Die Situation ist gravierend, soweit sind sich alle einig. Schon 2015 hatten die Bauern 10,6 Prozent weniger für ihre Milch erhalten als im Vorjahr, in den ersten fünf Monaten des Jahres 2016 nun hat sich der Preiszerfall unvermindert fortgesetzt.

21 765 Milchbauern zählte das Bundesamt für Statistik Anfang Jahr, mittlerweile dürften einige von ihnen ihren Betrieb aufgegeben haben. Allein in den Jahren 2014 und 2015 hatten 800 Milchbauern keine Perspektiven mehr gesehen. «Die Lage ist desolat und die Perspektiven sind unerfreulich – viele Molkereimilchproduktionsbetriebe sind akut in ihrer Existenz bedroht», sagt stellvertretend Hanspeter Kern, Präsident der Schweizer Milchproduzenten.

Auch über die Gründe für die Milchpreismisere ist man grundsätzlich gleicher Meinung: «Sie basiert auf drei für uns negativen Trends», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes. «Erstens erlebt der Weltmarkt eine historische Baisse, zweitens bereitet uns der starke Franken grosse Sorgen, drittens wird bei uns zurzeit zu viel Milch produziert.» Diese drei Faktoren hätten dazu geführt, dass sich der Milchpreis gegenwärtig auf einem Niveau befinde wie im Jahr, als er geboren sei. Damals, im Frühjahr 1967.

«Milchbauern wie Matrosen»

Weit auseinander gehen die Ansichten innerhalb der Milchbranche, wenn man die Frage nach den Schuldigen stellt sowie jene, was denn kurz- und vor allem langfristig zu tun sei, um fit für die Zukunft zu werden. Die Lage der Branche sei bezüglich der Verteilung der Wertschöpfung mit einem Passagierschiff vergleichbar, sagt Ritter. «Es gibt Matrosen, die einheizen und das Schiff so voranbringen – das sind die Milchbauern; und es gibt solche, die bequemere Plätze besetzen.» Was Ritter mit diesem Bildnis meint: Während die Produzenten immer kleinere Beträge erhalten, sind die Preise der Milchprodukte im Detailhandel nur wenig gesunken. Sein impliziter Vorwurf: Molkereien und Detailhändler hätten auf Kosten der Bauern ihre Margen ausgebaut.

Ins gleiche Horn hatte die Organisation der Milchproduzenten schon im März gestossen, als sie sich in einem Communiqué beklagte, die Krise würde einseitig auf dem Buckel der Milchproduzenten und ihrer Familien ausgetragen. Heute sagt SMP-Direktor Kurt Nüesch, es sei Realität, dass die Milchbauern am Schluss der Kette stünden. «Die nachgelagerten Stufen tragen kaum mit und wälzen auf sie ab.» Markus Zemp, Chef der Branchenorganisation Milch, winkt ab. «Diese Erklärung greift viel, viel zu kurz.» Seiner Vereinigung gehören 44 regionale und nationale Organisationen der Milchproduzenten und -verarbeiter sowie Einzelfirmen der Industrie und des Detailhandels an. Statt nun mit dem Finger aufeinander zu zeigen, sollten die Milchbauern endlich der Realität ins Auge blicken und sich dieser entsprechend neu aufstellen, fordert er. «Weil die Produktionspreise in der Schweiz viel höher sind als im angrenzenden Ausland, sollten sie nicht länger mit diesem konkurrieren.» Spätestens, wenn das Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU fertig verhandelt sei und die Schweiz nicht abseitsstehen wolle, würden offene Grenzen Tatsache. «Darauf müssen wir uns vorbereiten.» Zemp verweist auf die von seinem Verband im letzten Herbst aufgegleiste «Mehrwert- und Qualitätsstrategie». Im Kern propagiert diese, die Schweizer Milchbranche solle sich aufs Hochqualitäts- und Hochpreissegment konzentrieren.

Mehr staatliche Absatzförderung?

So weit allerdings ist die Branche noch lange nicht. Am heutigen Milchgipfel auf dem Berner Hausberg Gurten soll es erst mal zum Schulterschluss und Manifest kommen. Der oberste Milchproduzent Kern hofft auf ein «klares Bekenntnis der Branche und der Politik zum Milchland Schweiz», sein Direktor Nüesch auf Unterstützung des Bundes: «Analog zu den von der Europäischen Union gesprochenen Finanzhilfen und Stützungsprogrammen für ihre Milchbauern sind in der gegenwärtigen Lage auch wir auf staatliche Hilfe angewiesen», sagt er. Nüesch denkt dabei insbesondere an einen Ausbau der Absatzförderung.

An den Staat appelliert auch Bauernverbandspräsident Ritter. «Es gibt viele Milchbauern, die finanziell derart angeschossen sind, dass sie nicht einmal mehr aussteigen können», sagt er. Schliesslich müssten sie hierfür erst einmal Investitionen tätigen, um etwa ihren Stall umzurüsten. «Ihnen könnte man bei Krediten entgegenkommen, indem man weniger Eigenkapital verlangt oder ihnen erlaubt, Kredite langfristiger zurückzuzahlen.»