Leitartikel

Mit dem Coronavirus leben lernen: Zehn Erkenntnisse

Verleger Peter Wanner.

Verleger Peter Wanner.

Die Covid-19-Pandemie hat die ganze Welt überrollt und die Wirtschaft in vielen Ländern lahmgelegt. Wie finden wir da wieder raus? 10 erste Erkenntnisse.

1. Das Coronavirus ist heimtückisch und sozialdarwinistisch

Teuflischer hätte man das Coronavirus, Sars-CoV-2 genannt, kaum erfinden können. Es ist heimtückisch und auf eine fiese Art sozialdarwinistisch. Heimtückisch ist das Virus, weil es unsichtbar ist und die Symptome sich erst ein paar Tage nach der Ansteckung bemerkbar machen. Auch haben viele Menschen gar keine Symptome, obwohl sie angesteckt sind und ansteckend bleiben.

Sozialdarwinistisch ist dieses Virus, weil es gezielt auf die ältere Generation losgeht, auf die über 70-Jährigen, Kranken, Immunschwachen und auf Leute mit Vorerkrankungen. Und es ist viel gefährlicher als andere Viren, weil die Ansteckung leichter geschieht und die Todesfallrate höher ist.

Immerhin: Es hätte noch weit schlimmer kommen können, dann nämlich, wenn dieses Virus auch die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen angreifen würde. Doch diese bleiben – wie durch ein Wunder – davon verschont oder überwinden das Virus ohne nennenswerte Beschwerden.

Fazit: Ein gesunder, junger Mensch stirbt nach heutigem Wissensstand nicht an Covid-19. Deshalb sind Todesängste und Panik, die um sich gegriffen haben, übertrieben und helfen sicher nicht, die Krise zu überwinden. Noch wissen wir nicht, wie hoch wirklich die Sterblichkeitsrate ist, weil genaue Statistiken fehlen und die Dunkelziffern der Angesteckten ohne Symptome und der bereits Immunisierten viel zu hoch sind.

Auch wissen wir nicht, wer wegen Corona stirbt und wer mit Corona stirbt, d.h. wer mit grosser Wahrscheinlichkeit an einer Krankheit gestorben wäre, wenn es Corona nicht gegeben hätte. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass dieses Virus für bestimmte Risikogruppen höchst gefährlich ist und tödlich enden kann. Und deshalb bedürfen diese Risikogruppen eines besonderen Schutzes. Eine gefährdete Minderheit zu schützen, ist solidarische Pflicht einer demokratischen Gesellschaft.

2. Bundesrat hat sich für die richtige Strategie entschieden

Weltweit gibt es drei Strategien, um die Pandemie zu bekämpfen. Strategie I, nennen wir sie die «Durchseuchungsstrategie», setzt darauf, die ältere Generation über 65 zu isolieren und die jüngeren Generationen mit dem Virus zu durchseuchen, damit diese möglichst bald immun werden. Wenn einmal 60% bis 70% der Bevölkerung immunisiert sind, so die Überlegung, hat es das Virus schwer, sich weiter zu verbreiten, und die ältere Bevölkerung könnte langsam aus der Isolation entlassen werden.

Diese Strategie, anfänglich noch von Boris Johnson in England verfolgt, ist weltweit aufgegeben worden. Niemand will das Risiko einer zu hohen Todesfallrate in Kauf nehmen. Strategie II setzt auf Zeitgewinn. Alle europäischen Länder wenden sie an, auch die Schweiz. Sie schottet die ganze Bevölkerung ab, nicht bloss die gefährdete ältere Generation, um die Ansteckungsrate flachzuhalten.

Sie verhängt Ausgehverbote, Kontaktsperren, Social Distancing, Hygienemassnahmen und Quarantänen. Zeitgewinn ist zum einen deshalb wichtig, um die Eigenschaften des Virus und die Entwicklung der Seuche besser zu verstehen, zum anderen, damit die Spitäler sich besser auf den Ansturm der Kranken wappnen können. Weil kein einziges europäisches Land, geschweige denn die USA, auf diese Pandemie vorbereitet war – es fehlte überall an Masken, Schutzanzügen, Beatmungsgeräten und Tests –, war die Zeitgewinnstrategie unumgänglich und die einzig richtige.

