Unbekannte Schweiz

Mont-Soleil ist geprägt vom Glanz früherer Zeiten

Früher kamen mondäne Engländer zum Kuren nach Mont-Soleil, heute ist die Berner Gemeinde vor allem für Naturfreunde ein attraktives Ziel.

Hinter dem Sporthotel surrts. Beinahe überirdisch. Wie aus dem Nichts erscheint ein weisses Rotorblatt, das der Wind – je nach Laune – mal schnell, mal langsam dreht. Anders als der Flügel, der zum grössten Windkraftwerk der Schweiz gehört, hat das Sporthotel in Mont-Soleil seinen Betrieb eingestellt. Längst ist die rosafarbene Fassade verblasst, die Gartenpracht verblüht. Nur gerade der ausgetretene, mit Birken gesäumte Weg erinnert an die Gäste aus dem Ausland. Um 1900 kamen feine Engländer vom Tal hoch, weil sie das gute Klima in Mont-Soleil schätzten. Sie flanierten, genossen die Aussicht auf den Chasseral, und wer es vermochte, logierte im Sporthotel.

Frédéric Oppliger steht auf dem hübsch geschwungenen Balkon der einstigen Nobelunterkunft und geniesst dieselbe Aussicht, wie es die Engländer vor über einem Jahrhundert taten. Vor einigen Jahren kaufte er das Anwesen in der Absicht, ihm zu neuem Glanz zu verhelfen. Ohne sichtlichen Erfolg: Die ehemalige Empfangshalle ist mit Material überstellt, elektrische Drähte hängen von den Decken, die Matratzen in den Zimmern sind noch bezogen. Als hätten erst gestern Gäste in den Betten geschlafen.

«Woher will der Oppliger das Geld nehmen, um diesen Kasten wieder herzurichten?», fragen sich Einwohner leicht boshaft. «Das kostet ja Millionen.» Doch Oppliger kaufte den «Kasten», weil er etwas tun und nicht nur davon sprechen wollte. «Das Sporthotel ist für mich zur Herzensangelegenheit geworden.» Natürlich hat der Schreiner und Zimmermann Pläne für das ehemalige Sporthotel. Auch wenn sich diese immer wieder mal ändern. Wohnungen möchte er darin einrichten – für Einheimische oder Wochenendaufenthalter. Oder ein kleines Restaurant. Aber von Kaffee und Gipfeli kann er nicht leben. Und einen Investor für sein Projekt zu gewinnen, ist schwierig.

Dabei könnte jemand, der Mut und noch mehr Geld besitzt, mit einem Gastronomiebetrieb in Mont-Soleil ganz gut leben. Es gibt kein ordentliches Restaurant in der kleinen Gemeinde, geschweige denn ein Hotel, in dem der Gast nächtigen könnte. Vieles ging zu, unter anderem die Auberge de la Crèmerie. Noch heute wird es Elisabeth Bangerter wehmütig ums Herz, wenn sie an die «Crèmerie» denkt. Sie half ihrer Schwester dort wirten, verwöhnte Gäste mit üppigen Meringues. «Wir waren weitherum bekannt», sagt sie, und ihre Augen leuchten. «Jurassier, Berner, Aargauer kamen. Das Geld nahmen wir von allen, ob Politiker oder Angestellte.»

Ruhe und Frieden

Heute arbeitet Elisabeth Bangerter bei Funiculaire, der Standseilbahn Saint-Imier. Diese wurde 1903 erbaut, um den Gästen eine komfortable Reise zwischen dem Tal und Mont-Soleil zu ermöglichen. Bangerter sitzt im modernen Schaltergebäude, verkauft Billette und vermietet Mountainbikes, Elektrovelos, Segways an Touristen. «Kein Traumjob.» Viel lieber würde sie einen Kiosk oder wie früher eine Beiz führen. Dabei schielt die vife Bernerin auf das alte stattliche Haus gegenüber der Funiculaire: das ehemalige Buffet «Le Manoir», das wiedereröffnet werden soll. Hier ging es bunt zu und her, erzählt sie. «Die Gäste tanzten, feierten bis früh in den Morgen.»

