Wahlen 2015

Mit dem Sünneli nach oben startet Philipp Müller in den Wahltag

Wie der FDP-Präsident durch den Wahltag getrieben wird und den Erfolg seiner Partei erlebt. Im zweiten Wahlgang für den Ständerat Aargau will er wieder Vollgas geben.

Zum Frühstück isst Philipp Müller gerne Spiegelei. Die Engländer nennen es «sunny side up». Mit der Sonnenseite, dem Eigelb also nach oben, startet es sich auch für den 63-jährigen FDP-Präsidenten aus dem Aargau leichter in den Tag.

Wie am Wahlsonntag. Ein sättigendes Frühstück – wie weise gedacht? Zum Essen bleibt einem FDP-Präsidenten schliesslich kaum Zeit am Tag, an dem die historische Talfahrt einer einst staatstragenden Partei durchbrochen wird. Wir treffen Philipp Müller auf dem Perron in Aarau. Um 14.47 Uhr steigt der Reinacher in den Zug nach Bern. Angetrieben von seinem Mitarbeiter mit dem vollgepackten Terminkalender.

Müller wirkt angespannt. Nervös. Im Zug erzählt er von seinem gemütlichen Frühstück («heute ganz ohne Sonntagszeitungen»), vom Wahlkampf («die europäische Flüchtlingskrise ist weniger wichtig für die Schweiz als die Klärung ihres Verhältnisses zu Europa») und von Wähleranteilen und Sitzen («was nützen uns Wähleranteile, wenn daraus keine Sitzgewinne resultieren?»). 

Ständerat - Philipp Müller (FDP) knapp hinter Hansjörg Knecht (FDP): "Jetzt werde ich alles geben für den zweiten Wahlgang"

Ständerat - Philipp Müller (FDP) knapp hinter Hansjörg Knecht (FDP): "Jetzt werde ich alles geben für den zweiten Wahlgang"

Der gedämpfte Sieg

Noch auf der 45-minütigen Zugfahrt nach Bern kommen laufend Resultate rein: SVP und FDP gewinnen Sitz um Sitz. «Noch ist es zu früh zum Jubeln», warnt Müller. Rasch zeichnet sich im neuen Parlament ein Rechtsrutsch ab. «Als FDP-Präsident freue ich mich vor allem über Sitzgewinne für die FDP», relativiert Müller. Und er bedauert personelle Wechsel aus seiner Partei: «Auch wenn ein anderer FDP-Politiker nachrutscht, die Abwahl eines Kollegen schmerzt mich sehr. Es geht schliesslich um Menschen.»

Menschlich vor seiner grössten Herausforderung stand Müller vor fünf Wochen, als er, in einen Verkehrsunfall verwickelt, eine Roller-Fahrerin anfuhr und schwer verletzte. Müller setzte daraufhin seinen persönlichen Wahlkampf für den zweiten Aargauer Ständeratssitz aus und äusserte sich fortan nur noch zu seiner Partei. Am Sonntag nun verpasste Müller den direkten Einzug ins Stöckli. Weit hinter der problemlos wiedergewählten Pascale Bruderer muss Müller mit dem Kandidaten der SVP, Hansjörg Knecht, in den zweiten Wahlgang.

Im Zug nach Bern erklärt er, der Rückstand sei weniger gross als von ihm erwartet. Warum, wollen wir wissen? Und ob ihm der Autounfall weniger geschadet habe, als er befürchtete? «Das weiss ich nicht», antwortet Müller. Sicher sei nur: «Die Nichtpräsenz auf Wahlpodien und in der Öffentlichkeit hat mir nicht geholfen.»

Seinen persönlichen Wahlkampf will Müller nun wieder aufnehmen. Die Schonfrist ist zu Ende. Der Unfall ist passiert und ausser einer Strafuntersuchung und einer Frau, die sich hoffentlich so schnell und gut wie möglich vom Unfall erholen wird, bleibt derzeit wenig übrig. Und doch liegt der Unfall wie ein Schatten über Müller und dem Erfolg seiner Partei.

Die Freude auf das Schnitzel

In Bern angekommen, setzt Müller seinen Rollkoffer keinen Moment ab. Er trägt ihn mit schnellen Schritten bis ins Bundeshaus. Zu sehr nervt ihn das laute Geräusch von Plastikrollen auf Asphalt, wie er uns verrät. Ausserdem steht heute keine Sachpolitik auf der Agenda und somit befinden sich auch keine schweren Geschäftsunterlagen im Gepäck.

Das Bundeshaus erreicht, legt Müller (oder ist es sein Mitarbeiter?) noch einen Zacken zu: Der FDP-Präsident eilt von Termin zu Termin und gibt gegenüber dem Schweizer Fernsehen eine erste Einschätzung über die Chancen eines Platzes im Ständerat ab. Die Worte wären unproblematisch, bediente sich ihrer nicht ein Autonarr und Unfallverursacher. Doch eben, da liegt dieser Schatten auf dem Erfolg der FDP und ihres Präsidenten: «Für den zweiten Wahlgang werde ich Vollgas geben», sagt Müller ins Mikrofon.

Der Philipp-Müller-Effekt könnte funktioniert haben: «Wir einigten uns auf eine Sprache, welche nicht nur die obersten 12 000 des Landes verstehen», sagt er. Philipp Müller, der Gipsermeister und Autofan, ist ein Freund der einfachen Worte. Der etwas elitären FDP konnte er ein bodenständiges Gesicht verleihen. Der «Vollgas»-Versprecher gehört wohl ebenfalls dazu, wie am Abend der Auftritt in der Elefantenrunde der Parteipräsidenten im Schweizer Fernsehen: Müller wird den Wahlerfolg seiner Partei den Kantonssektionen verdanken, sich sehr zufrieden zeigen und sich insgeheim bereits auf das «saugute und preisgünstige Schnipo in der Bellevue-Bar» freuen.

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