3. Südkorea macht es vor

Die dritte Strategie schliesslich ist die Eindämmungsstrategie. Sie versucht, die Ansteckungsrate tief und damit unter Kontrolle zu halten, und bedeutet testen, testen, testen und Contact-Tracing. Dafür braucht es ebenfalls Zeit, wahrscheinlich noch ein paar Wochen, bis genügend Testkapazitäten vorhanden sind und die Contact-Tracing-App entwickelt ist. Und zwar braucht es Tests nicht nur, um herauszufinden, wer angesteckt ist, sondern auch Tests, um herauszufinden, wer bereits immun ist, sogenannte Antikörpertests.

Mit dem Contact-Tracing (Standort-Suche) hofft man, Ansteckungsketten unterbinden zu können, indem Personen, die mit einem Infizierten Kontakt hatten, sofort per SMS benachrichtigt werden und in Quarantäne gehen müssen. Weltweit ist hier Südkorea führend und erfolgreich in der Anwendung dieser Strategie. «Warten auf den Impfstoff» ist weniger eine Strategie als eine Hoffnung.

Weltweit wird mit Hochdruck daran geforscht, Pharmaunternehmen liefern sich derzeit ein Wettrennen, wer zuerst einen Impfstoff auf den Markt bringt. Doch die meisten Experten und Virologen sagen voraus, dass es noch ein Jahr dauern wird bis zur Markteinführung, weil ein Impfstoff zuerst eine Reihe von Testserien durchlaufen muss. Schneller könnte es bei der Entwicklung von Medikamenten gehen.

Wahrscheinlich braucht es einen Mix von allen drei Strategien. Die Zeitgewinnstrategie braucht es so lange, bis das Gesundheitssystem Entwarnung geben kann. Die Eindämmungsstrategie mit Testen und einer Contact-Tracing-App kommt als Nächstes. Doch dieses Szenario – in Verbindung mit einer Maskenschutzpflicht für die ganze Bevölkerung – darf erst in Angriff genommen werden, wenn genügend Testkapazitäten und Schutzmasken vorhanden sind und die anzuwendende App persönliche Daten zu anonymisieren vermag.

Die Garantie des Datenschutzes ist wichtig, sonst funktioniert das nicht auf freiwilliger Basis. Weitere Bedingung: Die Ansteckungsrate muss tief genug sein, um das Virus in Schach halten zu können. Führt diese Strategie mittelfristig nicht zum Erfolg, bleibt nur das Szenario der schrittweisen Herdenimmunisierung, der Durchseuchung der jüngeren Generationen – ein Szenario, das vor allem aus Wirtschaftskreisen propagiert wird.

Aber auch dieses Szenario ist mit grossen Risiken behaftet, benötigt Zeit und setzt die völlige Abschottung der älteren Generation und der Risikogruppen voraus, andernfalls die Pandemie überhandzunehmen droht. Bei beiden Szenarien wird wahrscheinlich erst ein Impfstoff die erlösende Rettung bringen. So oder so: Wir werden lernen müssen, mit dem Coronavirus zu leben.

4. Was wir den Ärzten und dem Pflegepersonal zu verdanken haben

Gerade in diesen Tagen und Wochen wird einem wieder bewusst, wie wichtig ein gut funktionierendes Gesundheitssystem ist und welch aufopfernden Job Ärzte und Pflegepersonal machen. In Ländern wie in Italien haben sie im Stress ihr eigenes Leben riskiert, um todkranken Menschen zu helfen.

Vielleicht besinnt sich die Politik spätestens bei der nächsten Diskussion über steigende Gesundheitskosten darauf, dass es nicht nur um Dienste, Betten, Apparaturen, Medikamente und Lieferketten geht, sondern auch um Leben und Tod, um Engagement und eine besondere Verantwortung des medizinischen Personals. Lob, Anerkennung und Wertschätzung mögen schön und hilfreich sein in diesen Tagen, aber sie reichen nach der Coronakrise nicht aus. Vielerorts muss das Pflegepersonal besser entlöhnt werden und die neidgetriebene Diskussion um angeblich zu hohe Ärztesaläre muss aufhören.

Sie mag bei einigen geldgierigen Managern angebracht sein. Aber bei Ärzten? Seltsamerweise werden die Saläre von Fussballern nie diskutiert. Seit wann haben sie denn grössere Verantwortung als Ärzte?