Früher gab es in Mont-Soleil viele Ferienhäuser, Herbergen für Familien und Kinder. Später wurden sie von Privaten oder Institutionen aufgekauft. In einem grossen, ehemaligen Lagerhaus finden jetzt regelmässig Meditationskurse statt. Und in einer ehemaligen Ferienherberge, im Haus Surya, verbringen Menschen mit einer Behinderung ihre Ferien. Die Sozialpädagogen und Deutschschweizer Claudia und Christian Sutter führen das Haus mit viel Liebe. Auf einer ihrer Reisen durch Asien beschlossen sie, ein solches Ferienhaus zu eröffnen. Als sie ihr heutiges Heim zum ersten Mal sahen, sagte Christian Sutter: «Da ist es!» Später fand er heraus, dass er als Kind in dieser Herberge Ferien gemacht hatte.

Claudia Sutter betreibt im Nebengebäude eine homöopathische Praxis. Sie erzählt, dass hier einst das Kinderzimmer einer reichen Schweizer Familie gewesen war, die in Russland und Frankreich Banken betrieben hatte. Die Familie lebte in jener Zeit in Mont-Soleil, in der auch die Engländer da waren. Danach wurde das Haus zur Familienherberge. Die ehemalige Besitzerin habe die Sutters sogar einmal besucht und sich gefreut, wie ihr ehemaliges Heim heute geführt werde. «Es war, als gab sie uns ihren Segen», so Claudia Sutter.

Mont-Soleil ist kein mondänes Ferienziel mehr. Der Glanz früherer Zeiten abgeblättert. Dafür finden Wanderfreunde und Naturmenschen hier Erholung. Im Sommer entfliehen sie der Sommerhitze, im Winter der Nebelsuppe. Nicht umsonst ist Mont-Soleil als Sonnenberg bekannt. Wie eine gemalte Kulisse liegen Weiden, Tannenwälder und einsame Bauernhöfe vor einem. Die Weite öffnet Herz und Seele, Himmel und Erde verschmelzen.

Kehren abends die letzten Wanderer vom Sonnenberg heim, bereitet sich eine eigentümliche Stille über Mont-Soleil. Niemand trifft sich auf ein Feierabendbier in der Bar, keine Kirchenglocken läuten, kein fröhliches Gelächter aus einem Tante-Emma-Laden. Die Strasse ist das Dorfzentrum. Gelegentlich fährt ein Auto oder ein Pferdewagen vorbei. Die Einheimischen leben in ihrer eigenen Welt. Zurückgezogen hinter Hecken und Tannen. Einige der Gärten sind gepflegt, andere verwildert. Die französische Grenze ist nicht fern.

Aber die Leute sind stets für ein Schwätzchen zu haben. Heidi Frutschi hängt in ihrem Garten Wäsche auf. Dahinter grasen ihre drei Pferde, die sie vor die Kutsche spannt und damit Touristen herumgondelt. «Nennen Sie mich ‹Heidi La Montagne›», scherzt sie. Seit 30 Jahren lebt sie in Mont-Soleil und möchte mit keinem anderen Zuhause auf dieser Welt tauschen. Früher habe das Dorf nur aus Ferienchalets bestanden. «Jetzt sind wieder Familien mit Kindern da. Das Dorf lebt auf.» Wer jedoch ein Häuschen kaufen möchte, hats schwer: Sie bleiben meistens im Familienbesitz.

Oppliger, Müller, Luginbühl: Mit diesen Familiennamen wähnt man sich mehr in der deutschen als in der welschen Schweiz. Das kommt daher, weil Deutschschweizer den Einheimischen ihre Bauernhöfe abkauften. Diese gingen runter ins Tal, um in der Uhrenindustrie zu arbeiten. Es gibt noch eine andere Version, wieso die Familiennamen deutsch klingen: Die Wiedertäufer, die über Jahrhunderte verfolgt wurden, fanden in den Jurazügen und damit auch in Mont-Soleil Zuflucht.

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