Noch bevor es richtig angefangen hat, zittert die Schweiz und wartet auf Väterchen Frost: Unaufhaltsam drängt die sibirische Kälte nach Westeuropa. Weite Teile Osteuropas hält sie bereits fest in ihrem Griff und lässt Menschen ohne Platz an der Wärme für immer erstarren.

So zum Beispiel in der Ukraine: Das Zivilschutzministerium meldete am Mittwoch in Kiew, die Kälte habe während der vergangenen Tagen mindestens 43 Menschen das Leben gekostet. Darunter viele Obdachlose, die bei Temperaturen bis minus 30 Grad keine Chance hatten.

Bise macht es ungemütlich

In der Schweiz dagegen sind die Temperaturen noch moderat. Und im Mittelland läuft das meiste rund: Abgesehen von einigen überforderten Automobilisten auf glatten Strassen und blockierten Zügen auf dem Schienennetz scheint die Kälte Herrn und Frau Schweizer wenig anzuhaben. Noch starb in keiner Schweizer Stadt ein Obdachloser den Erfrierungstod.

Doch soll es auch hierzulande ungemütlich werden. Waren sich die Meteoschweiz-Meteorologen bis vor wenigen Tagen noch uneins, spricht Jacques Ambühl nun von einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass es so richtig kalt wird. «In den Niederungen erwarten wir am Samstag mit Temperaturen zwischen minus 12 und minus sieben Grad den kältesten Tag», erklärt der Meteoschweiz-Forscher auf Anfrage von az.

Mit der angesagten Bise treffe die Kältewelle das gesamte Mittelland, vom Boden- bis zum Genfersee. Auch der Sonntag bleibe ähnlich frostig. Doch bereits für nächste Woche gibt der Meteorologe Entwarnung, wenn auch die Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt liegen werden.

Vergleichbar zum Rekordwinter 1987

Gebannt warten Bevölkerung und Medien nun auf die klirrende Kälte. Minustemperaturen im zweistelligen Bereich – man ist es sich im Mittelland nicht mehr gewohnt. Doch was soll daran aussergewöhnlich sein? Die Forscher erkennen bei der jetzigen Wetterlage mit dem ausgedehnten Hochdruckgebiet über Nordeuropa und dem Tief über Italien «eine bemerkenswerte Übereinstimmung» zum Rekordwinter 1987.

Es war der 12. Januar im besagten Jahr als im Neuenburger Jura die in der Schweiz die tiefste, je an einem bewohnten Ort gemessene Temperatur abgelesen wurde: In La Brévine zeigte das Thermometer minus 41.8 Grad an. Doch auch die Temperaturen, die man in derselben Nacht im Mittelland mass, lassen sich sehen: In weiten Teilen unterschritt das Quecksilber die Marke von 20 Grad unter null.

Bei der nun prognostizierten Kältewelle handelt es sich also bei weitem um keinen Einzelfall. Trotzdem aber um ein seltenes Phänomen. Nur etwa viermal alle hundert Jahre könne in der Schweiz mit einer Wetterlage gerechnet werden, die solch tiefe Temperaturen überhaupt ermögliche, sagt Jacques Ambühl. Der Blick zurück stützt diese Aussage: In den vergangenen hundert Jahren wurden ausser 1987 nur 1956 und 1929 ähnlich niedrige Temperaturen gemessen.

Gar zugefrorene Gewässer?

Die Schweizer müssen sich also wappnen, dürfen sich aber auch freuen. Ambühl empfiehlt scherzend «eher vier statt drei Pullover» anzuziehen und die Kälte unbedingt zu erleben. Zum Beispiel auf einem Spaziergang.

Dürfen wir uns auch auf zugefrorene Gewässer freuen und gar die Schlittschuhe einpacken? Ambühl warnt: «Die Kälte wird voraussichtlich nur für wenige Tage anhalten.» Ob das für eine tragende Eisschicht ausreicht, lässt der Meteorologe offen. «Besser wären zwei Wochen bei minus 5 Grad statt wenige Tage bei minus 10 Grad», sagt er.