Minarett

«Minarett gehört zum Ortsbild»

Die Mahmud-Moschee in Zürich ist eine von vier Moscheen mit Minarett in der Schweiz. Ihr Imam predigt Gewaltlosigkeit. Im Quartier scheint das Minarett niemanden zu stören – solange keine Lautsprecher im Spiel sind.

Matthias Scharrer

Der Gebetsraum ist kaum grösser als ein Wohnzimmer. Roter Spannteppich dämpft den Verkehrslärm, der von der Forchstrasse hereindringt. Nur die grünen Wände und die Fensterläden mit den kreisförmigen Lichtlöchern erinnern daran, dass wir uns in einer Moschee befinden. Nicht in irgendeiner: Die 1963 errichtete Mahmud-Moschee in Zürich ist die älteste der Schweiz. Und sie ist eine von vier Moscheen im Lande, die über das Symbol des Islams verfügen, das, wenn es nach der SVP geht, künftig nicht mehr gebaut werden darf: ein Minarett. 18 Meter hoch ist es. Der Turm der reformierten Kirche auf der anderen Strassenseite überragt den zierlichen Bau bei weitem.

Zum Mittagsgebet erscheinen an diesem Mittwoch nur wenige Gläubige: ein alter Mann in zerknittertem Anzug mit Schirmmütze, zwei halbwüchsige Buben und ein Herr, an dessen Schlüsselbund das Signet der Verkehrsbetriebe Zürich baumelt. Der alte Mann setzt zum Gesang an. Dann beten die vier Besucher zusammen mit Imam Sadaqat Ahmed. Es fallen nur wenige Worte. Ansonsten herrscht andächtige Stille. Die kleine Gemeinschaft verneigt sich gen Mekka. Nach einer Viertelstunde verlässt sie den Gebetsraum. Sieht so die von manchen befürchtete Islamisierung der Schweiz aus?

Sadaqat Ahmed ist als Imam und Missionar 2001 in die Schweiz gekommen. Ursprünglich stammt er aus Pakistan.

Der Imam der Mahmud-Moschee gehört der Ahmadiyya-Bewegung an. 1889 wurde sie in Indien gegründet, als Reformbewegung, die die Gläubigen zum wahren Islam führen sollte. Weltweit hat sie laut Ahmed 180 bis 200 Millionen Anhänger. In Zürich zähle die Gemeinde etwa 225 bis 250 Mitglieder, Tendenz steigend, dank Geburten und Konvertiten.

Herr Ahmed, Sie wollen die Menschen zum wahren Islam bekehren. Was ist das?

Sadaqat Ahmed: Der wahre Islam ist ein friedlicher, toleranter Islam, in dem Gewalt zur Verbreitung der Religion verboten ist, in dem Religions- und Gewissensfreiheit gilt. Ein Islam, der Jihad so auslegt, dass man Andersgläubige nicht mit dem Schwert bekehrt, sondern mit Liebe und Argumenten. Wobei der grösste Jihad der Kampf gegen sich selbst ist: gegen die schlechten Neigungen, die man hat.

Welche schlechten Neigungen meinen Sie?

Ahmed: Das weiss jeder selber: Grausamkeit, Verleumdung, Lügen, unmoralische Sachen, Schimpfen, Streiten. Es geht darum, ein anständiger Mensch zu werden.

In der Schweiz fragt man sich, warum muslimische Mädchen in der Schule nicht mit in den Schwimmunterricht sollen. Was sagen Sie Eltern in ihrer Gemeinde, die Sie danach fragen?

Ahmed: Schwimmen an sich ist gut. Aber wenn Mädchen und Knaben zusammen schwimmen gehen, verstösst das gegen die Kleidervorschriften des Islam - ausser, wenn sie ganz bekleidet sind. Aber diese Frage hat nichts mit der Diskussion um ein Minarett-Verbot zu tun. Statt Minarette zu verbieten, sollte man besser in solchen Fragen Kompromisse suchen.

Ahmed verfolgt die Debatte zur Volksinitiative für ein Minarett-Bauverbot, über die am 29. November abgestimmt wird, intensiv. An einer Podiumsdiskussion traf er auch auf deren Hauptinitianten, SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer. «Ich habe versucht, ihm zu erklären, was Islam ist. Aber er wollte es nicht verstehen», sagt Ahmed. Die Initianten gehen seiner Ansicht nach von einem «Taliban-Islam» aus. Ihr Argument, wonach Länder wie Saudi-Arabien oder Afghanistan den Bau christlicher Kirchen auch nicht zuliessen, sei gefährlich. Denn damit werde der «Taliban-Islam» zum Vorbild für die Schweiz gemacht. Und so die in der Schweizer Verfassung verankerte Religionsfreiheit bedroht.

Herr Ahmed, was läuft eigentlich in der Mahmud-Moschee?

Ahmed: Es ist ein Haus Gottes, gebaut, um Gott anzubeten. Jeder ist willkommen, der an den einzigen Gott glaubt, egal, welcher Religion er angehört. Auch Christen und Juden sind willkommen. Fünfmal täglich betet man hier. Wir bieten auch Kurse für Kinder und Frauen, Koran-Kurse, aber auch Deutschkurse. Mittwochs gibt ein Student Nachhilfe-Unterricht für Kinder in Deutsch, Französisch und Mathematik. Wir sind sehr besorgt, dass die Kinder eine gute Zukunft in der Schweiz haben.

Wie wichtig ist es, dass eine Moschee ein Minarett hat?

Ahmed: Wörtlich bedeutet Minarett «Ort des Lichts». Ein Ort, wohin man gehen kann, um das Licht Gottes zu empfangen. Eine Moschee ist ein öffentlicher Ort. Sie muss daher erkennbar sein. Das Minarett ist ihr Erkennungszeichen. Man kann ohne Minarett beten. Aber eine Moschee ohne Minarett ist schwieriger zu finden. Ein Minarett schadet niemandem. Wenn man zum Schluss kommt, die derzeit vier Minarette in der Schweiz haben keine Probleme bereitet - warum braucht es dann ein Verbot?

Fragt man im Quartier herum, sei es bei FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger, der in der Gegend wohnt, sei es beim Quartierverein Riesbach, heisst es fast überall: «Kein Problem» sei die Mahmud-Moschee. «Am Freitag sind einfach mehr Leute dort. Aber ich habe das noch nie als Problem empfunden - solange keine Lautsprecher aufgestellt werden», sagt Leutenegger, der sich im Übrigen gegen ein Bauverbot für Minarette ausspricht.

Auch Tilly Bütler - als Mitarbeiterin im Gemeinschaftszentrum Riesbach am Puls des Quartiers - erklärt: «Ich habe noch nie Anti-Moschee-Stimmen im Quartier gehört.» Von einer der Informationsveranstaltungen, die die Mahmud-Moschee durchführte, nahm sie den Eindruck mit: «Für mich war Dialogbereitschaft da.» Quartiervereinspräsident Urs Frey geht noch einen Schritt weiter: «Das Minarett gehört längst zum Ortsbild. Es gäbe eher Protest, wenn es abgebrochen würde.»

Kritische Töne sind einzig bei der Konkurrenz auf der anderen Strassenseite zu vernehmen: «Sollen sie ihre Minarette haben», sagt Jürg Kaufmann, Pfarrer der reformierten Kirche Balgrist. «Aber das bedeutet nicht, dass hier fremdes Recht gelten darf.» Er verweist auf die «andere Stellung», die Frauen im Islam haben. Und erinnert daran, dass auch die katholische Kirche im Kanton Zürich volle Gleichberechtigung erst erhielt, als sie sich demokratisierte.

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