Die Nacht weicht unwillig, als wir im Frühnebel das Boot besteigen. Nach drüben lassen wir uns treiben, zur Bucht Treib am Urnersee. Tatsächlich stamme der Name von «sich treibenlassen», sagen Ortskundige. Oder von der Viehtreibe. Heute ist das immer noch ein Ort, als würden Verkehrsmuseum, Réduit und Ballenberg in eine Kulisse gepackt.

Am Steg tutet der Raddampfer «Uri», majestätisch das Schweizer Kreuz im Heck. Aus dem Wirtshaus tragen junge Berglerinnen Käse, Trockenfleisch und Most. Kinder tanzen Polka; den Reigen überwacht die Lehrerin in Urner Tracht. Am Himmel übt eine Kampfstaffel donnernd den Einsatz gegen Feinde, die das Land ... nicht bis auf weiteres bedrohen, sondern ewig.

Und mitten in der Szene sitzt man einfach da, halb benommen vor Ungläubigkeit: Ist genau das hier nicht auch ewig «öisi Schwiz»? Das perfekte Schweiz-Kalenderblatt. Exakt das Bild, das heute alle für gefährdet halten. Durch «Globalisierung» oder «Überfremdung» – Vokabeln einer angeblich akuten Heimatschutz-Sorge, mindestens oft beschworen, links wie rechts.

Dabei verkörpert auch diese windstille urschweizerische Ecke steten Wandel. Hier verschnauften einst Ruderer der Ledischiffe, wetterfeste Hünen. Auf dem neutralen Territorium durften sich während dreier Tage Verfolgte aufhalten, ohne verhaftet zu werden. Das blieb so, für Jahrhunderte. Bis die Ledischiffe einen Dampfmotor bekamen und das andere Ufer ein Gleis mit Dampflokomotiven, bis die Gotthardbahn hier alles umkrempelte. Mit dem neuen Tempo kamen scharenweise Leute. Und ausländische Touristen: Alpenschwärmer mit unsolidem Schuhwerk, aber festem Vermögen. Die schleppte man fortan nicht mehr mit der Sänfte auf den Berg, sondern verfrachtete sie direkt per Standseilbahn in die neuen Palace-Burgen.

Öffnet Uri China eine weitere Tür zu Europa?

Ist die Schweiz nur noch in geschützten Buchten in Ordnung, auf Idylle-Oasen des Fin-de-siècle wie Treib? Wer das denkt, blickt womöglich nicht tiefer, nicht auch in die Geschichte: auf steten Wandel. Gerade hier, in der Urschweiz. Hier ist wie überall das dritte Jahrtausend angebrochen. Aber vielleicht hat sich die Region längst darauf eingestellt. Weil man hier prädestiniert ist, neue Bewegungen rechtzeitig zu erfassen und umgehend zu nutzen.

In der altehrwürdigen Gaststube setzen wir uns an den Tisch von Urs Janett, Uris Finanzdirektor. Einen Teil seiner Ausbildung hatte Janett in Cardiff, England, absolviert. Vor wenigen Minuten überbrachte er draussen die Glückwünsche der Urner Regierung zur Eröffnung eines neuen Wanderwegs, genannt «ViaUrschweiz» (Flüelen/Isenthal/Klewenalp). Das alles wirkt noch sehr klassisch.

Viel interessanter indes ist ein «Businesspark Urschweiz». Chinesen sollen im neuen Alpendorf des Ägypters Samih Sawiris, in Andermatt, die Weltwirtschaft von morgen besprechen. Ein «Business-Davos» sozusagen, eine Art China-WEF. Darüber wollen wir mit dem Regierungsrat sprechen.

«Die Würfel sind gefallen», sagt Janett gleich am Anfang. Der Finanzdirektor stützt sich auf eine Zusage von Long Yongtu, Chinas ehemaligen Chefunterhändler beim Beitritt in die Welthandels-Organisation WTO: «Das SEES kommt definitiv.» SEES steht für »Sino-European Entrepreneurs Summit», vor zehn Jahren gegründet. Rund 500 Wirtschaftsleute aus Europa und China nähmen jeweils daran teil, sagt das Forum. Bisherige Austragungsorte waren Paris und London.

