Der Mann ragt heraus. Michael Ambühl misst zwar nur 1,80 m, doch sein Ruf macht ihn überlebensgross. «Einer der besten Diplomaten dieses Landes», ein «brillanter Analytiker und einfühlsamer Verhandler». Wer mit Schweizer Politikern über Ambühl spricht, der wird überrollt von einer Welle des Lobes. Ganz egal, in welcher Partei man fragt. Nicht einmal in der SVP gibt es wirkliche Ambühl-Kritiker, obwohl die von ihm verhandelten Bilateralen in der Partei unter Dauerbeschuss stehen. Tenor: schuld ist der Bundesrat. An Ambühl persönlich bleibt nichts haften.

Jetzt führt Ambühl als Staatssekretär für internationale Finanzfragen die Verhandlungen mit den USA über die Herausgabe weiterer Daten von Steuersündern. Doch auch in der aktuellen Eskalation bleibt er unbeschadet: «Daran trägt Michael Ambühl überhaupt keine Schuld», sagt Hannes Germann, Ständerat (SH/SVP) und Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Ambühls Ruf ist unheimlich. Selbst Kritik an ihm klingt schmeichelhaft. Zu ehrgeizig sei er und er könne nicht delegieren, tönt es aus seinem Umfeld. Nicht wirklich schlimm. Schliesslich sind die meisten erfolgreichen Menschen ehrgeizig und machen gerne vieles selber. In der Presse erscheint Ambühls Name kaum je in negativem Kontext. Porträts über ihn haben meistens einen heroisierenden Artikel im Titel. «Der Dossierfresser», «Der Ingenieur», «Das Pokerface».

Vom Stagiaire zum Stardiplomaten

Ambühl hat beim Bund eine Musterkarriere hinter sich. 1982 begann er als Stagiaire beim Aussenministerium, dann wechselte er in die Schweizer Botschaft in Kinshasa. Seither ging es bergauf. Schritt für Schritt. Und mit jeder Sprosse auf der Karriereleiter schwoll auch der öffentliche Jubel an. Bei den Bilateralen 1 führten Ambühls Verhandlungen zur entscheidenden Einigung im Schwerverkehrsdossier. Bei den Bilateralen 2 war er Chefunterhändler. Dann fädelte er die Wiederaufnahme der türkisch-armenischen Beziehungen ein, verhandelte mit den USA erfolgreich über die UBS-Steuerdaten und legte den Steuerstreit mit Deutschland bei. Gerade das Abkommen mit den USA im Fall UBS gilt als Husarenstück.

Eine Leistung, die auch im Ausland nicht unbemerkt blieb. «Ambühl hat einen hervorragenden Deal ausgehandelt, angesichts der schlechten Karten, welche die Schweiz hatte», sagt Haig Simonian, Schweiz-Korrespondent der «Financial Times». Doch im aktuellen Fall sind die Karten laut Simonian «wesentlich schlechter». Ambühl steht vor einem Test. Und er wird ihn überstehen. «Ambühls Deals werden selten hinterfragt», schreibt der Autor und Ambühl-Kenner Lukas Hässig. Die Konzessionen, welche er eingehe, würden fast immer in der Erleichterung über die Befreiung aus der Notlage untergehen, so Hässig.

Das Phantom

Ambühls Heldenstatus hat vielleicht auch etwas mit seiner Unfassbarkeit zu tun. Denn trotz Starstatus und Tausender Artikel bleibt er ein Phantom. Ein Mann, der sich nicht in die Karten schauen lässt, über den wenig bekannt ist, ausser, dass er freundlich, gewinnend und immer auf Draht ist. «Er ist angenehm und sympathisch», bestätigt einer, der seit Jahren mit ihm zu tun hat. Doch dabei bleibt er undurchschaubar, ein kühler Analytiker, der sich nicht von Emotionen lenken lässt.

Charakterzüge, die ihm in der Diplomatie mit Sicherheit zugutekommen. Seine Verhandlungsgeschicke gelten als legendär. «Er verfügt über unglaubliche Detailkenntnisse und kann sich sehr gut in seine Verhandlungspartner einfühlen», sagt der Zürcher SP-Regierungsrat Mario Fehr, der als Nationalrat eine enge Beziehung zu Ambühl pflegte. Der studierte Mathematiker Ambühl sagt über seine berufliche Motivation im «Magazin»: «Ist es nicht wie im Sport spannender, wenn das eigene Team gegen einen starken Gegner antreten muss?» An Spannung dürfte es Ambühl derzeit nicht fehlen, denn sein Gegner, die USA, ist wirklich stark. Wahrscheinlich der Stärkste überhaupt.