Viel Reibungswärme - und allenfalls auch ein wenig warme Luft - fällt an, wenn sich die Nationalräte morgen heftige Wortgefechte zum Atomausstieg liefern. Das Parlament befindet sich während der ausserordentlichen Session zu Kernenergie und alternativen Energien im Ausnahmezustand. Damit der Prozess nicht ausser Kontrolle gerät und sozusagen die Auslegung des Nationalrats übersteigt, haben die Parlamentsdienste die Debatte minutiös vorbereitet.

Der Morgen ist in zwei Blöcke à je zwei Stunden unterteilt. Zuerst geht es um den eigentlichen Ausstieg aus der Atomenergie. Im zweiten Teil diskutiert der Nationalrat dann alle Vorstösse zur Förderung der alternativen Energien und zum effizienten Einsatz von Strom.

Politiker im Härtetest

Auf einen effizienten Einsatz ihrer wichtigsten Arbeitsinstrumente sollten die Parlamentarier achten: Ohren, Stimmorgan und Handmuskulatur werden am Mittwoch einem Härtetest ausgesetzt. Allein für den Abstimmungsmarathon über alle Postulate und Motionen sind 70 Minuten eingeplant.

Insgesamt liegen 134 Vorstösse vor. Diese Zahl liegt zwar leicht unter dem bisherigen Rekord bei der ausserordentlichen Session zur Wirtschaftskrise im Jahr 2008 mit über 150 Eingaben. Sie ist aber immer noch beachtlich.

Bis auf die Minute genau sind die Redezeiten auf die einzelnen Fraktionen verteilt. So erhält die SVP als grösste Fraktion 36 Minuten je Block. Die BDP als kleinste Gruppe schafft es gerade noch auf drei Minuten. FDP und CVP erhalten je 21 Minuten. Es ist dann Sache der einzelnen Fraktionen, intern die ihnen zugeteilte Redezeit auf ihre Mitglieder zu verteilen. Erfahrungsgemäss ist das Interesse bei solchen Schaudebatten gross.

Der Tatbeweis nach Fukushima

Angelpunkt im ersten Teil ist die Ausstiegsmotion von CVP-Nationalrat Roberto Schmidt. Sie wird dank der Stimmenthaltung der FDP auf grosse Zustimmung stossen. Wie ernst es den Politikern tatsächlich mit dem Atomausstieg ist, können sie zwei Stunden später bei der Förderung der alternativen Energien beweisen.

Der Energiewende-Allianz, bestehend aus Mitte-Links und verstärkt mit einigen Freisinnigen, dürfte es gelingen, ein paar Pfeiler für die künftige Energiepolitik einzuschlagen. Gute Erfolgschancen hat die raschere Aufstockung von Fördergelder für Alternativenergie.

Das Parlament hat den Ökozuschlag von 0,45 Rappen pro verbrauchte Kilowattstunde Strom bereits verdoppelt - aber erst per 2013. Aussichtsreich sind auch die Forderungen, Stromversorger zu verpflichten, die Stromverschwendung einzudämmen und alle Elektroheizungen bis spätestens 2025 zu ersetzen. Die rund 250 000 Heizungen verbrauchen heute mehr Strom als das AKW Mühleberg produziert.

Zahlreiche Vorschläge des Parlaments stehen auch in den Ausstiegspapieren des Bundesrats. Trotzdem lehnt die Regierung die meisten dieser Vorstösse ab. «Ich habe ein gewisses Verständnis dafür», sagt SP-Nationalrat und Energiespezialist Roger Nordmann. Der Bundesrat wolle sich seinen Spielraum offen lassen.