Im vergangenen Juni fand ein Teil dieses China-Wirtschafts-Gipfels bereits in Andermatt statt. Kaum jemand nahm davon Notiz, obwohl das im Grunde eine spektakuläre Sache ist. Das WEF in Davos sei Chinesen meist zu kalt gewesen; ausserdem hätten sie wegen des chinesischen Jahresendes genug Stress. Also lieber warm, lieber im Juni, am besten in eigener Regie.

Für Schweizer kann Andermatt auch mal zu exotisch anmuten.Thomas Linkel/laif

Für Schweizer kann Andermatt auch mal zu exotisch anmuten.Thomas Linkel/laif

Andermatt soll nun jedes Jahr Austragungsort werden – zusammen mit Paris. Beflügelt werden dürfte das sicherlich durch jüngste Wirtschaftsflirts zwischen China und Europa, angesichts der zunehmenden Handelsfeindschaft zu den USA. Dafür verlegt die SEES ihren Sitz gar nach Uri. Letzte Zeichen deuten darauf hin. Ein Kongresshotel wird gerade fertig gebaut. In Altdorf wurde eine chinesische Mittelschule eröffnet. Ab kommenden Schuljahr wird sie aufgestockt auf zwei Klassen; die Zulassung für die Schweizer Matur steht noch aus. Urner Mittelschüler waren befremdet, als ihre chinesischen Kamerädli selbst am Sonntag mit Reagenzglas und Pinzette weiterwerkten im Chemielabor.

Öffnet Uri China damit nicht eine weitere Tür nach Europa auf dessen unbeirrtem Weg zur Welt-Hegemonie? «Daran denken wir auch», antwortet Janett, «verteufeln muss man jedoch nichts. Wir sehen Chancen, nicht nur Gefahren. Seit Jahrhunderten sind wir gewohnt, die Welt nach Uri zu bringen, stets im Wissen, wie man den Ausverkauf der Heimat verhindert. Wir alle tragen die Urschweiz in uns.»

Doch welche Schweiz? Den zehngeschossigen Alpen-Chic des ägyptischen Grossinvestors in Andermatt, Samih Sawiris? Mit knapp erahnbaren Architekturanleihen aus der Region und einem Dorfplatz vom Reissbrett, unter dem sich Uris weitläufigste Parkgarage verbirgt, um die Zürcher aus dem nicht mehr schneesicheren Flumserberg, vom Pizol und Hoch-Ybrig abzusaugen? Oder die «sanfte» Fin-de-siècle-Schweiz bei Seelisberg/Treib? «Meine Schweiz», sagt Janett, «finde ich im Felli-Tal bei Gurtnellen rauf. Da liegt nichts weniger und nichts mehr als der Weltfrieden.»

Dem Blues begegnen mit «Haus-Analysen»

Weiter das Reusstal raufzufahren, ist ein guter Tipp: ab Amsteg über Gurtnellen, Wassen, Göschenen bis zur Schöllenen. Seit der Eröffnung des Neat-Basistunnels ist es hier, in Ober-Uri, merklich stiller geworden. Freunde des Alpen-Blues lieben das. Aber die schöne Melancholie der abseitigen Provinz beschwingen nicht unbedingt das örtliche Leben.

Auf der Tour begleitet uns einer der wohl heimatkundigsten Urner, ein Schwinger und Schwingerfreund, Adrian Zurfluh, der stellvertretende Kanzleidirektor der Regierung. Politisch korrekt sind wir unterwegs in einem kleinen Mobility-Car. Das fällt hier auf, besonders auf Nebenstrassen. Woher kennen fremde Fötzel diese geheimen Ecken, wo man vor ihnen gerade Ruhe haben will?

