Bildung

«Mindestens einmal pro Woche wendet sich ein Lehrer an die SVP»

Nach Meinung von SVP-Präsident Toni Brunner wird in den Schulzimmern zu viel an Geräten gespielt, zulasten von Lesen und Schreiben. KEY

Nach Meinung von SVP-Präsident Toni Brunner wird in den Schulzimmern zu viel an Geräten gespielt, zulasten von Lesen und Schreiben. KEY

Die SVP zeichnet ein schwarzes Bild der Schweizer Volksschule. Die Partei-Delegierten wollen mit einer Resolution Reformen teilweise rückgängig machen und bekommen Support von einem Zürcher Professeor. Die Lehrer hören solches offenbar gern.

«Willkommen im Pamir-Zeitalter», sagte SVP-Parteipräsident Toni Brunner zur Begrüssung seiner Delegierten am Sonderparteitag am Samstag in Würenlos und setzte sich dazu einen Militär-Hörschutz auf.

In der Schule lerne man heute nicht mehr lesen und schreiben, sondern Filmchen auf dem iPhone drehen.

Das selbstständige Entdecken sei wichtiger als Lernen. Und wegen des vielen Umherlaufens und Geschwätzes im Klassenzimmer könnten sich die Schüler nicht mehr konzentrieren. Die Lehrer würden ihnen deshalb empfehlen, einen Pamir zu tragen.

Lehrlinge mit Leseschwäche

Andere SVP-Redner zeichneten ein ähnlich schwarzes Bild der Volksschule. Zur Illustration wurde ein Film abgespielt, in welchem Lehrlingsbetreuer von Stadler Rail und Victorinox sich beklagen, die Lehrlinge würden einfache Betriebsanleitungen nicht mehr verstehen.

Die Arbeitshaltung der Stifte verludere. Die Forderung, die daraus resultierte: Den Schülern das nötige Rüstzeug für die Arbeitswelt geben.

Der Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller konkretisierte: Der Lehrplan sei auf die wesentlichen Inhalte zu beschränken. Das heisse: Lesen, Schreiben, Rechnen. Eine der beiden Fremdsprachen sei abzubauen, das Werken hingegen zu stärken.

Loblieb aufs duale System

Der Aargauer SVP-Präsident Thomas Burgherr sang schliesslich ein Loblied auf das duale Bildungssystem – und war damit in guter Gesellschaft.

Der Grund für die tiefe Jugendarbeitslosigkeit liege darin, dass in der Schweiz nicht alle Schüler auf Matura getrimmt werden, sondern sich auch für eine Berufslehre entscheiden. Verteufelt hat er die Universitäten zwar nicht. Die Stossrichtung war aber klar: Wir brauchen nicht (noch) mehr Maturanden.

Dabei wurde vernachlässigt, dass die Schweiz im Vergleich mit ihren Nachbarsländern bereits eine tiefe Maturitätsquote hat und dass sie die wirtschaftliche Prosperität auch der Innovation und der Forschung verdankt.

Mehr noch. Weil es zu wenig Ärzte und Ingenieure gibt, müssen Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert werden. Aber das ist ein anderes Thema, das nicht an den Sonderparteitag gehörte.

Einfache Aufträge erteilen funtkioniert nicht mehr

Eine Carte blanche erteilte der SVP Professor Walter Bircher, Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich. Dieser hatte nicht nur wegen seiner abweichenden Meinung einen schweren Stand. Als er zu sprechen begann, hatte das Service-Personal in der Mehrzweckhalle bereits die Salate verteilt.

Der Lärmpegel flachte während des Referats nie ab. Denn sobald das letzte Blatt gegessen war, widmeten sich die Delegierten den Spätzli mit Poulet-Geschnetzeltem. Bircher ging unbeirrt auf einzelne Punkte der SVP-Bildungsresolution ein, um sie zu relativieren oder gar zu entkräften.

So stimme die Behauptung, die Klassenlehrer würden abgeschafft, schlicht nicht. Das Problem sei ein gesellschaftliches: Immer mehr Lehrer wollten Teilzeit arbeiten.

Fremdbesprachen übergewichtet

Bircher machte aber auch Zugeständnisse. So sei das Erlernen von zwei Fremdsprachen in der Primarschule übertrieben. Auch viele Lehrer stiessen an ihre Grenzen.

Bircher erzählte aus eigener Erfahrung: Als er im Januar einen Lehrer vertreten hatte, sah er sich mit einer Klasse von 22 Schülern konfrontiert, von denen neun nur rudimentäre Deutsch-Kenntnisse hatten.

Einfache Aufträge erteilen, funktioniere nicht mehr. Eine solche Situation fordere einen Lehrer heraus, sagte Bircher. «Sie müssen individualisieren.» Die Methodenvielfalt komme aber nicht nur den leistungsschwachen, sondern auch den leistungsstarken Kindern zugute.

Unterstützt wurde Bircher von unerwarteter Seite: Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler, der sich nicht ganz vier Stunden verspätet hatte, wehrte sich gegen den Vorwurf der schlechten Volksschule.

Lehrlinge sind mehr gefordert

Die Berufswelt verändere sich, die Lehrlinge seien zunehmend gefordert. Er erklärte, dass die Zuwanderung hohe Anforderungen an die Schule stelle. Sich auf «weniger ist mehr» zu konzentrieren, sei ebenfalls schwierig, wenn gleichzeitig mehr handwerkliche Fächer gefordert werden. So stelle sich die Frage, was wollen wir streichen?

Mit dieser Analyse gelangte er zum springenden Punkt: Mit all den Erwartungen, die an die Lehrer getragen werden, sind diese nicht mehr bereit, alles mitzumachen (zwei Fremdsprachen, viele ausländische Kinder, die kein Deutsch sprechen, und Kinder mit Behinderung, die eine spezielle Betreuung benötigen).

Glaubt man Ulrich Schlüer, dem Präsidenten der parteiinternen Bildungskommission, so sympathisieren die Lehrer zunehmend mit dem Revisions-Stopp, den die SVP in der Bildung einleiten will. Mindestens einmal pro Woche wende sich ein neuer Lehrer an die SVP, sagt Schlüer. Und das sei doch erstaunlich – zählten die Lehrer gemeinhin zu den SP-Wählern.

Zu viel Aufgaben

Nicht nur einzelne Reaktionen weisen auf gewisse Sympathien der Lehrer zum SVP-Bildungsprogramm hin. Regierungsrat Hürzeler, der wegen einer Tagung des Schweizerischen Lehrerverbandes so spät am Parteitag auftauchte, teilte seinen Kollegen mit, dass die Lehrer die vielen Aufgaben so nicht mehr meistern können und wollen.

Sie hätten an ihrer Tagung folgende Forderung verabschiedet: Entweder würden bis 2015 die Ressourcen aufgestockt.

Oder aber eine der beiden Fremdsprachen in der Primarschule soll abgeschafft werden – genau das, was die SVP fordert.

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