Seelisberg, der «Logenplatz über dem Urnersee». Zum Rütli ists zu Fuss eine knappe Stunde. Und wie zu Stauffachers Zeiten auf dem Rütli wird in Seelisberg noch heute heftig über das Wesen der Eidgenossenschaft diskutiert. Genauer: über das Wesen der Asylpolitik.

Drei Ausrufezeichen brauchen die Seelisberger, um zu zeigen, wie ernst es ihnen mit diesen Diskussionen ist. «Vernünftige Asyllösung!!!» steht auf dem Transparent beim Dorfeingang. Und mit «vernünftig» hatte das Vorhaben der Urner Regierung in den Augen der Seelisberger wenig zu tun. 60 Asylsuchende sollen im Hotel Löwen untergebracht werden, teilte die Regierung Ende Juli per Flugblatt mit. Die Seelisberger aber brüllten, als sie hörten, was mit ihrem «Löwen» passieren sollte.

Erfolgreich: Am Dienstag liess die Urner Regierung mitteilen, es kämen vorerst doch keine Asylbewerber nach Seelisberg. Der Grund: Im Sommer seien weniger Asylgesuche gestellt worden als prognostiziert (siehe Box). Die bestehenden Asylunterkünfte reichten aus. Der Gemeinderat des 700-Seelen-Dorfes reagierte erfreut auf die News und teilte am Donnerstag mit, er biete Hand für eine «konstruktive Lösung». Nur eine Floskel? Oder will man in Seelisberg tatsächlich Hand bieten?

Pressetermin im Gemeindehaus, draussen strömender Regen. Eher düster ist auch die Miene von Gemeindepräsident Karl Huser-Lüönd. Doch trotz dem ernsten Blick: Huser-Lüönd ist erleichtert über den Entscheid der Regierung. «Das gibt Luft, das gibt Zeit.» Und die wolle man nutzen, um am runden Tisch mit der Regierung und dem Roten Kreuz zu diskutieren. Vier Flüchtlinge müsste Seelisberg aufnehmen, wenn Uri die Asylsuchenden proportional auf die Gemeinden verteilen würde.

Null sind es derzeit. Null waren es immer, wenn er sich recht entsinne, sagt Huser-Lüönd. Wie viele Personen Seelisberg schliesslich aufnehmen wird, darauf will und kann sich der Gemeindepräsident nicht festlegen. «Zahlen kann ich keine nennen.» Der Ball liege jetzt bei der Regierung. Wo und wie man Asylsuchende im Dorf unterbringen könnte, das wisse er nicht. «Wir hatten in letzter Zeit wirklich anderes zu tun», sagt Huser-Lüönd. «Die Gemeinde Seelisberg wartet im Moment ab.»

Ins Hotel Löwen im Dorfzentrum hätten die 60 Asylbewerber einziehen sollen.

Ins Hotel Löwen im Dorfzentrum hätten die 60 Asylbewerber einziehen sollen.

Indische Yogis und bedrohtes Rütli

Abwarten, was man im Talboden entscheidet, das will auch die Wirtin im Hotel Tell vis-à-vis dem Gemeindehaus. «Klar ist: Wir wollen entweder weniger oder Familien», sagt die Wirtin, die alle Hände voll zu tun hat mit der eben angerauschten Reisegruppe. «Dann nehmen wir sie auf», sagt sie, balanciert drei Siedfleischteller durch den Speisesaal und ergänzt: «Vielleicht.»

Neben dem «Tell» steht die St.-Michaels-Kirche. Am Aushang hängt das «Pfarreiblatt». «Flüchtlingshilfe ist Christenpflicht» steht da geschrieben. Anruf bei Pfarrer Daniel Guillet: Wie kann die Kirche in Seelisberg helfen, Herr Guillet? Man müsse die Ängste der Leute abbauen. Welche Ängste? Dazu wolle er lieber nichts sagen in der Öffentlichkeit. Nur so viel: «Da ging einiges kaputt im Dorf. Die seelische Ruhe ist sicher gestört.» In seinem Artikel im Pfarreiblatt erinnert Guillet seine Mitchristen aber daran, dass man immer zuallererst die Not und nicht die vermeintliche Bedrohung durch die Flüchtlinge sehen müsse.

Wie wärs denn, wenn man ein paar der Notdürftigen im Pfarrhaus unterbringen würde, als konstruktiven Anfang? Das sei «unmöglich», sagt die Sekretärin der Kirchgemeinde. Ein Teil des Pfarrhauses sei an Private vermietet und das Sitzungszimmer und das Sekretariatszimmer brauche man selber. «Deshalb: unmöglich.»

Unmöglich sei auch die Unterbringung von Asylsuchenden im Hotel Löwen. Dieser Ansicht ist die «Interessengemeinschaft vernünftige Asyllösung für Seelisberg». Schliesslich seien gleich daneben die Primarschule und das Gruppenhaus Alpina, in dem immer wieder Gruppen übernachteten, die das nahe Rütli besuchen wollten. Und Rütli-Reisende und Asylsuchende, das passt in den Augen der IG einfach nicht zusammen. «Die Nachfrage nach einem Aufenthalt wird zurückgehen – oder möchten Sie Ihr Kind in einem Lager neben einer Asylunterkunft mit jungen Männern wissen?», fragt die IG in ihrem Schreiben.

Dass man mit dieser Frage alle Asylsuchenden einem Generalverdacht unterstelle, das sieht Christoph Näpflin, Sprecher der IG, nicht so. Man sei ja bereit, Asylsuchende aufzunehmen, aber nur so viele, wie für die Bevölkerung und die Wirtschaft tragbar seien. Näpflin rechnet vor: 60 Asylbewerber in Seelisberg, das wäre dasselbe, wie wenn man auf einmal 7800 Asylbewerber mitten in Luzern neben der Kapellbrücke unterbringen würde. «Da sind die Konflikte ja vorprogrammiert.» Und eben, der «Löwen» komme sowieso nicht infrage. «In Zukunft brauchen wir den ‹Löwen› als Hotel, um als Touristenort und Touristenregion bestehen zu können», sagt Näpflin.

Augenschein im «Löwen»

Die Réception ist nicht besetzt. Drei Bibeln liegen auf dem Tresen, im Zmorge-Saal flimmert ein Fernseher. Eine Gruppe aus Italien ist momentan einquartiert. Tagsüber sind sie nebenan im Hotel Sonnenberg, wo seit den 1970ern die Maharishi European Research University (Meru) Seminare anbietet. Meru-Präsident Otto Odermatt empfängt mit breitem Lächeln. «Nein, die Seelisberger haben nichts gegen Fremde», sagt Odermatt in seinem Reich aus goldenen Tapeten und englischen Weisheiten auf orientalisch umschnörkelten Plakaten.

Sein Zentrum mit den Besuchern aus aller Welt sei der lebendige Beweis dafür. «Aber die ganze Schweiz begreift doch, dass 60 Personen auf einen Schlag für ein kleines Dorf kaum verkraftbar wären. Das wäre ja wie eine Invasion.» Den zuständigen Politikern rät er: «Sie sollten meditieren und sich tiefe Entspannung gönnen, damit die Entscheidungen im Einklang mit den Naturgesetzen gefällt werden.»

Zum Meditieren hat Landammann Beat Jörg wohl kaum Zeit. Bis in sechs Monaten möchte die Urner Regierung im Gespräch mit den Gemeinden festlegen, wer wann wie viele Asylbewerber aufnehmen soll, sagt Jörg auf Anfrage. In Seelisberg wird man bis dahin wohl vor allem eines tun: abwarten – und diskutieren.