Zuerst glaubte sie, bald ältere Semester an der Universität begrüssen zu dürfen: Mehrere Personen jenseits der 40 liefen am Erstsemestrigen-Tag der Universität Fribourg über den Campus. Doch Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften, merkte schnell, dass es keine künftigen Studenten waren. «Wo muss mein Sohn in die Vorlesung?» oder: «Meine Tochter studiert Psychologie – was macht man damit?», fragten die Besucher. Neben ihnen standen – komplett still – ihre erwachsenen Kinder, die eigentlichen Studenten.

Fribourg ist kein Einzelfall: «Neuerdings sind an Erstsemestrigen-Tagen nicht nur die Studierenden anwesend, sondern auch Eltern», sagt Stamm. Mütter würden Fragen stellen und genau mitschreiben, Väter alles kontrollieren. Stamm erkennt an den Hochschulen einen Trend: «Viele Eltern betreuen ihre Kinder heute bis ins Erwachsenenalter und darüber hinaus.» Es sind die Auswüchse des «Projekts Kind». Mütter und Väter, die ihren Nachwuchs seit Kindergarten in jeder Lebenslage begleiten, damit das Kind erfolgreich ist. Die Folge: Die Studenten – die künftige Elite des Landes – brauchen Mama und Papa, um das Studium zu bewältigen.

450 Eltern im Saal

Die Entwicklung ist im gesamten deutschsprachigen Raum erkennbar. In Deutschland und Österreich haben die Eltern-Exzesse grösseres Ausmass angenommen. Mehrere Universitäten haben eigens Elternabende und Veranstaltungen eingeführt. Dazu werden Broschüren wie: «Hilfe, mein Kind will studieren» verteilt. Und auf den Homepages sprechen Universitäten die Eltern direkt an, was manchmal mehr nach Primar- statt Hochschule klingt: «Keine Sorge: Die Universität ist an Ihrer Seite! Gemeinsam mit unseren Experten aus der Studienberatung und mit Mentoren, die Ihr Kind auf seinem Weg zum Bachelor oder Master begleiten», heisst es beispielsweise in Erfurt.

Auch hierzulande haben Hochschulen reagiert: Seit 2013 führt die Universität Basel unter dem Namen «Uni für Eltern» Veranstaltungen für Väter und Mütter durch, um sie über das Studium ihrer Zöglinge aufzuklären. Zuletzt fand der Infoabend im Februar statt. Teilnehmerzahl: 450 Personen.

Peinlich ist das den Kindern nicht. Vielmehr finden es viele bequem, weil ihnen die Arbeit abgenommen wird. Ähnlich ist ihre Haltung zum Studium. Von den Hochschulen wollen sie lieber klare Ansagen statt neue Freiheiten: «Sie fordern für Hausarbeiten exakte Vorschriften, bis hin zur Zeichenzahl, weil die Eltern das Ganze kontrollieren wollen», sagt Stamm. Auf der Strecke bleibt die Selbstständigkeit. Dabei wäre sie spätestens mit dem Übertritt an eine Universität gefragt. Nicht umsonst gilt die Matura als «Reifeprüfung.» Doch die Reife verschiebt sich nach hinten. «Viele sind heute erst mit 25 Jahren so weit, wie es frühere Generationen mit 18 waren», sagt Stamm.

In ihrer Kolumne in der «Schweiz am Wochenende», thematisierte die Erziehungswissenschafterin deshalb vor einer Woche die Folgen der Bevormundung. Zu Recht spreche man heute von einer dünnhäutigen, manchmal gar von einer übersensiblen Generation, schrieb sie. Welche Folgen das für die Gesellschaft hat, sei schwierig abzuschätzen. «Aber die Entwicklung beunruhigt mich.»

Anders sieht es die Universität Basel: «Es geht nicht um Bevormundung, sondern um Aufklärung», sagt Markus Diem, Leiter der Studienberatung. Eltern seien bei der Studienwahl die wichtigsten Gesprächspartner. Besonders Väter und Mütter aus bildungsfernen Schichten, die selbst nicht an einer Hochschule waren, erhielten so Einblicke. Dadurch liesse sich Stress vermeiden, der durch Halbwissen und Gerüchte geschürt werde.

«Keine Porzellanpuppen»

Stamm sieht die Entwicklung dennoch kritisch, weil die Frustrationstoleranz und Widerstandsfähigkeit der jungen Menschen sinkt. Diese für den Schul- und Berufserfolg wichtigen Kompetenzen würden in der Kindheit erworben: «Eine Voraussetzung sind Erwachsene, die Kinder und Jugendliche nicht wie zerbrechliche Porzellanpuppen behandeln.»

In der Praxis hiesse dies, sie Fehler machen zu lassen und von ihnen zu verlangen, die Folgen eines Verhaltens selbst auszubaden. Dadurch würden die Jugendlichen lernen, sich von Niederlagen nicht demotivieren zu lassen und durchzuhalten. Fähigkeiten, die auch für ein Studium nötig sind.