Kolumne
Milena Moser: Heimweh zu haben, ist ein Privileg

Kolumnistin Milena Moser über das merkwürdige Ziehen im Bauch.

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Manchmal überkommt es mich aus dem Nichts. So ein Ziehen in der Brust, ein Brennen in den Augen, ich schlucke ein paar Mal leer. Ein Gefühl wie Liebeskummer fast. Eine unstillbare Sehnsucht. Heimweh.

Wonach, das weiss ich nicht einmal. Als Kind hatte ich nie Heimweh. Ich habe es aber manchmal vorgetäuscht. In einem Sonntagsschullager zum Beispiel. Da bekamen die Kinder, die Heimweh hatten, nämlich immer eine extra Portion Dessert. Weil die Köchin selber das schlimmste Heimweh von allen hatte. Oft tauchte sie mit rot geschwollenen Augen im Speisesaal auf. Ich weiss noch, dass mir das unheimlich war. Als Kind glaubt man doch, die Erwachsenen hätten das Leben im Griff und ihre Gefühle unter Kontrolle. Man ist schliesslich darauf angewiesen, dass sie das tun.

In diesem Lager wurden Kinder, die Heimweh hatten, nicht ausgelacht, sondern im Gegenteil, bevorzugt behandelt. Als seien sie die feineren, sensibleren, irgendwie etwas weiter entwickelten Kinder als wir anderen gefühllosen Tölpel. Diese Annahme war durchaus berechtigt. Denn die Kinder, die unter echtem Heimweh litten, brachten schon ihre erste Portion Dessert kaum herunter, geschweige denn eine zweite.

Nur ich mochte kräftig zulangen und wurde deshalb auch bald schon als Simulantin enttarnt. Ein oder zwei kleinere Kinder waren durch gar nichts zu trösten und mussten von ihren Eltern abgeholt werden. Und kaum waren die Eltern da, war alles vergessen und alles wieder gut. Die eben noch blass und apathisch herumlungernden Knirpse hüpften plötzlich fröhlich herum, als sei nie etwas gewesen. Vielleicht ist Heimweh ja in Wirklichkeit Elternweh? Oder ist «Heim» einfach da, wo die Eltern sind? Es waren aber keineswegs die liebsten Eltern, die am heftigsten vermisst wurden, das fiel mir schon damals auf.

Also was? Die Wissenschaft, die ja immer alles entzaubern muss, führt das Heimweh auf den Luftdruck zurück. Dieses spezifische Gefühl wurde ja zuallererst bei Schweizer Söldnern beobachtet und beschrieben und wird drum auch die Schweizer Krankheit genannt. Morbus Helveticus! Die berühmte Schweizer Bergluft ist nun mal einfach anders zusammengesetzt, weniger dicht, weniger schwer als die Luft auf den französischen Schlachtfeldern. Wenigstens war das früher noch so, bevor es Abgase gab und Löcher in der Ozonschicht.

Und dieser Druckunterschied erzeugt dann eben so eine Schwere in der Brust. Er schnürt einem, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, die Luft ab. Das leuchtet durchaus ein, aber es erklärt nicht alles, zum Beispiel, warum bestimmte Lieder das Heimweh auslösen und verstärken. Und dieses Phänomen ist keinesfalls nur bei Schweizern zu beobachten. Aber ich glaube doch, es war ein Schweizer Lied, ich weiss nicht mehr welches, das auf den französischen Schlachtfeldern verboten war. Weil die Schweizer Söldner gleich scharenweise desertieren, wenn sie es hörten.

Warum ist das so, frage ich mich. Und warum ist Heimweh ein Wort, das es nur in der deutschen Sprache gibt? Und warum habe ich jetzt plötzlich Heimweh, als Erwachsene? Jetzt, wo ich nicht einmal mehr weiss, wo ich zu Hause bin? Oder ist es vielleicht genau das, die Sehnsucht nach einem Ort, der eindeutig zu Hause ist?

Ich habe Heimweh nach einer Heimat. Und ich beneide alle, die sich diese Frage nicht stellen. Nicht stellen müssen. Ich verstehe auch, dass sie sich den Heimatlosen überlegen fühlen, den Vertriebenen, den Suchenden. Dieses Gefühl der Überlegenheit, das aus der Gewissheit wächst, eine Heimat zu haben, und die Sicherheit zu geniessen, die eine Heimat bedeutet, dieses Bewusstsein, etwas ganz selbstverständlich für sich beanspruchen zu können, das für immer mehr Menschen immer seltener wird – müsste das nicht in Mitgefühl umschlagen? Für alle die, die das nicht kennen.

Aus welchen Gründen auch immer. Heimweh zu haben, ist ein Privileg. Das drückt sich nicht nur in einer doppelten Portion Dessert aus. Und es endet nicht da. Heimweh zu haben, ist ein Privileg – und eine Verpflichtung.