Affäre Mörgeli
Mörgeli: «Der Staatssender betreibt eigentlichen Rufmord»

Mit simplen Übersetzungsarbeiten sei man bei Christoph Mörgeli zum Doktortitel gekommen, behauptete die «Rundschau». Alles gar nicht wahr, kontert jetzt Mörgeli. Er hat bei der SRG-Ombudsstelle Beschwerde gegen die Sendung eingereicht.

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Chirstoph Mörgeli: Der Journalist habe früher verschiedentlich bei der «linksextremen» Wochenzeitung «WOZ» publiziert, führte er unter anderem aus. «Das zeigt seine Gesinnung»

Chirstoph Mörgeli: Der Journalist habe früher verschiedentlich bei der «linksextremen» Wochenzeitung «WOZ» publiziert, führte er unter anderem aus. «Das zeigt seine Gesinnung»

Keystone

Christoph Mörgeli hat an einer Pressekonferenz am heutigen Donnerstagmorgen erklärt, dass er gegen SRF-Sendung «Rundschau» bei der Ombudsstelle des SRG Beschwerde einreichen wird.

In seinem Schreiben listet er 76 Punkte auf, die gegen die Publizistischen Leitlinien von SRF verstiessen. Unter dem Strich habe die «Rundschau» inhaltliche 66 Falschaussagen gemacht. Mörgeli wirft dem Politmagazin vor, es habe versucht, ihn als Wissenschaftler in rufmörderischer Weise anzuzweifeln und unglaubwürdig zu machen. Zu unrecht sei suggeriert worden, er habe über Betrügereien eines schliesslich gescheiterten Doktoranden «haargenau» Bescheid gewusst. «Der Staatssender betreibt eigentlichen Rufmord», so Mörgeli.

Zur Verfügung gestellt

«Andersdenkende fertigmachen»

Mörgeli wirft dem verantwortlichen Journalisten der «Rundschau» auch vor, dass er voreingenommen ans Werk gegangen sei. Der Journalist habe früher verschiedentlich bei der «linksextremen» Wochenzeitung «WOZ» publiziert, führte er unter anderem aus. «Das zeigt seine Gesinnung», so Mörgeli.

Mörgeli ortet beim Staatsfernsehen ein Gesinnungs-Problem. Der «Rundschau» sei es einzig darum gegangen, «einen andersdenkenden Politiker zu diskreditieren».

Mörgeli reicht daher auch gegen einen Bericht von «10vor10» und die Folgesendung der «Rundschau» zum gleichen Thema Beschwerden ein.

Mörgeli warft der «Rundschau» weiter vor, wie das bereits die «Weltwoche» getan hat, die anonymen Informanten falsch zu zitieren. Zum Beweis dafür legte er die Doktorarbeit der bulgarischen Zahnärztin auf, die eine der beiden Quellen der «Rundschau». Mörgeli will auch die zweite Quelle kennen. Mit der Anonymität der Informanten sei es damit vorbei. Doch gerade diese «müsste unter allen Umständen gewährleistet werden», sagte Mörgeli.

Harsche Kritik an UBI-Präsident Roger Blum

Grosse Chanchen rechnet er sich mit seiner Beschwerde aber nicht aus. Wenn die Ombudsstelle Beanstandungen für begründet hält, reicht sie sie an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) weiter.

In die UBI hat Mörgeli allerdings wenig Vertrauen. Mörgeli schiesst jedenfalls scharf gegen Roger Blum, Präsident der UBI. Dieser habe nach der «Rundschau»-Sendung getwittert, dass er schlimmer sei als ein deutscher Abschreibefall, meint Mörgeli.

Mit «deutschem Abschreibefall» meint er Bildungsministerin Annette Schavan, die schlussendlich wegen Plagiatsvorwürfen zurücktrat. Blum hatte per Twitter verkündet, dass sich auch Zürcher Mediziner ihrer Dissertation beweisen müssten (siehe Bild).

Roger Blums Tweet

Roger Blums Tweet

twitter.com

Der Tweet zeige klar, dass Blum in diesem Fall voreingenommen ist. «Er ist damit eine Fehlbesetzung und soll zurücktreten», forderte der Nationalrat. Ebenfalls ihren Job abgeben sollen die verantwortlichen Redaktoren der «Rundschau». «Ob ich weitere straf- oder zivilrechtliche Massnahmen ergreife, lasse ich offen.»

Blum will in Ausstand treten

Bei der SRG-Ombudsstelle Deutschschweiz sind gemäss Ombudsmann Achille Casanova Mörgelis Beschwerden bis am Donnerstag noch nicht eingetroffen, jedoch vier andere Reklamationen, die sich gegen den «Rundschau»-Beitrag richten.

