Interview mit Studentenführer Wu´er Kaixi
«Mir sind Prügeleien im Parlament immer noch lieber als Panzer auf der Strasse»

Einer der Studentenführer war der 21-jährige Wu´er Kaixi, der als Angehöriger der uigurischen Minderheit und Sohn eines hohen Funktionärs in Peking aufgewachsen war

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Keystone

Jutta Lietsch, Peking

Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Bereuen Sie etwas?

Wu ́er Kaixi: Ich bedauere nicht, was wir getan haben. Ich glaube, unsere Bewegung hat eine enorme Bedeutung für China gehabt. Aber - würde ich noch einmal so handeln, wenn ich wüsste, dass es so blutig enden sollte? Natürlich nicht. Jedes einzelne Menschenleben ist ein zu hoher Preis.

Wie war die Stimmung im Frühjahr 1989 unter den Studenten, bevor sie auf die Strasse gingen?

Kaixi: Seit Ende der Siebzigerjahre hatte es eine ganze Reihe von Demonstrationen gegeben. Die erste Generation der Studenten nach der Kulturrevolution war eine Elite, die ein grosses Verantwortungsgefühl gegenüber der

Eine Stimme aus dem Innern der KPCh

Rechtzeitig zum 20. Jahrestag des Tienanmen-Massakers erhält die Welt einen brisanten Einblick in das Innenleben der chinesischen kommunistischen Partei. Autor ist Zhao Ziyang der Anfang 2005 im Hausarrest starb. Unter dem Titel «Prisoner of the State» («Gefangener des Staates») veröffentlicht der Verlag Simon & Schuster die Memoiren Zhaos. Auf 30 Tonbandkassetten, die er zwischen 1999 und 2000 heimlich aufnahm und die Vertraute, darunter ehemalige Minister, ins Ausland schmuggelten, berichtet Zhao vom Streit und den Intrigen innerhalb der Parteispitze. Über 15 Jahre war der Politiker in seinem Haus eingesperrt - ohne Anklage, ohne Gerichtsurteil. Gesiegt hatten die politischen Hardliner um den KP-Patriarchen Deng Xiaoping und den früheren Premierminister Li Peng, die eine neue «Massenkampagne» gegen die «bürgerliche Liberalisierung» losgetreten hatten. Wirtschaftsreformer Zhao mit seiner entspannten Haltung gegenüber Kritikern war ihnen schon länger ein Dorn im Auge. Als Zhao den Militäreinsatz ablehnte, war sein Schicksal besiegelt.

Wer hat Sie damals beeinflusst?

Kaixi: Der Astrophysiker Fang Lizhi. Er war Chinas Sacharow, er war der Kopf und die Seele der Intellektuellen. Er sprach von Modernisierung, von Demokratie. Er forderte die Leute auf, in die KP einzutreten, um sie von innen zu verändern.

Wie reagierte die Partei?

Kaixi: Sie stellte ihre eigenen Interessen in den Vordergrund. Als sie 1987 den populären Generalsekretär Hu Yaobang entmachtete, der Deng Xiaoping politisch zu liberal war, starb für viele in China die Hoffnung auf eine freiere Zukunft.

Auch bei den Studenten?

Kaixi: Ja, an den Universitäten war die Atmosphäre dunkel, bedrückt. Wir haben uns betäubt, spielten Mahjong und lernten wie die Verrückten Englisch, weil wir ins Ausland wollten. Wir tanzten auf Partys, überlegten, wie wir schnell Geld verdienen könnten, und nahmen nichts mehr ernst. Wir waren sehr sarkastisch.

Dann starb Hu Yaobang im April 1989.

Kaixi: Das war der Moment, als einige Leute sagten: Genug ist genug. Es hatte sich so viel Zorn angesammelt. Als die ersten Wandzeitungen auftauchten, war das Echo überwältigend. Wir zogen auf den Platz des Himmlischen Friedens.

Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, wenn Sie Erfolg gehabt hätten, wäre China ins Chaos gestürzt?

Kaixi: Alle machen sich so viel Sorgen ums Chaos. Jacky Chan

. . der Hongkonger Actionfilm-Star

Kaixi: . . .sagte kürzlich, die Chinesen brauchten mehr Kontrolle, weil sie sonst über die Stränge schlagen. Ich habe in meinem Blog geschrieben: «Bruder Jacky Chan, du machst Dir zu viel Sorgen.» Auch eine chaotische Freiheit ist wertvoller als ein geordneter Totalitarismus.