5. Wie kommen wir aus dem Lockdown wieder heraus?

Was ist wichtiger: Gesundheit oder Wirtschaft? Diese Frage, oft diskutiert, ist falsch gestellt! Denn beides ist wichtig. Und das eine gegen das andere auszuspielen macht keinen Sinn. In den ersten Wochen ging es darum, die Pandemie zu bekämpfen und die Ansteckungskurve zu glätten. Da stand verständlicherweise die Gesundheit vieler Menschen im Vordergrund.

Nun hat sich aber in den letzten Wochen gezeigt, wie sehr das Funktionieren der Wirtschaft wichtig ist. Wir alle haben mitbekommen, was ein Stillstand der Wirtschaft bewirken kann: Einbruch bei den Umsätzen, fehlende Einnahmen, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Schliessung von Geschäften, Stillstand in der Industrie, drohende Insolvenzen.

Rien ne va plus. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Maximal zwei bis drei Monate kann vielleicht eine Volkswirtschaft so einen Lockdown verkraften, nachher aber droht eine wirtschaftliche Katastrophe mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik, die Gesundheit und das Wohlergehen jedes Einzelnen.

Der Bundesrat hat deshalb mit Recht entschieden, Lockerungen des Lockdowns vorzunehmen und die Wirtschaft – unter Berücksichtigung des Verlaufs der Pandemie - schrittweise wieder in Gang zu bringen. Es gilt, den Verlauf der Pandemie genau zu verfolgen und je nachdem die Schraube der Lockerungen aufzudrehen oder wieder anzuziehen. «So rasch wie möglich, aber so langsam wie nötig», sagt Alain Berset.

Das wird eine heikle Gratwanderung werden. Seltsam berührt, dass der Bundesrat sich immer noch nicht zu einer Maskenschutzpflicht wie in Österreich durchgerungen hat. Denn zweifellos schützen Masken, und ihre vorbeugende Wirkung wurde nur deshalb heruntergespielt, weil zu wenig Masken vorhanden waren. Will man hier von einem Debakel ablenken? Und warum kann Österreich, was die Schweiz nicht kann?

6. Der Staat muss helfen, Insolvenzen zu verhindern

Diese Krise ist so einschneidend und abrupt über uns gekommen, der Lockdown so heftig, dass ohne staatliche Hilfe viele Unternehmen unweigerlich Konkurs anmelden müssten. Der Bundesrat hat hier dank Notrecht schnell gehandelt und wirksame Instrumente geliefert: zum einen das Instrument der Kurzarbeit, mit sofortiger Wirkung bei der Anmeldung, zum andern die Liquiditätsüberbrückung, wofür bis jetzt 42 Milliarden für KMU und Grossbetriebe vorgesehen sind.

Ob sie reichen werden, ist zweifelhaft und hängt sehr vom Verlauf der Pandemie ab. Das Prozedere ist genial einfach: Die Banken vergeben Kredite, der Bund übernimmt die Bürgschaft. Ob einzelne Betriebe nach ein paar Jahren dann in der Lage sein werden, den Kredit zurückzuzahlen oder ob manch ein Kredit à fonds perdu abgeschrieben werden muss, steht auf einem andern Blatt.

7. Wer hat das Schlamassel angerichtet?

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Sars-CoV-2 auf einem der gruseligen Tiermärkte in Wuhan, wo neben Wildtieren auch Hühner und Rindfleisch dem Menschen zum Verzehr angeboten werden, von einer Fledermaus auf einen Menschen übertragen worden. Man fragt sich, warum das chinesische Regime diese Tiermärkte mit lebenden wilden Tieren noch immer erlaubt und nicht längst verboten hat.

Noch schlimmer aber ist die Tatsache, dass China am 23. Januar die ganze Provinz Hubei mit dem Epizentrum Wuhan zwar abgeriegelt hat und kein Bewohner mehr dieser Provinz in das übrige China ausreisen durfte, gleichzeitig aber Linienflüge von Wuhan in die weite Welt teilweise noch bis in den Februar hinein erlaubt waren, insbesondere nach London, Paris, Rom, San Francisco und New York. Warum hat der chinesische Staat diese Flüge nicht unterbunden, wo er doch wusste, wie gefährlich das sein konnte? Auf jeden Fall fand das Virus so seinen Weg in die übrige Welt.

