Moutier

Misstrauen statt Euphorie: «Die Berner wollen einfach nicht einsehen, dass sie verloren haben»

In Moutier gab es schon mehr Anlass zur Freude: Separatisten am Abstimmungstag vom 18. Juni 2017 Gaetan Bally/Keystone

In Moutier gab es schon mehr Anlass zur Freude: Separatisten am Abstimmungstag vom 18. Juni 2017 Gaetan Bally/Keystone

Vor neun Monaten entschied die Stadt Moutier, den Kanton Bern zu verlassen und zum Jura zu wechseln. Ein Besuch der Bundesrätin Simonetta Sommaruga zeigt, wie verhärtet die Fronten sind.

Als der Zug an diesem Morgen in Moutier einfährt, liegt Nebel über den Feldern und den schroffen Felswänden, welche die kleine Industriestadt im Jura umgeben. Es riecht nach Frühling, die Temperaturen waren auch schon kühler, trotzdem liegt der Ort müde da. Vor dem Bahnhof stehen ein paar Männer stumm an hohen Plastiktischen vor ihren Kaffeebechern. Die Häuser an der Hauptstrasse ins Zentrum wirken alt, die Wohnungen verlassen, viele Läden sind geschlossen. Erst nach fünf Minuten kreuzt eine alte Frau den Weg. Auf dem Dach der Präfektur über der Strasse ragt eine Berner Fahne. Sie ist die letzte ihrer Art, die nach dem 18. Juni in der Stadt sichtbar geblieben ist.

Der Streit schwelt weiter

Vor neun Monaten sagten 2067 Einwohnerinnen und Einwohner Ja zum Wechsel Moutiers in den Kanton Jura, 1930 wollten im Kanton Bern bleiben. 137 Stimmen machten den Unterschied. Im Jahr 2021 soll der Kantonswechsel von Moutier vollzogen und die Frage nach der Kantonszugehörigkeit beendet sein. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. «Eine Illusion», nannte der jurassische Regierungsrat Charles Juillard den Plan diese Woche im Kantonsparlament. Von mehreren Rekursen, die nach dem Abstimmungstag eingingen, sind acht hängig. Einen will die Statthalterin separat behandeln, sieben zu einem Entscheid gruppieren. Ob das zulässig ist, darüber muss das Verwaltungsgericht befinden. Bis der Entscheid vorliegt und die Statthalterin aktiv werden kann, bleibt der Kantonswechsel blockiert.

Die Separatisten wollen jedoch vorwärtsmachen. Draussen vor dem Hôtel de Ville in der Altstadt hängt sie bereits, die Jura-Fahne. Drinnen im Büro redet Marcel Winistoerfer aufgebracht. «Ich erwarte, dass das Resultat der Abstimmung anerkannt wird und wir endlich mit der Arbeit beginnen können.» Er hat ein rundes und sympathisches Gesicht, unterrichtet Deutsch und Französisch an der Sekundarschule, ist Separatist und seit einem Jahr Moutiers Stadtpräsident. In den Siebzigern kämpften die Separatisten bewaffnet gegen die Berntreuen für einen Kanton Jura, heute entladen sich die Spannungen in feinen Tönen.

Einige hundert Meter weiter unten patrouillieren Sicherheitsleute. Die Strasse liegt im Schatten, die Parkplätze sind leer, die Sonne scheint einzig auf das Haus Nummer 12. Es ist der ehemalige Sitz der Interjurassischen Versammlung (IJV). Davor rauchen Männer in Anzügen, man kennt sich, redet kaum oder leise. Hoher Besuch ist angekündigt: über dreissig Politiker aus dem Jura, aus Bern, aus Moutier. Der Bund hat die IJV fast auf den Tag genau vor 24 Jahren gegründet, um den Dialog zu fördern – und die Gewalt, die Intrigen und das Misstrauen im Dauerkonflikt zu beenden. Nach der Abstimmung wurde die Organisation im letzten November aufgelöst, das Haus an einen Mann aus der Nachbargemeinde verkauft. Offiziell endet damit ein Prozess, der anderen als Vorbild dient: den Katalanen. Während deren Separatistenführer Carles Puigdemont in Deutschland in Untersuchungshaft sitzt, enthüllt Bundesrätin Simonetta Sommaruga eine Gedenktafel. Doch sie muss mahnen und beschwichtigen. Die Magistratin sagt: «Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass der demokratische Prozess nicht am Tag einer Abstimmung endet.»

Der Bundesrat will die Mediation zwischen den Parteien nun übernehmen. Das ist nötig, denn der Streit schwelt weiter. Während der jurassische Regierungsrat Charles Juillard in seiner Rede betont, dass der jahrzehntelange Konflikt nun beendet sei, schlägt sein Berner Amtskollege Pierre Alain Schnegg gegenteilige Worte an: «Il faut avoir du temps de lever des zones d’ombres qui persistent.» Es brauche Zeit, bis die Schatten ganz verschwunden seien.

Die Leute kaufen auswärts ein

Statt mit Wein und Wasser im Reisebüro nebenan anzustossen, verlässt der Stadtpräsident Marcel Winistoerfer den Apéro vorzeitig. «Immer diese Zweifel», ärgert er sich. «Die Berner wollen einfach nicht einsehen, dass sie verloren haben.» Er spricht über die Gerüchte, die in Moutier für neuen Unmut sorgen. Stimmen sollen gekauft worden sein, von Frauen im Minirock oder gegen Bier. Die Staatsanwaltschaft hat die strafrechtliche Untersuchung eingestellt, die Gerüchte haben sich nicht erhärtet. Genauso wenig, ob Abstimmungstouristen kurz vor der Abstimmung für wenige Monate ihre Papiere nach Moutier verlegten. Trotzdem könnte die Statthalterin deswegen die Abstimmung vom Juni noch annullieren. «Die Leute haben genug», sagt Winistoerfer, bevor er wieder zu seinen Schülern zurückkehrt.

Aus dem Restaurant gegenüber dem Haus Nummer 12 treten Leute. Sie sind einige der wenigen, die der Feier zuschauen. Der Anlass war öffentlich nicht angekündigt. Das sage doch alles über die Stimmung in der Stadt aus, wenn die Bundesrätin komme und keiner hingehe. «Die Leute kaufen nicht mehr in Moutier ein», sagt ein anderer, der die Strasse hoch seinen Laden öffnet. Sie weichen nach Délémont oder Biel aus, wollen gewissen Leuten nicht mehr begegnen. Dabei hätte es die lokale Wirtschaft bitter nötig, die noch immer unter den konjunkturellen Krisen der letzten Jahre leidet.

«Die Atmosphäre war vor vier Jahren noch nicht so», sagt der SVP- Grossrat und Bauer Marc Tobler, 58 Jahre alt. Er ist Pro-Berner, in Moutier geboren, lebt oberhalb der Stadt, beliefert einige Läden mit Gemüse. Die Abstimmung habe alte Wunden aufgerissen, sagt er, die Stadt in ihrem Konflikt um Jahre zurückgeworfen. Es werde viel Zeit brauchen, bis wieder Normalität einkehre.

Nun warten über 7500 Einwohnerinnen und Einwohner, bis zuerst das Gericht entscheidet und dann die Statthalterin. Tobler ist optimistisch. «Ich bin gar nicht sicher, ob nicht doch noch eine negative Antwort kommen wird.» Dann muss Moutier nochmals abstimmen. Doch auch der separatistische Stadtpräsident ist überzeugt, dass das Abstimmungsresultat bestätigt wird. Einig sind sie sich darin, dass ihre Seite recht bekommen wird.

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