Schweizer Werte

Mike Müller packt SVP-Glarner am Wienerli – so lief die «Heidi»-Arena

«Haben Sie wirklich Angst, dass das Wienerli ausstirbt?»: Mike Müller (links) vs. Andreas Glarner.

«Haben Sie wirklich Angst, dass das Wienerli ausstirbt?»: Mike Müller (links) vs. Andreas Glarner.

Ist die Schweiz eine christliche Cervelat-Nation oder ein weltoffener, islamfreundlicher Kleinstaat? Die Diskussion um die Schweizer Werte dreht sich bald mal um die Wurst.

Es ist der Moment, als es selbst Mike Müller in der «Arena» zu bunt wird. «Herr Glarner. Jetzt von Mann zu Mann. Haben Sie wirklich Angst, dass das Wienerli ausstirbt? Ich meine es ernst», schiesst der Satiriker gegen den SVP-Flüchtlingsschreck aus Oberwil-Lieli. Dies nachdem dieser zuvor moniert hatte, dass Coop «den Muslimen zuliebe» nur noch Poulet-Würstli verkaufe. 

«Es darf nicht sein, dass wir Schweizer nicht mehr die Nahrung aufnehmen können, die wir uns gewohnt sind.» Dies wenn sich Kinder in der Schule wegen ein paar wenigen Muslimen anpassen müssten. Müller verzieht das Gesicht.

Was macht Heidis Heimatland aus? Was sind Schweizer Werte? Bedroht der Islam die «christliche Leitkultur»? Die ausnahmsweise von SRF-Moderator Mario Grossniklaus geleitete Diskussion dreht sich bald mal um die «Islamisierung der Schweiz» – oder eben um die Wurst. 

Die Cervelat oder das Wienerli scheint für Glarner die rote Linie der Toleranz zu sein. Damit nicht genug. «In Zürcher Schulklassen müssen wir mittlerweile die Schweizer integrieren, weil es so viele Ausländer hat», wettert der «rechte Hetzer», wie ihn Juso-Frau Ronja Jansen ohne zu zögern bezeichnet.

Die Baselbieter Jungpolitikerin bringt mit ihren prägnanten Worten Pep in die sonst äusserst zahme Arena, in der es kaum Wortgefechte gibt. «In welcher Welt lebt dieser Glarner? Es ist in der Schweiz nicht das Problem, zu welchem Gott wir beten. Vielmehr macht mir der Sexismus und die Lohnungleichheit sorgen. Und dass so getan wird, als gebe es einen Kampf zwischen Inländer und Ausländer.» Man müsse nicht alle Probleme des Landes auf Minderheiten projizieren.

Die Jungpolitikerin bekommt Unterstützung. Man dürfe den Islam nicht mit Fundis gleichsetzen, warnte GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser. Als die Debatte bei der Teilnahme von muslimischen Schülern am Schwimmunterricht ankommt, redet die Zürcherin Klartext. «In der Schule müssen wir achtsam sein. Die Ausbildung unserer Kinder ist die oberste Maxime.» Egal welcher Religion sie angehörten, alle Kinder müssen den Unterricht besuchen.

Bei zwei Millionen Ausländer auf acht Millionen Einwohner leiste die Schweiz eine «unglaublich hohe Integrationsleistung, die funktioniert», sagt Marianne Binder-Keller, welche im Parteipräsidium der CVP einsitzt. Dennoch würden Probleme mit Migranten nach wie vor tabuisiert. Das habe sich etwa bei der Annahme der Minarett-Initiative gerächt, die auch sie abgelehnt habe.

Binder-Keller gegen Frauen-Bewegungen: «Das ist falsche Toleranz!»

Die Aargauer Grossrätin gibt weiter eine Breitseite gegen «blinde» Frauen-Bewegungen ab. Der Fussgängerstreifen komme wegen der männlichen Form gender-mässig unter die Räder. «Gleichzeitig werden Mädchen mit Kopftüchern in den Kindergarten geschickt, ohne dass jemand protestiert. Das ist falsche Toleranz!»

Was sind die Werte der Schweiz?

Alphornklänge im Zürcher Flughafenterminal-Bähnli, die direkte Demokratie oder die Gleichstellung. Die Frage, was die viel beschworenen, aber selten definierten Werte der Schweiz sind, bringt die Studiogäste ins Grübeln. «Jodlerfeste haben immer grösseren Zulauf. Gleichzeitig leben wir in einem total globalisierten Land», so GLP-Moser weiter. Die Schweiz habe keine Leitkultur, die man dem Land überstülpen könne. 

SVP-Glarner wirft sogleich ein, dass die Schweiz zunehmend ihre Neutralität preisgebe. «Freiheit und Unabhängigkeit sind wichtige Werte unseres Landes. Die Schweiz darf nicht mit Europa heiraten.» Da schüttelte Satiriker Müller den Kopf. «Ihr könnt noch lange eure Parteikappe runterbeten!» Es sei nicht an den Politikern, Schweizer Werte zu definieren. «Das entscheidet die Gesellschaft für sich selbst.»

Die Welt wird immer vernetzter, die Schweiz exportiert jährlich Waren im Wert 434 Milliarden Franken ins Ausland. Wie soll unser Land mit der Globalisierung umgehen? «Man kann nicht für oder gegen Globalisierung sein. Denn sie ist eine Tatsache», sagte Tiana Angelina Moser. Darum müsse die Schweiz eine aktive Aussenpolitik betreiben und dort dabei sein, wo Entscheide fallen. «Wir büssen an Souveränität ein, wenn wir nicht mitbestimmen können.»

SVP-Glarner will international zwar auch mitreden. «Wir haben viele weltoffene Unternehmer in unserer Partei. Peter Spuhler etwa geschäftet mit der ganzen Welt.» Dazu müsse man aber nicht Mitglied in der EU sein. Er ist auch für eine enge wirtschaftliche Kooperation mit Europa. «Es gibt einen Unterschied zwischen verloben und heiraten.»

Marianne Binder-Keller bringt dann endlich das Thema aufs Tapet, das derzeit zehntausende Schüler in Europa auf die Strasse treibt. «Der Klimawandel ist das drängendste Problem unserer Zeit. Und das können wir nur mit internationaler Zusammenarbeit lösen!»

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