8. Die Welt stürzt in eine neue Schuldenkrise

Kaum hat sich die Welt von der Schuldenkrise, ausgelöst durch die Finanzkrise 2008, einigermassen erholt, droht nun eine Schuldenkrise noch viel grösseren Ausmasses. Nur wenige Staaten wie die Schweiz oder Deutschland haben ihren Haushalt in den letzten Jahren in Ordnung gebracht. Die meisten Staaten haben dies versäumt und sind hoch verschuldet.

Die weltweite Rezession, die jetzt einsetzen wird, wird sie besonders hart treffen. Staaten, die wie Italien finanzpolitisch am Abgrund stehen, muss geholfen werden. In Europa durch einen europäischen Rettungsschirm oder durch Eurobonds, worüber im Moment noch gestritten wird. Die Erfahrung mit «quantitative easing», der Flutung der Weltwirtschaft mit billigem Geld, haben wir schon gemacht.

Angesichts der Krise werden die Notenbanken noch vermehrt dazu übergehen, teilweise wertlose Staatspapiere zurückzukaufen. Es droht die direkte Finanzierung der Staaten durch die Notenbanken. Wie das enden wird und ob eines Tages das weltweite Finanzsystem kollabieren wird oder ob wir von Krise zu Krise torkeln, wissen die Götter.

9. Nach Corona wird anders sein als vor Corona

Wenn die Welt nach der Schockstarre allmählich aus der Coronakrise herausfindet, wird sie eine andere sein. Im Netz kursieren unzählige Verschwörungstheorien, aber auch Hoffnungen, dass jetzt ein wirtschaftlicher Neuanfang geschieht und die Welt viel gerechter und vernünftiger wird. Vor solchen Illusionen ist zu warnen.

Beileibe kein Verschwörungstheoretiker ist, wer voraussagt: Das 21. Jahrhundert wird das chinesische Jahrhundert werden, und zwar schneller als uns allen lieb ist. Paradoxerweise leistet das Coronavirus gezielt Vorschub für diese Entwicklung. In der Weltpolitik wird China das grosse Problem werden. Auch weil das Land von einer skrupellosen Diktatur regiert wird. Man muss kein Prophet oder Zukunftsforscher sein, um einige Trends vorauszusagen, die sich beschleunigen werden:

- Erstens der ökologische Trend – weniger Raubbau an der Natur, Abkehr von fossilen Brennstoffen – wird verstärkt Auftrieb erhalten. Die Angst vor Viren befeuert die Angst vor einer Umweltkatastrophe. Corona hilft Greta.

-Zweitens wird ein enormer Digitalisierungsschub einsetzen. Die Menschen lernen gerade, dass Kommunikation auch mit Homeoffice und Videokonferenzen geht. Das heisst, es braucht viel weniger Flüge, weniger Büroflächen, weniger Mobilität.

- Drittens, der Detailhandel funktioniert künftig nur noch mit einem starken Onlinekanal und Lieferservice nach Hause. Die Leute werden immer mehr Einkäufe über ihr Smartphone tätigen. Ob die Welt gerechter wird, ob sich Armut und Reichtum anders verteilen, ob Populisten aus der Krise Nutzen ziehen oder ob die Ehrlichen und Vernünftigen Oberhand gewinnen – dies alles sind politische Fragen, an denen sich das Coronavirus nicht abarbeiten wird. Dafür haben wir Politiker.

10. Stärkt das Immunsystem!

Was kann eigentlich der einzelne Bürger, die einzelne Bürgerin tun im Kampf gegen Sars-CoV-2? Es erstaunt, wie sehr immer nur von Schutzmasken, Tests, Beatmungsgeräten und Impfstoffen die Rede ist, nie aber vom Immunsystem.

Soziale Distanzierung und Händewaschen mit Seife sind zwar unabdingbar, wer gesund lebt und etwas für die Stärkung des Immunsystems tut, erhöht aber die Chancen, das Virus besser bekämpfen zu können. Also gesund essen, Sonne tanken, Sport treiben, nicht rauchen, genug schlafen, Yoga und Meditation einbauen, eine ausgeglichene Work-Life-Balance einhalten. Wir haben gerade gelernt, solidarischer zu sein, dem Nachbarn zu helfen, disziplinierter zu sein und den Anordnungen des Bundesrates zu folgen. Vielleicht lernen wir nun, gesünder zu leben.

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