Abstimmung
«Mittelfinger für Brüssel»: Negativschlagzeilen dominieren in Europa

Selten hat eine Schweizer Volksabstimmung in Europa so viele Presseberichte zur Folge wie das Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative. In ganz Europa ist die Schweiz Thema in den Zeitungen und auf Onlineportalen. Und sie kommt nicht gut weg.

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«Das Gespenst der Zuwanderung»: Europa hat Mühe, das Schweizer Ja zur Masseneinwanderungsinitiative zu verstehen.

«Das Gespenst der Zuwanderung»: Europa hat Mühe, das Schweizer Ja zur Masseneinwanderungsinitiative zu verstehen.

Keystone

"Brüssel bekommt den Mittelfinger gezeigt", schreibt etwa die belgische Zeitung "De Standaard" am Montag. Und folgert: "Wenn selbst das Zusammenleben mit gut ausgebildeten Europäern nicht gelingt, dann bleibt nur die strikte Isolation".

Als "elend und sonderbar" beurteilt die liberale schwedische Tageszeitung "Sydsvenskan" das Abstimmungsresultat in der Schweiz. Die EU müsse nun eine harte Linie dagegen fahren, sie dürfe sich "diesem Schweizer Chauvinismus mit fremdenfeindlichem Einschlag" nicht beugen.

«Eine Schandtat»

Die rechtsliberale Madrider Zeitung "El Mundo" sieht einen "Rückschritt des europäischen Aufbaus". Die Einführung von Kontingenten verletzte die bilateralen Abkommen, Brüssel müsse "diese Schandtat stoppen". Die konservative Zeitung "Lidove Noviny" aus Prag warnt vor einem Gespenst, das umgehe in Europa: "Diesmal ist es nicht das Gespenst des Kommunismus, sondern das Gespenst der Zuwanderung."

Vor allem in den Nachbarländern der Schweiz fragen die Redaktoren zudem danach, was nun aus ihren Landsleuten in der Schweiz wird. Die französische Zeitung "Le Figaro" schreibt von einer "schwerwiegenden Entscheidung" für die Exil-Franzosen.

Die liberale italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" stellt fest, dass vor allem die 60'000 italienischen Grenzgänger vom Entscheid betroffen sein dürften, die im Kanton Tessin arbeiten. "Zeit Online" schätzt, es könnten "viele Bundesbürger betroffen sein, die in der Schweiz arbeiten".

Angst vor Signal für EU-Parlamentswahlen

Dass die Schweiz womöglich "den eigenen wirtschaftlichen Erfolg nachhaltig aufs Spiel setzt" ("Standard", Österreich), und sich "eine Kugel in den eigenen Fuss schoss" ("Journal de la Haut-Marne", Frankreich) ist für die meisten Kommentatoren zweitrangig. Sorge machen sie sich vor allem über das Signal über die Schweizer Landesgrenzen hinaus.

"In Brüssel und in anderen EU-Hauptstädten wird die eidgenössische Entscheidung nun Sprengkraft entwickeln", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Von der Schweiz könne ein Signal ausgehen für die Union. Oder ein Fanal.

Gross ist vor allem die Angst davor, dass rund drei Monate vor den EU-Parlamentswahlen europäische Rechtspopulisten und Nationalisten Aufwind erhalten. "EU-kritische, zuwanderungsfeindliche Bewegungen in ganz Europa haben am Sonntag durch die Abstimmung in der Schweiz einen Schub erhalten", schreibt etwa die britische Zeitung "The Guardian".

Verweis auf hohen Ausländeranteil

Trotz der internationalen Medienschelte gibt es hier und da auch Verständnis für den Entscheid des Schweizer Volkes. In den meisten Presseberichten vom Montag wird auf den hohen Ausländeranteil von rund 23 Prozent in der Schweiz verwiesen.

"Fast jeder vierte Bewohner hat keinen Schweizer Pass", schreibt "Die Presse" aus Wien. "Wer sich hierzulande über die Angst vor Überfremdung mokiert, sollte zumindest bedenken, dass in der Schweiz der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung fast dreimal höher ist als in Deutschland", so die "Berliner Zeitung".

Die Zeitung "L'Alsace" aus dem Elsass meint gar, eine Mehrheit der Schweizer habe ausgesprochen, was viele Europäer denken: "Innerhalb wie ausserhalb der Schweizer Grenzen macht sich Unmut breit über ein Europa, das unfähig scheint, seine Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Und das es ebensowenig schafft, die Einwanderungsströme zu kontrollieren."