Trinkwasser
Milliarden für sauberes Wasser: Forscher warnen vor maroden Leitungen

Wissenschafter werfen Schweizer Wasserversorgern einen Investitionsstau vor. Die Wasserleitungen werden als veraltet bezeichnet. Die Versorger widersprechen.

Joël Hoffmann
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600 Millionen Franken pro Jahr werden in der Schweiz in Wasserleitungen, wie 2010 in Basel, investiert.

600 Millionen Franken pro Jahr werden in der Schweiz in Wasserleitungen, wie 2010 in Basel, investiert.

Keystone

Wer wünscht sich schon eine wissenschaftliche Studie zum Geburtstag? Zum Beispiel das Ingenieurunternehmen Hunziker Betatech mit Sitz in Winterthur.

Zum 50-Jahr-Jubiläum gab das Unternehmen eine Studie zum Zustand der Schweizer Wasser- und Abwasserleitungen in Auftrag. Durchgeführt hat sie das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI). Doch das Resultat der kürzlich publizierten Studie freut die Wasserversorger nicht. Denn das Fazit lautet: Die Schweizer Wasserleitungen seien oft veraltet und es gebe einen Investitionsstau.

Vor diesem Hintergrund scheint die Wasserversorgung gefährdet, wenn die für die Wasserversorgung verantwortlichen Gemeinden nicht hohe zweistellige Milliardenbeträge in die Hände nehmen würden, um die Versorgung in Zukunft zu gewährleisten. Noch besteht aber kein Anlass zur Sorge: «In der Schweiz funktioniert das Infrastrukturmanagement so zuverlässig, wie man es erwartet», heisst es im Bericht des GDI. Doch, dass es weiterhin so bleibe, sei indes nicht selbstverständlich.

So viel kostet unser Wasser

Der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) erhebt seit 100 Jahren den Wasserverbrauch in der Schweiz. Die Zahlen zeigen, dass nach einer stetigen Zunahme des Wasserkonsums bis Ende der Siebzigerjahre die Schweizer nun stetig weniger Wasser verbrauchen. 1981 konsumierten Haushalte und Industrie noch über 500 Liter pro Kopf und Tag. 2002 sank die Marke erstmals unter 400 Liter, 2011 waren es noch 325 Liter. Davon beziehen private Haushalte 160 Liter pro Einwohner und Tag. Durch das Wassersparen lässt sich aber kaum Geld sparen. Die Wasserversorger haben hohe Fixkosten, die bis zu 90 Prozent der Betriebskosten ausmachen. Sinkt nun der Wasserverbrauch, verteilen sich die fixen Kosten auf eine kleinere abgegebene Wassermenge. Dadurch wird das Wasser teurer. Das Trinkwasser kostet durchschnittlich 1.85 Franken pro 1000 Liter. Eine Person im Haushalt gibt folglich pro Tag 30 Rappen für Trinkwasser aus.(JHO)

Das Problem, so der GDI-Bericht, seien die Lokalpolitiker, die kein Interesse daran hätten, «sich mit weit vorausschauendem Management der Netzinfrastrukturen zu profilieren». Doch Investitionen seien «zwingend nötig», um die heutige Qualität zu wahren. Darum sollen die Kantone die Sache in die Hand nehmen, weil die Gemeinden dazu nicht in der Lage seien – nicht nur politisch, sondern auch wegen ihrer beschränkten personellen und finanziellen Möglichkeiten.

Unterschiedliche Studien

Der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) – der Dachverband der Wasserversorger – widerspricht der Studie: «Es kann nicht von einem Investitionsstau gesprochen werden», sagt SVGW-Sprecher Paul Sicher. Hochrechnungen würden zeigen, dass Wasserversorger jährlich rund 600 Millionen Franken alleine ins Leitungsnetz investieren. Das sei so viel, wie der SVGW aufgrund der Lebensdauer der Leitungen zur Werterhaltung empfiehlt.

Die Studie des GDI betrachtet nicht nur die Wasserleitungen, sondern auch Abwasserleitungen im Zusammenhang mit Strassen. Damit wird das Thema komplexer, eindeutige Aussagen, wie sie das GDI tätigt, werden schwieriger. Alleine schon die Wasserversorgung wird in der Schweiz sehr unterschiedlich geregelt, wie eine Studie des Bundesamtes für Umwelt aus dem Jahr 2009 zeigt. Etwa 3000 Wasserversorger beliefern die Schweizer Bevölkerung mit Trinkwasser. Sie alle müssen sogenannt kostendeckend wirtschaften. Sie finanzieren sich über Wassergebühren (nicht Steuern) und erzielen keinen eigentlichen Gewinn. Sie können aber Rückstellungen tätigen, um damit in neue Leitungen zu investieren.

Einer dieser Wasserversorger ist das Baselbieter Wasserwerk Reinach und Umgebung (WWR). Es gehört den ihm angeschlossenen Gemeinden. Deren Gemeinderäte entscheiden im Dezember, ob sie einer 13 Millionen Franken teuren Transitleitung zustimmen. Diese wird zur Hälfte mit Rückstellungen finanziert. Für die anderen 50 Prozent nimmt das WWR einen Kredit auf. Das Projekt wird seit Jahren geplant. Die Projektgruppe traf sich regelmässig mit den Lokalpolitikern. Auf lokale Bedürfnisse nahm man Rücksicht. Der WWR-Leiter Peter Leuthardt spricht von einem Generationenprojekt. Und er versichert, dass das Wasser für die Konsumenten nicht teurer werde.

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