«Geheimarmee», «Spiontruppe», ja gar «Staat im Staat» – die landläufigen Bezeichnungen für die P-26 sind vielfältig. 1990 wurde die klandestine Widerstandsorganisation enttarnt und löste damit einen Skandal aus, der die Schweiz noch jahrelang beschäftigen sollte (siehe Box unten).

Was viele der rund 400 P-26-Mitglieder als ungerecht empfanden: Sie fühlten sich und ihre Mission öffentlich diskreditiert, konnten sich aber nicht dagegen wehren – denn bis 2009 unterlagen sie der Schweigepflicht. Einige wagten sich seither an die Öffentlichkeit, viele andere nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab.

Bevor es zu spät ist, lässt das Westschweizer Fernsehen RTS in einem Dokumentarfilm nun mehrere ehemalige P-26-Mitglieder zu Wort kommen, unter anderem die frühere Nummer 2. «Germain», so sein Tarnname, bleibt in dem Film jedoch anonym – aus Rücksicht auf Personen, die er damals teilweise direkt ab Arbeitsplatz rekrutiert hat und die weiterhin unerkannt bleiben wollen.

Alles gut, wenn Pfeife im Mund

Mit neuen Fakten wartet der handwerklich sauber gemachte Film nicht auf. Aber er gibt einen detaillierten Einblick in den Geheimtruppen- Alltag, der gut auch einem Agententhriller entlehnt sein könnte. So erzählt «Durisch», wie sich zwei Mitglieder an einem öffentlichen Ort zu begrüssen hatten: Als Erkennungsmerkmal diente eine Zeitung in der rechten Hand.

War die Luft rein, hatte die Kontaktperson eine Pfeife im Mund – bei Gefahr hielt sie diese in der Hand. Dann folgte die zuvor vereinbarte Prüffrage: «Sind Sie Herr Meier von der Verzinkerei Zug?» Erst wenn das Gegenüber mit «Nein, Herr Meier ist krank – ich vertrete ihn» geantwortet hatte, durften sich die P-26-Mitglieder, die sich zuvor noch nie begegnet waren, vertrauen.

Nach dem Begrüssungsritual steuerten die Milizsoldaten – ihr «normales» Leben hielten sie bewusst unspektakulär – den «Schweizerhof» an, eine Bunkeranlage bei Gstaad. Sie erhiel- ten dort ein karges Einzelzimmer und allerlei Ausbildungen – unter anderem im Umgang mit Feuerwaffen. Wer aus dem Zimmer trat, musste sich vermummen.

Essen holte man sich in der Sturmhaube, um nicht erkannt zu werden. Die Regionalchefs hätten im Ernstfall zudem Zugang zu speziellem Material, das grösstenteils in Zentrallagern gebunkert war, gekriegt: ein Dechiffriergerät, Landeskarten, Operationsbesteck. Und, für Handel und Bestechung, Goldplättchen.

Die Namen blieben geheim

Eindrücklich sind auch die Schilderungen von Kadermitglied «Germain», der bis anhin nicht öffentlich über sein langjähriges Doppelleben sprach. Er erzählt, wie er kurz nach der Enttarnung der Geheimtruppe vom damaligen Militärvorsteher Kaspar Villiger ins Bundeshaus zitiert wurde – mit der Aufforderung, die vollständige Mitgliederliste mitzubringen.

Er tat es, allerdings nur widerwillig. «Das ist für mich der schwierigste Tag, seit ich P-26-Mitglied bin. Denn ich breche damit ein Versprechen», sagte er Villiger. Dieser antwortete: «Für mich ist es der schwerste Tag, seit ich Bundesrat bin.» Kurz darauf musste er den Medien Auskunft geben, die Namen der P-26-Leute hielt er aber unter Verschluss.

Es sind Zeitzeugen-Schilderungen wie diese, die den Dokumentarfilm wertvoll machen. Man spürt, wie die Protagonisten keine Sekunde an der Richtigkeit ihrer Mission zweifelten – so unpraktikabel sie aus heutiger Optik auch erscheint. Und er ist ein Beweis dafür, wie sehr sich die Welt und ihre Dogmen innerhalb von nur einer Generation verändern.

«Il était une fois l’armée secrète suisse» läuft am Donnerstagabend, 20.10 Uhr auf RTS Un.