Der Bauer, der seit Jahren sein Vieh pflegt, die Kühe melkt und hauptsächlich vom Verkauf der Milch lebt, kommt kaum auf einen grünen Zweig. Bis 2009 gab es Kontingente, welche den Absatz garantierten.

Die Bauern verkauften ihre Milch zu relativ stabilen Preisen. Dann wurden die Kontingente abgeschafft, der Preis brach zusammen. Ein Bauer sagte im Gespräch, es tue ihm weh, wie die Abnehmer seiner Milch mit dem «wertvollen Produkt» umgingen. «Sie schmeissen die Milchschläuche herum, als wäre da Gülle drin.»

Für die Bauern lohnt sich das Melken kaum mehr. Das bestätigt Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes: «Wir sind weit, weit weg von kostendeckenden Preisen.»

Um die Ausweglosigkeit der Situation zu illustrieren, zieht er das Beispiel eines Zuger Bauern heran, der 2,8 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr gemolken hatte. Er gehörte zu den grössten Milchproduzenten im Land – mit mehreren hundert Kühen.

Doch der Bauer hat sein Vieh verkauft, weil sein Betrieb nicht mehr rentierte. Grösse allein reiche nicht mehr. Im Gegenteil: «Grosse und spezialisierte Betriebe sind gefährdet», so Ritter. Wer diversifiziere, bleibe elastischer.

Ein paar Rappen für ein Kilo Milch

Dem ganzen unternehmerischen Jargon zum Trotz: Der Milchmarkt ist geschützt und stark reguliert. Gleichzeitig sind die Direktzahlungen nicht mehr vom Viehbestand abhängig.

Und da der Preis zunehmend den Launen des Auslandes ausgesetzt ist, wünschten sich viele Bauern die Abschottung. Bauernpräsident Ritter sagt, 70 Prozent der Schweizer Milch hätten keinen Grenzschutz mehr. «Der Preisdruck ist hoch in diesen Bereichen.»

Milch ist nicht gleich Milch. In der Schweiz ist sie in drei Kategorien aufgeteilt: Qualitativ hohe A-Milch wird durch Zölle geschützt auf dem heimischen Markt gehandelt. Für ein Kilo A-Milch erhielt ein Bauer im Juni 58 Rappen. Die B-Milch, die für den EU-Markt zugelassen ist, kostete 42 Rappen pro Kilo. Für C-Milch, die für den Weltmarkt produziert wird, erhielt ein Bauer noch 17 Rappen pro Kilo.

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Bauern protestieren gegen den Zerfall des Milchpreises.

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Lähmende Perspektivlosigkeit

Wegen der schwierigen Situation auf dem Milchmarkt hat die nationalrätliche Wirtschaftskommission (WAK) Stunden in Diskussionen investiert. Als Ergebnis beauftragte sie den Bundesrat, eine Auslegeordnung zu fertigen. Das entsprechende Postulat wurde gestern im Nationalrat überwiesen. Der Zweck: Die Milchbauern sollen eine Perspektive erhalten. Eine Perspektive, die heute vielen fehlt.

Der Widerstand kam aus unerwarteter Ecke: Der Bauernverband ist nicht einverstanden, weil die Perspektive zu weit geht. Jacques Bourgeois (FDP/FR), Direktor des Bauernverbandes, wollte deshalb das Postulat stutzen und den Passus streichen, wie eine schrittweise Marktöffnung in acht bis zwölf Jahren umzusetzen wäre.

Ein Denkverbot für Bauern

Der Basler SP-Nationalrat Beat Jans hält dieses Vorgehen für doppelt falsch. Erstens handle es sich beim WAK-Postulat um die Einforderung eines Berichts. Es sei keine Aufforderung zum Handeln, sagt Jans. «Mit dem Vorstoss wollen wir nicht die Grenzen öffnen. Wir wollen abklären, was zu tun wäre, falls es einmal so weit kommen würde.»

Die WAK wolle den Bauern helfen, so Jans. «Doch der Verband will uns ein Denkverbot auferlegen.» GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy (BE) sieht ebenfalls Klärungsbedarf. «Die Öffnung wird kommen», sagt sie. Nur sei die Landwirtschaft die einzige Branche, die sich nicht darauf vorbereite. «Die Bauernvertreter stellen damit den eigenen Leuten ein Bein.»

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Bauern protestieren gegen den Zerfall des Milchpreises.

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Auf eine Öffnung vorbereiten

Schliesslich appellierte auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann an die Bauernvertreter: «Diesen Fortsetzungsbericht müssen wir machen, damit wir uns nicht in eine Situation mit einem Denkstopp hineinmanövrieren.» Es sei möglich, dass plötzlich schneller gehandelt werden müsse, etwa wenn der Abschluss eines Freihandelsabkommens bevorsteht. «Je mehr Aspekte wir vorgedacht und vordiskutiert haben, desto besser sind wir auf solche möglichen Situationen vorbereitet.»

Davon will der Bauernverband nichts wissen. Ritter und Bourgeois geben an, es handle sich um bürokratischen Leerlauf. «Wir haben erst vor einem Jahr einen Bericht über die Öffnung des Milchmarktes besprochen. Auf 113 Seiten wurde alles Mögliche abgeklärt. Das müssen wir jetzt nicht wiederholen», sagt Ritter. Der Verband wolle offene Fragen klären. Allerdings sagte Bourgeois im Nationalrat deutlich, dass er eine Öffnung der «weissen Linie» ablehne. Das steht (noch) nicht zur Diskussion. Deshalb hat der Nationalrat den Bericht am Ende überwiesen.