Muri
Mit dem Tram von Muri nach Münsingen

Verkehrsprobleme sind keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Vor bald hundert Jahren entstand die Idee, eine Tramlinie von Muri nach Münsingen zu bauen.

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Werner Neuhaus

Regelmässige Bahnbenützer zwischen Münsingen und Bern können ein Liedchen singen: Während der Spitzenzeiten ist es oft kaum möglich, einen Sitzplatz zu «ergattern». Befürchtungen im Aaretal, dass es wegen des intensiven Bahnverkehrs durch den neuen Lötschberg-Basistunnel für den Regionalverkehr bald keinen Platz mehr haben könnte, sind allerdings nicht neu: Bereits anno 1913 fürchtete man, dass nach der Eröffnung des Lötschberg-Scheiteltunnels der Transitverkehr so stark anwachse, dass für den Lokalverkehr kaum mehr Platz sei. Kein Wunder, dass damals Pläne für eine Strassenbahnlinie von Muri nach Münsingen aufkamen.

Idee weg geschnappt

Ausgelöst wurde die ganze Diskussion durch ein Referat von U. Haldimann, alt Gemeindepräsident, im Ortsverein Münsingen im «Löwen» am 31. Januar 1913. Diese von nicht weniger als 120 Bürgern besuchte Versammlung beschloss, ein «siebengliedriges» Aktionskomitee zu bilden. Etwas überrascht waren die Initianten, als sich herausstellte, dass von anderer Seite bereits ein Konzessionsgesuch eingereicht worden war.

Wie dem vom Ingenieurbüro R. Meyer in Thun ausgearbeiteten Konzessionsgesuch vom 6. Februar 1913 zu entnehmen ist, plante man damals eine meterspurige elektrische Strassenbahnlinie von 9,3 Kilometern Länge vom Restaurant «Sternen» in Muri (mit Anschluss an das legendäre «Blaue Bähnli») zum Bahnhof Münsingen, die das bestehende Strassentrasse benützt hätte. Vorgesehen war eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde und eine Fahrzeit von etwa einer halben Stunde.

«Weihnachtsgeschenk»

Für Sonntag, 9. März «nächsthin» rief das Aktionskomitee die Bahninitianten nachmittags um 3 Uhr zu einer öffentlichen Versammlung in den Gasthof zum «Löwen» in Münsingen auf. Der Regierungsrat des Kantons Bern liess aber verlauten: «Die Unterzeichneten sind leider infolge anderweitiger Jnanspruchnahme verhindert». In der Vernehmlassung meldete das Regierungsstatthalteramt Bern, obwohl das Projekt «zwar nur die Perypherie des Amtsbezirks Bern» berühre, dass der Gemeinderat von Bern das Projekt «in vollem Umfange befürworte.»

Recht kritische Töne gegenüber den SBB schlug das Regierungsstatthalteramt Konolfingen an: «Es ist allgemein bekannt, dass das Aarethal durch die Bundesbahn ungenügend bedient wird». Auch die Eisenbahndirektion des Kantons Bern ging hart mit den Instanzen des SBB ins Gericht, schrieb sie doch am 20. Mai 1913 an den Regierungsrat: «Die Bauwürdigkeit dieser Strassenbahn kann nicht bestritten werden. Die stetige Ablehnung einer besseren Bedienung der Zwischenstationen zwischen Bern und Thun seitens der Bundesbahnen bei Aufstellung der Fahrpläne rufen geradezu einer solchen und die Verkehrselemente hiezu dürften in genügendem Masse vorhanden sein.» So bewilligte der Ständerat am 17. Dezember 1913 und der Nationalrat drei Tage später sozusagen als Weihnachtsgeschenk die Bahnkonzession.

Aussichtslose Finanzierung

Doch schon am 7. April 1914 folgte die kalte Dusche: Das Initiativkomitee schrieb ziemlich entmutigt an die kantonale Baudirektion: «Nach Anhörung des Situationsberichts seines Präsidenten soll in Anbetracht der Aussichtslosigkeit einer baldigen Finanzierung des Unternehmens mit der Ausarbeitung der bezüglichen Pläne noch zugewartet werden; es sind günstigere Zeiten für die Ausführung abzuwarten.»

Die erteilte Bahnkonzession erlosch aber endgültig auf Ende 1917.