Zurfluh ist am alten Gotthardpass abgebogen auf eine schmale, meist ungesicherte, kurvige Bergstrasse, die Aufmerksamkeit erfordert. Alles stotzig, Einzelhöfe, Chrutzenweiler, seitwärts klafft die wilde Reuss. Ab und zu eine Kapelle am Rand. Oder – ähnlich gross – eine Betonnische für Leute zu Fuss, wenn unverhofft die Lawine kommt. Sieben Kühe trotten uns entgegen, Anhalten ist nun zwingend – und über diese Szene staunte jetzt sogar der Urner selbst.

Frischluft brauchen Reisende: Schacht in den Gotthardtunnel.Burg+Schuh/Laif

Frischluft brauchen Reisende: Schacht in den Gotthardtunnel.Burg+Schuh/Laif

Hinter den Kühen schreitet eine kerngesunde, völlig natürliche Frau in den Zwanzigern aus, den knotigen Stecken in der Hand, mit Kopftuch und Säugling quer hinter den Rücken gebunden. Ein paar Schritte hinter ihr folgt der Mann und Vater, etwas gedrungen, starke Waden, klobige Sandalen, Heuerhemd und Vollbart, auch er keine dreissig Jahre alt. Ein Bild wie Hodler-Eidgenossen. Ein halbes Jahrtausend mit der Zeitmaschine retour.

Beeindruckt schauen wir rüber zu Zurfluh, wohl mit einer Spur Ironie. «Oh nein», wehrt er sogleich ab, «die drei haben wir nun wirklich nicht extra herbestellt.» Zurfluh kannte den Weg bisher als tolle Mountainbike-Route: «Jetzt weiss ich, wo man auch das exemplarisch zeigen kann: Uri bleibt urig.» Und das einen Steinwurf entfernt von Europas Mobilitäts-Schlagader: Hamburg–Rom – da droht freilich gerade wieder mal der alljährliche Ferienkollaps.

Die zweite Röhre soll ihn zukünftig verhindern helfen. Läuft alles gut, beginnt deren Bau 2020. Uri hat sich dafür längst in Stellung gebracht. Quellensteuer, Arbeit, Wertschöpfung, neue Häuser für die Tunnelcrew, Bauten, die sich später verwenden lassen als Personalhäuser der «Andermatt Swiss Alps», die jetzt schon nach Unterkünften sucht, eine neue Bestimmung für den legendären Bahnhof Göschenen ... das soll wieder Zukunft garantieren.

In die Dorfkerne der alten Gotthard- rampe soll das Leben zurückkehren; der Kanton hilft Hauseigentümern bei der Analyse ihrer Immobilien: Wie sanieren, wozu, was liegt drin? Noch beherrschen alteingesessene Clans die Gemeinden, die stets weniger Leute finden für die lokalen Behörden. Könnte man gewisse Gemeinden nicht nach dem Beispiel mancher Region verschmelzen? «Fusionen», sagt Zurfluh, «hat Uri gern. Bloss nicht mit dem Nachbarn.»

Im Porsche zur alten Blechseilbahn

Als Katalysator und Magnet fürs ganze Tal aber soll Andermatt dienen, nicht die Röhre; dahin geht die Hoffnung – und am Schluss auch unsere Fahrt.

Wieder einmal liegt Andermatt im Nebel. Wer nun schadenfroh grinst, wird sofort – ebenso lächelnd – auf die eigene sattsame Erfahrung mit Nebel verwiesen, im Aargau. Das tut Stefan Kern, Kommunikationschef der «Andermatt Swiss Alps» (an der Firma hält Samih Sawiris 51 Prozent). Überall wird gebaut. Erste Interessenten hatten wirklich Mut, hier früh zu buchen und zu versuchen, es sich zwischen den Provisorien gemütlich zu machen. Alles sehnt sich nach der neuen Piazza; das gibt dem Ganzen wohl endlich eine Mitte und Halt.

Übersicht über die ganze Anlage bietet ein Modell im Pavillon des Unternehmens, gleich neben dem Bahnhof. Eine augenscheinlich aus Indien stammende Familie studiert drin Broschüren. Ihr Kind stösst die Miniaturbahn übers Gleis und schmeisst Bäume um. Stefan Kern richtet den Blick auf das Schild «Don’t touch», dann auf die Eltern, stumm. Dem Balg Mores zu lehren, ist zwar ein Schweizer urpädagogischer Reflex. Aber die Inder könnten vermögend sein; und auch diese Überlegung ist hier seit alters her Reflex.

