metzger im Dorf gekauft. Einer hatte nur irisches Fleisch, ich wollte aber Schweizer Steaks, von Rindern, die hier leben und frisches Gras fressen.»

Tom Lines kommt sympathisch und entspannt daher. Ein Kosmopolit, der seine Familie, das Leben und die Haute Cuisine liebt. Doch während der Vorspeise aus Gänselebertoast, Lachs und geräucherter Entenbrust wird er plötzlich ernst. Er beugt sich nach vorn, presst die Lippen zusammen und hämmert drei Mal mit der Faust auf den Tisch.

«Ehrlichkeit» — bumm — «Ehre» — bumm — «Fortschritt» — bumm. «Das sind die Grundwerte, auf diesem Fundament basiert die Schweiz. Wenn die Pauschalbesteuerung abgeschafft wird, geht das alles den Bach runter. Wir haben schon das Bankgeheimnis preisgegeben, und der Bundesrat hat nicht den Mut, um hinzustehen und den Amerikanern im Steuerstreit die Grenzen aufzuzeigen.»

Lines ist Südafrikaner, der englische Akzent ist deutlich zu hören. Aber was er sagt, tönt schweizerisch. Er redet oft in der Wir-Form, spricht von «unserer Regierung» und «unserem Land». Immer wieder erinnert Lines daran, dass die Pauschalsteuer in der Schweiz nicht die einzige Abgabe ist, die er leisten muss.

Charlie und Freddie, die beiden Cavalier King Charles Spaniel des Hausherrn.

Charlie und Freddie, die beiden Cavalier King Charles Spaniel des Hausherrn.

Chris Iseli

«Ich bezahle Hunderttausende von Franken in der Schweiz und Millionen in anderen Ländern. Und ich zahle in der Schweiz nicht nur die Pauschalsteuern, ich beschäftige Hausangestellte, einen Fahrer, investiere in Schweizer Firmen, kaufe für meine Familie hier ein and so on. Ich würde vielleicht sogar 25 Prozent mehr Pauschalsteuern bezahlen, wenn mich die Behörden fragen.»

Zum Hauptgang wird Steak vom Schweizer Rind mit grünem Salat serviert. Zwar hat Lines mit Luigi einen Hausangestellten, doch das Fleisch brät der Hausherr selbst. Daher braucht er etwas länger. «Entschuldigung, ich bin ein bisschen ein Kontrollfreak, deshalb muss ich das selbst machen», sagt er und setzt sich als Letzter an den Tisch. Das Fleisch ist rosa gebraten und zart, gewürzt mit etwas Pfeffer und Salz. «Grossartig», sagen die Gäste. «Schweizer Qualität», sagt Lines.

Nach dem Steak kommt das Hauptargument.

«Ich habe mit der Schweiz für die Pauschalbesteuerung einen Vertrag geschlossen. Die Frage ist, ob das Land sein Versprechen halten kann. Es geht doch nicht, dass nun die Pauschalbesteuerung ganz abgeschafft wird. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Vertrag mit ihrer Bank für ihr Haus – da können Sie auch nicht hingehen und den einfach auflösen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Schweiz entscheidet, dass es für Leute, die künftig hierherkommen, keine Pauschalbesteuerung mehr gibt. Dann sind die Bedingungen klar und jeder kann entscheiden, ob er dennoch hier leben will. Aber wenn die Regeln mitten im Spiel geändert werden und mein Vertrag mit der Schweiz auf einmal nichts mehr wert ist, ist das unfair.»

Tom Lines ist einer von 5634 reichen Ausländern in der Schweiz, die das Modell der Pauschalbesteuerung in Anspruch nehmen.

Tom Lines ist einer von 5634 reichen Ausländern in der Schweiz, die das Modell der Pauschalbesteuerung in Anspruch nehmen.

Chris Iseli

Zum Dessert, Kuchen mit Mango und Passionsfrucht aus einer ansässigen Bäckerei, öffnet Luigi eine kleine Flasche Eiswein aus Deutschland. «Von der Mosel», ergänzt Lines, «wunderschöne Gegend». Er erzählt von Ländern, die er bereist hat, und spricht über den Mehrwert, den Pauschalbesteuerte in die Schweiz brächten. Das seien nicht die dümmsten Leute, sondern Menschen, die bereits etwas geleistet hätten. Zur Kultur trügen sie bei, nicht nur zum Kantons- oder Gemeindehaushalt. Das Geld sei ohnehin nicht der zentrale Punkt in der Diskussion.

«Es geht mir nicht ums Geld bei der Pauschalsteuer, es geht mir ums Prinzip. Verträge müssen eingehalten werden, wenn die Schweiz ihr Wort mir gegenüber bricht, lasse ich mir das nicht bieten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag die Schweiz, ich könnte mir gut vorstellen, in ein paar Jahren selber Schweizer zu werden. Dann würde ich ganz normal Steuern zahlen, Pauschalsteuern gibt es ja nur für Ausländer. Ich müsste dann viel mehr Steuern zahlen, aber das wäre meine freie Entscheidung, wenn ich mich einbürgern lasse. Und vergessen Sie meine Kinder nicht: Sie werden sich in nette junge Schweizer verlieben, sie heiraten, hier eine Familie gründen – und auch hier Steuern zahlen.»

Für seine Kinder wünscht sich der Familienvater Lines eine «ehrliche Umgebung». Nichts Aufgesetztes oder Abgehobenes. Sie sollen bescheiden bleiben, das versuche er ihnen zu vermitteln und vorzuleben, sagt er und schiebt nach: «That doesn’t mean I don’t eat my caviar once in a while» — und da ist es wieder, das Lausbubenlächeln.