von Hans Lüthi

Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, für Vögel eine Baubewilligung zu verlangen - weil sie sich selten für längere Zeit am selben Ort aufhalten. Bei den in aller Regel sehr umweltfreundlichen Rebbauern machen sich die traubenfressenden Tiere in den Wochen vor der Ernte höchst unbeliebt. Deshalb schreiten die Winzer zur Gegenwehr, mit unterschiedlich wirkenden Mitteln: mit farbigen Netzen, um die Schädlinge schon beim Anflug auf die süssen Beeren zu stoppen.

Mit Vogelschrei- oder Knallanlagen, um die Tiere zu erschrecken und damit aus den Rebbergen zu vertreiben. Oder eben mit den «Bächli-Anlagen», bei denen sich an Drähten befestigte Farbbändel regelmässig hin und her bewegen. Die Erfindung aus dem Surbtal gilt als speziell umweltfreundlich und bewährt sich in den Rebbergen landauf, landab schon 700-fach. Netze haben den Nachteil, dass darin immer wieder Vögel oder Igel hängen bleiben und verenden.

Kritik an Kanton und Richtern

Das Thema Bewilligung entstand auf dem Mist eines Streits, bei dem sich ein Anwohner und der Rebbergbesitzer Emil Bächli seit Jahren intensiv in den Haaren liegen. Die Abteilung für Umwelt im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) kam zum Schluss, eine Bewilligung sei nötig, das Aargauische Verwaltungsgericht stützte diesen Entscheid. Vor Bundesgericht ging es nur noch um eine Frage: ob es legitim sei, dass die Aargauer Richter ihren Entscheid zur Lärmbelastung ohne einen Augenschein im Rebberg gefällt hätten. Der Endinger Erfinder versteht die Welt nicht mehr, denn seine Abwehrmethode hat er zusammen mit der eidgenössischen Forschungsanstalt in Wädenswil entwickelt, in der Fachwelt gilt sie überall als mustergültig. Mit dem «schikanösen Entscheid» förderten der Kanton und das Verwaltungsgericht die Belastung der Umwelt - statt sie zu entlasten, reklamiert Emil Bächli.

Neue Runde mit Knallgerät

Weil der Erfinder für seine Anlage - als einziger in der Schweiz - niemals ein Baugesuch einreichen wollte, stellte er im Rebberg auf eine Knallschreckanlage um. Eine prompt eintreffende Beschwerde wegen übermässigen Lärms lehnte der Gemeinderat Endingen ab. Der Beschwerdeführer kritisierte Bächli, er setze ohne Rücksicht auf Umwelt und Anwohner seine Interessen durch und zeige keinerlei Kompromissbereitschaft. Mit wenig Aufwand hätte er den Zustand der Anlage so verbessern können, dass sie korrekt funktioniert hätte.

Die Knallanlage im Rebberg Hörnli verstosse gegen die Lärmschutzverordnung und das Bundesgesetz über den Umweltschutz, kritisierte der Nachbar in seiner Vernehmlassung an die Rechtsabteilung BVU. Selbstverständlich bestreitet das Bächlis Anwalt und kommt zum Schluss, der Schutz mit Netzen sei keine gleichwertige Massnahme und zudem wirtschaftlich nicht tragbar. Jedem Rebbauer stehe das Recht zu, die für ihn beste Variante zu wählen. In dieser noch laufenden Runde zwischen Juristen und BVU ist noch kein Entscheid gefallen.

Klärung durch das Baugesetz

Über den Endinger Fall hinaus interessieren sich alle Aargauer Rebbauern für das Thema. «Weil auch im Aargau noch nie ein Baugesuch für einen Vogelschutz eingereicht worden ist, geht es erst um die grundsätzliche Bewilligungspflicht und nicht um die Bewilligungsfähigkeit», betont Hugo Kaeser von der BVU-Rechtsabteilung. In der Verordnung zum neuen Baugesetz, das im Herbst zur Abstimmung kommt, seien temporäre Anlagen für den Obst- und den Rebbau grundsätzlich bewilligungsfrei. Anders ist es hingegen mit einem Vogelschutz, welcher das ganze Jahr montiert bleibt.

Dann wird er zu einer stationären Anlage, für die es eine Bewilligung braucht. Rebbauern weisen darauf hin, genau das könnte Emil Bächli zum Verhängnis werden. Wirklich notwendig sind die Anlagen nur für die Zeit der reifen Trauben - von Mitte August bis Mitte Oktober oder Anfang November, je nach Sorte und Jahr.

Gegen Vogelnetze in Schutzzonen

Strengere Regeln könnte es dort absetzen, wo der Rebberg durch eine Landschaftsschutzzone überlagert wird. Hier ist es fraglich, ob weiterhin farbige Vogelnetze montiert werden dürfen. «Vogelschutz im Rebberg ist ein aktuelles Thema», sagt der kantonale Rebbaukommissär Peter Rey vor diesem Hintergrund.