Minarett-Verbot: Je kleiner die Gemeinde, desto grösser die Zustimmung

Ennetbaden, Baden, Aarau und Kaiserstuhl: Nur diese 4 von 218 Aargauer Gemeinden wollen kein Minarett-Verbot. In der Gemeinde Attelwil, Bezirk Zofingen, stimmten dagegen 87,2 Prozent der Initiative zu. «Bei uns wohnen keine Muslime», heisst es dort.

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Hans Lüthi

Je kleiner im Aargau die Gemeinden, desto heftiger bekämpfen sie Minarette. Diese Aussage stimmt tendenziell, aber nicht absolut. Immerhin: Die grössten Städte würden Minarette tolerieren, Baden stimmte mit 58,3 Prozent gegen das in der SVP-Initiative enthaltene Bauverbot, Aarau war mit 55,2 Prozent dagegen. Als Ausnahme bestätigt Kaiserstuhl die Regel, ausgerechnet die flächenmässig kleinste Gemeinde lehnt die Initiative ebenfalls ab - was nicht verwundert. Das Städtli an der Grenze zu Deutschland hat ein unkompliziertes Verhältnis zu Ausländern, beherbergt viele Künstler und ist stark nach Zürich orientiert.

«Ennetbadener sind aufgeschlossen»

Ganz an der Spitze bei den Befürwortern von Minaretten stehen mit 65 Prozent Nein-Anteil die Ennetbadener. Und sie wissen auch, woher diese Weltoffenheit kommt: «Das Resultat überrascht uns nicht, wir haben eine aufgeschlossene Bevölkerung, einen hohen Bildungsstand und eine wenig aktive SVP», sagt Ennetbadens Gemeindeschreiber Anton Laube. Die Resultate weichen oft so stark von den übrigen Gemeinden ab, «dass uns das Bezirksamt öfter anfragt, ob wir die Ja- und die Nein-Stimmen nicht verwechselt hätten». Laube kann das mit Beispielen belegen: «Zur Gemeindereform haben wir Ja gesagt, zum Bildungskleeblatt, bei den Tagesstrukturen mit 80 Prozent.»

Keine Berühungsängste in Baden

Ganz ähnlich klingt es in der Ostaargauer Wirtschaftsmetropole. «Wir waren historisch schon immer offen, das geht bis zu den Römern zurück, dann kam Brown Boveri, heute sind andere Weltkonzerne da», betont Badens Stadtammann Stephan Attiger. Die Ausländer «brachten uns immer wieder neue Impulse, wir haben keine Berührungsängste, weil wir mit ihnen Berührungen haben», lautet die Erklärung von Ammann und FDP-Grossrat Attiger. Mit einem knappen Ausgang zum Minarettverbot hat er gerechnet, aber diese landesweit starke Ablehnung hat ihn schon sehr überrascht.

Wie begründen die heftigsten Befürworter ihr Ja zum Minarett-Bauverbot - Attelwil mit 87,2 Prozent und Schlossrued mit 86,5 Prozent? «Die Initiative der SVP wurde nicht diskutiert, in Attelwil gibt es keine Muslime», betont Gemeindeschreiber Hans-Günter Seibert. An den negativen Erfahrungen mit den Andersgläubigen kann die starke Ablehnung von Minaretten also nicht liegen. Der Ort im oberen Suhrental ist stark ländlich geprägt, zählt rund 290 Einwohner, nur 3 davon sind Ausländer. «Mit Asylbewerbern und Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien gab es höchstens kleinere Probleme», meint Seibert.

Die Initiative für ein Minarettverbot habe keineswegs zu heftigen Diskussionen geführt, man habe kaum darüber gesprochen, auch letzte Woche beim Umtrunk nach der Gemeindeversammlung sei diese Abstimmung kein Thema gewesen. «Es gibt kein Ereignis für dieses Verdikt», fasst Seibert das Resultat von Attelwil zusammen. Im Bezirk Zofingen kam auch Reitnau mit 81,6 Prozent auf über 80 Prozent Ja-Anteil. Nur im Bezirk Kulm fiel das Resultat noch wuchtiger aus, mit insgesamt 77,8 Prozent Ja. Genau 8 der 17 Gemeinden kamen auf einen Ja-Anteil von über 80 Prozent.

«Islam als Bedrohung empfunden»

In der stark SVP-geprägten Gemeinde Schlossrued «im idyllischen Ruedertal inmitten einer intakten Erholungslandschaft» ist die über 86-prozentige Zustimmung erklärbar. «Mit einer landesweit deutlichen Annahme habe ich gerechnet, weil die Probleme nicht gelöst sind. Es gibt Ängste vor zu vielen fremden Leuten im Land, der Islam wird als Bedrohung empfunden», analysiert Ex-Grossrat und Gemeindeschreiber Viktor Würgler die Situation.

Auch die Kirche hat im Tal das Minarettverbot - entgegen der Empfehlung der Landeskirche - unterstützt. Der ehemalige Pfarrer Samuel Leuenberger sei ein guter Islamkenner und ein klarer Gegner von Minaretten. Schräg angekommen sei der Aufruf zu Toleranz, weil die Muslime selber überhaupt nicht kompromissbereit seien. Dieser Glaube passe einfach nicht zu unserer Mentalität, fasst Würgler die Gründe für das Bauverbot zusammen.