Roger Blum, Präsident der UBI und von Mörgeli scharf attackiert, hat eine Mitteilung von Blick-Online bestätigt, dass er in den Ausstand treten wird, falls die UBI über den Fall Mörgeli zu befinden hat. Die Verknüpfung der beiden Fälle bezeichnet er als «riskant».

Er finde es richtig, dass sich Schavan gegen die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Uni Düsseldorf juristisch zur Wehr setzt. Und er hält es auch für angebracht, dass die Universität Zürich klärt, wo für Medizin-Dissertationen allenfalls eine zu tiefe Messlatte angesetzt werde.

«Simples Abschreiben»

Dem SVP-Nationalrat wurde in der «Rundschau» vorgeworfen, er habe Doktortitel für «simples Abschreiben» verliehen. Zwei Doktoren hatten das dem SRF-Politmagazin so erklärt. Mörgeli konterte am Donnerstag via «Weltwoche».

Er will die anonymen Informanten ausfindig gemacht haben. Der eine, ein Zahnarzt, sei als Doktorand bei Mörgeli kläglich gescheitert. Das angeblich simple Transkribieren alter wissenschaftlicher Schriften habe seine Kapazitäten überfordert, sagt er der «Weltwoche». Das sein heutiger Arbeitgeber ihn als Dr. führt, sei ein «Versehen».

Übersetzt, nicht abgeschrieben

«Die zweite Informantin hat laut «Weltwoche» angegeben, dass sie von der «Rundschau» falsch zitiert worden sei. Sie wehrt sich inzwischen offenbar mit einem Anwalt gegen die Aussagen. Sie will nicht aus dem Bulgarischen übersetzt haben.

Diese Ermittlungen laufen im Fall Mörgeli

Die "Affäre Mörgeli" hat hochschulinterne Abklärungen sowie juristische Untersuchungen ausgelöst. Das Verfahren um die Beschwerde gegen seine Entlassung ruhe im Moment, weil die Ergebnisse einer staatanwaltschaftlichen Ermittlung abgewartet würden, sagte Christoph Mörgeli am Donnerstag vor den Medien.

Mörgeli kämpft an verschiedenen Fronten um seine Rehabilitierung. 27 Jahre lang war er Konservator am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich. Am 21. September 2012 wurde er von der Universität per sofort freigestellt, das Arbeitsverhältnis wurde unter Einhaltung einer halbjährigen Kündigungsfrist auf 31. März 2013 gekündigt.

Die Universität begründete den Entscheid mit ungenügenden Leistungen Mörgelis als Konservator und Verantwortlicher für die Objektsammlung sowie mit seiner massiven Verletzung der Loyalitätspflicht gegenüber der Universität.

Mörgeli rekurrierte gegen seine Entlassung und reichte eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Zürcher Regierungsrätin Regine Aeppli ein. Er sieht sich als Opfer eines politischen Komplotts und beklagt, unter seinem Chef Flurin Condrau systematisch gemobbt worden zu sein.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt seit dem 19. November 2012 gegen zwei Mitarbeitende des Medizinhistorischen Instituts, weil der Verdacht besteht, sie hätten brisante Dokumente dem "Tages-Anzeiger" zugespielt. Flurin Condrau hat die Institutsleitung vorübergehend abgegeben.

Mörgeli vermutet, dass auch die "Rundschau"-Redaktion Informationen aus dem Institut erhalten hat. Nach der Ausstrahlung des "Rundschau"-Beitrags zu den medizingeschichtlichen Dissertationen kündigte die Universitätsleitung am 28. März 2013 an, sie habe die zuständige Fakultät beauftragt, die in der Sendung erhobenen Behauptungen abzuklären. (sda)

Sie habe ihre Dissertation aufgrund von Quellen, die sie in Bulgarien zusammengetragen hatte, zuerst auf Bulgarisch verfasst und danach auf Deutsch übersetzt. Bei ihrer Dissertation habe es sich, anders als von der Rundschau behauptet, eben gerade nicht um eine Transkription alter Schriften gehandelt.

Rundschau kontert

Die «Rundschau» weist die Vorwürfe der «Weltwoche» zurück. Der anonyme Informant sei «definitiv» nicht der gescheiterte Zahnarzt. In einer Mitteilung hält sie fest: «Herr Christoph Mörgeli behauptet, zusammen mit der Weltwoche den anonymen Informanten ausfindig gemacht zu haben, der in der ‹Rundschau› aufgetreten ist. Das ist falsch.»

Die zweite Zeugin, die bulgarische Zahnärztin, sei zudem korrekt zitiert worden. (rsn/ldu)

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