Am Freitagabend steigt die Feier zum 700-Jahre-Jubiläum der Schlacht am Morgarten. Mit Feuerwerk und Mittelaltermarkt gedenken die Schwyzer und Zuger den Bauern, die am 15. November 1315 beim Ägerisee einem Habsburger Heer auflauerten und es vernichtend schlugen. Angeblich. Denn Ort, Zeitpunkt und Hergang sind heftig umstritten. Die Quellenlage lässt einzig den Schluss zu, dass so etwas wie eine kriegerische Auseinandersetzung in der Region stattgefunden haben muss.

Nun haben Archäologen auf dem vermuteten Schlachtgelände erstmals Fundstücke gefunden. Der Spezialist Romano Agola inspizierte im Auftrag der Kantone Zug und Schwyz seit Jahresbeginn mit einem Metalldetektor das vorher von Forschern abgesteckte Gebiet beim Ägerisee. Dabei stiess er neben kleinen Alu-Klammern für Cervelat-Würste auf einen wahren Schatz: Seine Jagd förderte auch Silbermünzen, Dolche und Pfeilspitzen zutage.

Ob die neu entdeckten Funde tatsächlich an der Schlacht am Morgarten Verwendung fanden, ist ungewiss

Ob die neu entdeckten Funde tatsächlich an der Schlacht am Morgarten Verwendung fanden, ist ungewiss

Der Schatz am Ägerisee

Zwölf Silberpfennige konnten die Forscher dem Zeitraum zwischen 1270 und 1300 zuordnen. Das Schweizer Fernsehen (SRF), das in seinem gestern Abend ausgestrahlten Wissenschaftsmagazin «Einstein» darüber berichtete, spricht von einer «Sensation». Der Zuger Kantonsarchäologe nennt es «schon fast eine Punktlandung». Nur «fast», denn es bedeutet noch lange nicht, dass die Münzen auch während der Schlacht 1315 in den Boden gelangten.

Wie sensationell sind also die Funde? Was genau beweisen sie? Und müssen die Historiker nun über die Bücher?

Bruno Meier, Historiker und Verleger beim Hier-und-Jetzt-Verlag, hat soeben sein Buch zur Schlacht am Morgarten gedruckt. Dieses muss er zwar nicht komplett umschreiben, einen Satz jedoch schon. «Von der Schlacht selbst gibt es keine archäologischen Funde», steht in der Erstauflage.

An den Erkenntnissen zur Schlacht ändert sich laut Meier nichts, wie er der «Nordwestschweiz» sagt. In einer früheren Dok-Reihe über die Schweizer Geschichte nannte SRF die Schlacht als solche einen Mythos. «Das ist ein Schmarren», ärgert sich Historiker Meier. «Morgarten ist kein Mythos. Die Ausschmückung ist ein Mythos!» Was er damit meint: In früheren Chroniken war von 2000 Habsburgern die Rede, die von paar hundert Eidgenossen in die Flucht getrieben wurden.

In späteren Berichten waren es bereits 20 000 Habsburger. «Auch die Rede von den Schwyzer Bauern ist Blödsinn», so Meier. «Das waren Männer, die vorher im Sold einer fremden Macht in Norditalien an Kriegen teilgenommen haben.» Nicht Bauern also trieben am Morgarten die Habsburger in die Flucht, sondern kampferprobte Söldner.

Hauen und Stechen am Morgarten: Die Eidgenossen schlagen die Soldaten des Herzogs Leopold in die Flucht.

Hauen und Stechen am Morgarten: Die Eidgenossen schlagen die Soldaten des Herzogs Leopold in die Flucht.

Der Bund von Brunnen

Auch an den Erkenntnissen, wie es überhaupt zur Schlacht am Morgarten kam, ändern die Fundstücke nichts. Nach wie vor ziehen die Historiker vor allem diese zwei Möglichkeiten in Betracht: Zum einen wird Morgarten mit dem «Marchenstreit» in Verbindung gesetzt. Schwyzer Bauern lagen mit dem Kloster Einsiedeln wegen der Nutzung von Weideland im Clinch. Die Bauern wollten den Einsiedler Mönchen, die unter der Schutzmacht Habsburg lebten, eine Lektion erteilen. Sie stürmten das Kloster, verschleppten die Mönche und quälten sie. Möglich ist, dass eine Strafaktion des habsburgischen Herzogs Leopold zur Schlacht führte, der Schirmvogt des Klosters war. Haben die Eidgenossen also von seinen Plänen erfahren und die Soldaten des Herzogs in eine Falle gelockt?

Die andere Erklärung geht von der Feindschaft zwischen den Habsburgern und dem Adelsmann Werner von Homberg aus. Dabei könnte es um Erbansprüche an die Herrschaft Rapperswil gegangen sein und um damit zusammenhängende Vogteirechte in Einsiedeln.

Unbestrittener sind die Folgen. Nicht einmal einen Monat später datiert der Zweite Bundesbrief. Er resultiert aus dem sogenannten Bund von Brunnen. Dabei schlossen Uri, Schwyz und Unterwalden ein Bündnis zur gegenseitigen Friedenswahrung und Hilfeleistung. Wichtiger für die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft von Habsburg waren die sogenannten Königsbriefe von 1316, 1327 und 1328. Den Waldstättern war es gelungen, die Rivalität innerhalb Habsburgs auszunutzen und Garantien für die Unabhängigkeit zu erhalten. Zur wirklichen Tragfähigkeit der unabhängigen Eidgenossen führte erst der Friedensschluss von 1474.

Der Kampf gegen die EU

Historiker wie Thomas Maissen wehren sich deshalb vor allem gegen die Darstellung, die Schlacht am Morgarten selber symbolisiere den Unabhängigkeits- und Freiheitskampf gegen die Habsburger. Gerne projizieren nationalkonservative Kreise den Hinterhalt der Eidgenossen auf die heutige Zeit und idealisieren so den Kampf der Eidgenossen gegen die übermächtige Europäische Union. Maissen, der das Deutsche Historische Institut in Paris leitet, hält nichts davon. Er weist darauf hin, dass die Eidgenossenschaft erst im 15. Jahrhundert wirklich Form annahm und Habsburg bis dahin sowohl als Gegner, aber auch Partner fungierte.