Seine Leidenschaft gilt ganz dem Velo. Wenn es die Wetter- und Strassenverhältnisse zulassen, will Rocco Cattaneo zu seiner Vereidigung am 26. November als Nationalrat von seinem Wohnort Bironico am Monte Ceneri mit dem Rennrad nach Bern fahren. Trotz seiner mittlerweile 58 Jahre ist der ehemalige Rad-Profi immer noch asketisch und topfit.

Dieses Jahr gewann Cattaneo zum dritten Mal in Folge den berüchtigten Dolomiten-Marathon in seiner Altersgruppe. Doch mit der Tagesetappe nach Bern geht es ihm nicht nur um eine sportliche Leistung. Er will auch ein politisches Zeichen setzen – zugunsten von Velowegen in der Schweiz. Immerhin ist er im Initiativ-Komitee der Velo-Initiative.

Cattaneo ersetzt den zum Bundesrat gewählten Ignazio Cassis. Und es gibt durchaus gewisse Parallelen zwischen den beiden Politikern. Genauso wie Cassis hat Cattaneo nie die kantonale Ochsentour durch die Institutionen absolviert – er wird sozusagen aus dem Stand nach Bern katapultiert. Abgesehen von drei Legislaturperioden im Gemeinderat von Bironico hat er sich parlamentarisch nicht betätigt.

Als politischer Quereinsteiger wurde er 2012 zum FDP-Kantonalpräsidenten ge- wählt. Die kriselnden Freisinnigen versprachen sich vom Unternehmer Cattaneo neuen Schub. Tatsächlich hat er in den fünf Jahren seiner Präsidentschaft – er trat im Februar dieses Jahres zurück – die Partei verjüngt und für neuen Enthusiasmus gesorgt. Doch das grosse Ziel der Freisinnigen, die Rückeroberung des zweiten Regierungssitzes 2015, wurde knapp verfehlt. Die Lega hatte die Nase vorne.

Cattaneo hat Ökonomie an der Universität Zürich studiert. Als Betriebswirtschafter leitet er das Familienunternehmen City Carburoil, das sein verstorbener Vater Egidio aufgebaut hatte. Rund 300 Angestellte gehören zu diesem Mineralölunternehmen mit Sitz im Dorf Rivera am Monteceneri, das unter anderem etliche Tankstellen mitsamt Snack-Bars sowie die Autobahnraststätte in Quinto betreibt. Der Tourismus ist ein weiteres Standbein der Familie Cattaneo, im Besonderen die Monte-Tamaro-Bahnen. Rocco Cattaneo war zudem die treibende Kraft des 2013 eröffneten Wasserparks Splash & Spa neben der Talstation der Seilbahn.

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern:

Kapelle zu ehren der Mutter

Cattaneo ist ein erklärter Liberaler, bekennt sich aber gleichzeitig zu seiner katholischen Konfession. Er führt damit die Familientradition fort. Vater Egidio hatte auf der Alpe Foppa am Tamaro von Mario Botta die Kapelle Santa Maria degli Angeli für seine verstorbene Ehefrau bauen lassen. «Der frühe Verlust der Mutter hat unsere Familie zusammengeschweisst», sagt Rocco Cattaneo, der selbst verheiratet ist und drei Töchter hat.

Als FDP-Parteipräsident hat sich Cattaneo nicht nur Freunde gemacht. Manchmal fiel er mit Hauruck-Methoden gar seiner eigenen FDP-Finanzministerin Laura Sadis in den Rücken. Dass diese 2015 nicht mehr als Regierungsrätin kandidierte und der Politik den Rücken kehrte, hat auch mit dem zerrütteten Verhältnis zur Parteileitung und zu Cattaneo zu tun. Der stark liberale Kurs stiess zudem dem «radikalen» Flügel auf, der in der Tessiner FDP immer weniger Bedeutung hat.

Nun also der Nationalrat. «In Bern muss ich erst einmal das parlamentarische Handwerk lernen», gab sich Cattaneo nach der Wahl von Cassis bescheiden. Und er muss die Aufgabe mit all seinen anderen Ämtern unter einen Hut bringen. Anfang September wurde er in einer ausserordentlichen Sitzung zum Präsidenten des europäischen Radsportverbandes UEC gewählt. Die Rolle des Radsportfunktionärs passt bestens: Im Tessin hat er bereits zwei Rad-Weltmeisterschaften organisiert.