Sie leben in Taiwan

Kaixi: . . .und hier ist es überhaupt nicht chaotisch. Taiwan lärmt. Das chinesische Wort lautet «caoza» - was bedeutet, dass alle zur gleichen Zeit reden. Aber wenn man genau hinhört, erkennt man, dass jeder nur seine Rolle spielt: Die Opposition kritisiert. Die Medien spiegeln das ganze Spektrum der Leute wieder, die hinter ihnen stehen. Jeder tut das, was in einer Demokratie sein Job ist. Man streitet.

Im Parlament von Taiwan haben sich einige Abgeordnete geprügelt . . .

Kaixi: . . . das hat es in frühen demokratischen Phasen auch in anderen Ländern gegeben, auch in England und den USA. Mir sind Prügeleien im Parlament lieber als Panzer auf der Strasse des Ewigen Friedens.

Die Regierung in Peking spricht von einer «harmonischen Gesellschaft». China, argumentiert die KP, sei zu gross für eine Demokratie, westliche Modelle passten nicht.

Kaixi: Grösse ist kein Argument. Bei der Demokratie geht es um Gewaltenteilung und um gleiches Wahlrecht für alle. Es ist Unsinn, zu behaupten, «westliche Modelle» passten nicht nach China. Wir Chinesen sitzen seit Jahren auf dem Sofa. Das ist ein sehr westliches Möbelstück, das in der ganzen Welt benutzt wird. Man sitzt nicht drauf, weil es westlich, sondern weil es bequem ist. Die wichtigsten Prinzipien der Demokratie sind individuelle Freiheit, Gleichheit, Teilhabe, Meinungs- und Gedankenfreiheit. Sagen Sie mir: Welche dieser Prinzipien gelten nicht für Chinesen?

Was muss geschehen, damit China demokratisch werden kann?

Kaixi: 1989 wollten wir das Land nicht über Nacht verändern. Wir wollten die Kommunisten nicht stürzen. Wir haben damals noch nicht einmal geglaubt, dass freie Wahlen möglich seien. Wir wollten zuerst nur zwei winzige Schritte gehen: Wir verlangten erstens das Recht auf Versammlungsfreiheit, auf unabhängige Studentenvereine. Und wir forderten zweitens eine freie Presse. Wir glaubten, mit Pressefreiheit und legalen eigenen Organisationen könnten wir das polnische Modell der Solidarnosc-Gewerkschaft kopieren.

China hat sich in den letzten 20 Jahren geändert.

Kaixi: Richtig. Es gibt Marktwirtschaft, Eigentumsrechte. Die Partei mischt sich nicht mehr in alle Aspekte des privaten Lebens ein. Das haben wir erreicht. Nach 1989 hatten die Chinesen ihr Vertrauen in die Regierung verloren - ausser vielleicht in einigen entlegenen Regionen, wo die KP die Leute noch betrügen konnte. Sie konnte das Volk nur noch mit der Polizei und ihrem Unterdrückungsapparat kontrollieren. Deshalb hat die Partei ab 1992 die Wirtschaft liberalisiert und den Leuten ermöglicht, reich zu werden - und von ihnen im Gegenzug verlangt, politisch zu kooperieren.

Unabhängige Studentenorganisationen und Pressefreiheit gibt es immer noch nicht.

Kaixi: Die Regierung hat mit dem Volk einen Handel gemacht: Ihr bekommt wirtschaftliche Freiheit zuerst, dürft aber nicht politische Freiheit verlangen. Das hat funktioniert - aber auf die Dauer wird es nicht reichen. Der Mittelstand wird mehr politische Rechte verlangen.

Waren Sie und die anderen Studentenführer 1989 zu arrogant? Hätten Sie den Platz vorher räumen müssen?

Kaixi: Das haben wir nach dem Massaker immer wieder gehört. Ich habe viel darüber nachgedacht. Aber wer hat sich schuldig gemacht? Die mit dem Finger am Abzug oder diejenigen, die von den Kugeln getroffen wurden? Die Studentenbewegung von 1989 war eine der rationalsten Massenbewegungen in der Geschichte. Wir haben uns extrem zurückgehalten. Deshalb sage ich Kritikern: Sucht die Schuld nicht bei den Opfern.