Vollgeld-Initiative
Missbraucht die Bankenlobby Personal für Propaganda?

144'000 Bankangestellte gibt es in der Schweiz. Viele davon werden in diesen Tagen ein Schreiben der Schweizerischen Bankiervereinigung erhalten. Der Inhalt des Briefes: ein Argumentarium gegen die Vollgeld-Initiative, über die am 10. Juni abgestimmt wird.

Roger Braun
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Nur die Nationalbank soll in der Schweiz Geld schaffen dürfen. Dagegen kämpft die Bankenlobby. (Symbolbild)

Nur die Nationalbank soll in der Schweiz Geld schaffen dürfen. Dagegen kämpft die Bankenlobby. (Symbolbild)

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Die Vollgeld-Initiative will der Nationalbank künftig das alleinige Recht geben, Geld zu schaffen (Box unten). Heute tun dies auch die Geschäftsbanken – ein Ja zur Initiative würde die Gewinnchancen der Banken deutlich schmälern.

«Dieses Informationspapier richtet sich an Bankmitarbeitende und beantwortet die wichtigsten Fragen von Bankkundinnen und Bankkunden», heisst es einleitend im Papier der Vereinigung. Dann folgen auf zweieinhalb Seiten Argumente, wieso die Initiative nachteilig für die Schweizer Wirtschaft und den Finanzplatz ist.

Das will die Initiative

Einen besseren Schutz der Spargelder und ein stabileres Geldsystem: Das verspricht die Vollgeld-Initiative. Erreichen will sie das, indem sie den Geschäftsbanken verbietet, Geld zu schöpfen. Heute wird der Grossteil des Geldes von den Banken erzeugt, indem sie Kredite vergeben, die nicht durch Spareinlagen gedeckt sind. Im äussersten Fall kann dies zu Bankenstürmen führen – dann nämlich, wenn viele Sparer zur selben Zeit ihre Guthaben beziehen wollen. Als Alternative schlagen die Initianten Vollgeld vor. Damit soll auch elektronisches Geld von der Nationalbank gesichert werden. Die Geschäftsbanken dürften Spargelder nicht mehr ausleihen. Diese wären bei einem Bank-Konkurs nicht mehr verloren. (NCH)

«Angestellte einschüchtern»

Schlecht kommt das Schreiben bei den Initianten der Vollgeld-Initiative an. «Es ist skandalös, dass die Bankmitarbeitenden für die politische Propaganda der Grossbanken missbraucht werden», sagt Raffael Wüthrich, Sprecher des Initiativkomitees. Das Schreiben sei ein offensichtlicher Versuch, «den Teufel an die Wand zu malen, um die Angestellten der kleinen Banken einzuschüchtern.» Wüthrich sieht auch das Personal unter Druck gesetzt, die politische Meinung ihres Arbeitgebers zu vertreten.

Die Bankiervereinigung hingegen kann im Schreiben nichts Anstössiges erkennen. Es gehe um ein «Informationsangebot» an die Banken und deren Mitarbeitende, sagt Sprecherin Sindy Schmiegel. Angesichts der kommenden Abstimmung dürften sich die Kunden vermehrt an ihre Bankberater wenden, sagt sie. «Mit dem Schreiben wollen wir dazu beitragen, dass die Kunden kompetent über Inhalt und Folgen der Initiative aufgeklärt werden.»

Für die Geschäftsführerin des Bankpersonalverbands, Denise Chervet, ist klar: «Die Mitarbeiter dürfen nicht dazu gedrängt werden, eine Meinung zu vertreten, die nicht die ihrige ist.» Sie pocht darauf, dass die Banken keinerlei Druck auf die Angestellten ausüben. Schmiegel sagt, es liege an den einzelnen Banken, wie diese mit dem Schreiben umgingen. Für die Bankiervereinigung sei indes klar: «Jeder Stimmbürger ist frei in seiner Meinungsäusserung und kann das Informationsschreiben nutzen, falls er das möchte.» Die Angaben seien zudem «sachlich» gehalten.

Kein Grund, etwas zu ändern

An der Sachlichkeit äussert Wüthrich Zweifel. Für ihn sind die Aussagen «tendenziös und irreführend.» Beispielsweise behaupte das Papier, dass das heutige Geldsystem gut funktioniere – «dabei ist gerade das Gegenteil der Fall, wie die aufgeblähte Geldmenge, die hohe Verschuldung und die Negativzinsen zeigen».

Die Bankiervereinigung steht derweil zu ihren Aussagen. «Die Aufblähung der Geldmenge und die Negativzinsen sind kein Phänomen des Geldsystems, sondern auf die Geldpolitik der Nationalbank zurückzuführen», sagt Schmiegel. Der Zahlungsverkehr, die Versorgung mit Krediten und die Einlagensicherung funktioniere bestens. Deshalb gebe es keinen Grund, etwas am heutigen System zu ändern.

Initianten: «Vollgeld reduziert Risiko von Bankenkrisen»