Auf den kommenden Winter hin erschliessen neue Bahnanlagen neue Pisten bis nach Sedrun. Auch daran wird emsig gebaut. Tauchen jene fünf Schneehühnerpaare doch noch auf am First, worauf Naturschützer stets hingewiesen hatten, werde die Arbeit natürlich unterbrochen, sagt Kern. Die Appartements waren nach Angaben der Gesellschaft 2017 im Durchschnitt zu 47 Prozent ausgelastet. Im vergangenen Jahr hat man einen Verlust von 29,8 Millionen Franken erzielt, der Umsatz betrug 72,6 Millionen. Seit 2013 am Markt ist das Fünfstern-Hotel The Chedi. 2017 lag dessen Auslastung bei 54 Prozent (39 Prozent im Vorjahr).

Ein «Mini-KKL» für 500 Zuhörer entsteht nahe der Piazza. Ein Enthusiast zahlt ohne mit der Wimper zu zucken, was jeweils fehlt, wenn das «Swiss Alps-Festival» jeden Frühsommer Musiker von Weltrang in die Berge holt. Weiter öffnet ein neues Vierstern-Hotel, das Radisson Blue, mit Fokus Kongress-Business. Der Direktor ist ein arabisch sprechender Zürcher. Sollten jetzt häufiger Chinesen sein Hotel belegen, dürfte er das als Challenge verstehen.

Als die Chinesen im vergangenen Juni hier heraufkamen, um ihren Alpengipfel partiell mal durchzuspielen, «fuhr man alles auf, was man hatte». So hatte es Finanzdirektor Janett ausgedrückt in der Treib. Für Schweizer mag das neue Andermatt exotisch anmuten, für Chinesen ist genau das Swissness pur. Petrus ist an solchen Tagen immer ein verlässlicher Urschner. Das war schon beim ersten Besuch von Samih Sawiris so: eitel Sonnenschein und Himmelblau satt.

Kein Weg ist den Chinesen zu weit, um die Urschweiz zu sehen. Stefan Bohrer/Key

Kein Weg ist den Chinesen zu weit, um die Urschweiz zu sehen. Stefan Bohrer/Key

Nur einen Punkt des Bedenkens äusserten die millionenschweren Unternehmer aus Fernost: Ihre Leute, sagten sie, würden oft mitten am Tag rausgepfiffen vom einen Meeting und zum nächsten beordert, ganz anderswo. Für solche Blitz-Planänderungen sei die Fahrt von Andermatt zum Zürcher Airport mit zwei Stunden reichlich lang.

Die Urner bleiben gelassen. Solange nicht mal den Schneehühnern eine Feder gekrümmt wird ... Im mondänen Chedi treffen sich zunehmend auch Einheimische. Ohne sich im Geringsten einschüchtern zu lassen von irgendwas. Wer hat am Gotthard denn Wegrecht und sagt «was Brüüch und Ornig isch»? Wer erhebt hier Zoll aus der fes- ten Burg heraus, seit Jahrhunderten schon?

Die Idee des Hotels, sich in die Skischuhe helfen zu lassen, durch einen sogenannten Ski-Butler, finden sie unter sich natürlich etwas bekloppt ... während von der Wand, als Poster, Weltmeister Bernhard Russi zuschaut. Eine andere Idee hingegen finden sie toll: Mit dem Porsche des Hotels pfeift man runter zum See, steuert hier linkerhand am Fels spektakulär wieder hoch, um ganz hinten im Isenthal eine Blech-Seilbahn zu besteigen wie aus dem Verkehrsmuseum, um zuletzt auf der Alp von der Bäuerin aufgetischt zu bekommen, was gerade frommt. «Ein Ägypter», sagen sie, «aber eins hat er: das Gespür für ‹Brüüch und Ornig›. Das richtige Gefühl für unsere Heimat.»