«Merkels Strategie ging auf»

«Merkels Strategie ging auf»

Angela Merkels Wahlstrategie ging auf.

merkel.jpg

Angela Merkels Wahlstrategie ging auf.

Lob für den Wahlkampf von Angela Merkel: Die Meinungsforscher deuten die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahl etwas anders als Politiker und Medien.

Dagmar Heuberger, Berlin

In Berlin ist der Spätsommer zu Ende gegangen - und mit ihm die Grosse Koalition. Angela Merkel wird Deutschland in den nächsten vier Jahren mit einem Bündnis aus CDU/CSU und FDP regieren. Zu verdanken hat die Kanzlerin das nicht zuletzt den Liberalen. Die Partei von Guido Westerwelle ist die grosse Siegerin dieser Wahl, während die Union - und in erster Linie die bayrische CSU - erneut Stimmen verlor. «Guido Merkel» titelte gestern ein Berliner Boulevard-Blatt. Die Chefs der vier grossen deutschen Meinungsforschungsinstitute sehen das hingegen anders.

Ehre gerettet

Manfred Güllner (Forsa), Richard Hilmer (Infratest dimap), Matthias Jung (Forschungsgruppe Wahlen) und Renate Köcher (Institut Allensbach) waren gestern zunächst einmal sichtlich froh, dass sie mit ihren Umfragen richtig lagen. Vor vier Jahren hatten die Demoskopen weit daneben gegriffen und mussten viel Spott und Häme ernten. Jetzt sahen sie ihre Ehre gerettet: Die am Sonntag um 18 Uhr veröffentlichten Prognosen stimmen ziemlich genau mit dem tatsächlichen Endergebnis überein. Alle vier erklärten das damit, dass es in den letzten Tagen vor der Wahl in den Umfragen so gut wie keine Veränderungen mehr gegeben habe. «Ein schwarz-gelber Sieg aufgrund einer sehr starken FDP zeichnete sich seit langem ab», ergänzte Köcher.

Doch worauf ist der Sieg von Schwarz-Gelb zurückzuführen? Und woran lag es, dass die einst stolze deutsche Sozialdemokratie derart abstürzte und fast zwei Millionen Anhänger verlor? Die FDP, so Köcher, sei in den Jahren der Grossen Koalition stärker geworden, habe aber jetzt auch von Unionswählern profitiert, die zu ihr abgewandert seien. Jung erklärt diese Abwanderung mit der «Koalitionslogik»: «Wer eine schwarz-gelbe Regierung wollte, wählte die FDP.» Die Politologen nennen das «taktisches Wählen».

Weibliche Wähler, östliche Wähler

Den Eindruck, dass der weitgehend inhaltsleere, vollkommen auf die Person von Merkel zugeschnittene Wahlkampf der CDU falsch war, teilen die Meinungsforscher allerdings nicht. Im Gegenteil: «Die Union konnte sich einen inhaltsleeren Wahlkampf leisten, weil sie mit Merkel eine starke Kandidatin hatte», sagt Hilmer. Merkel sei es gelungen, weibliche Wähler zur CDU zurückzuholen. Und: Die CDU habe zwar in allen westdeutschen Bundesländern Stimmen verloren, im Osten aber überall gewonnen. Auch das sei ein Verdienst Merkels. Sie habe die CDU ausserdem programmatisch zur Mitte hin geöffnet und ihrer Partei somit neue Wählerschichten erschlossen, die in erster Linie von der SPD kamen. Insgesamt, so Hilmer, sei die Strategie der Union erfolgreich gewesen.

Einen Minuspunkt gab es jedoch für den uneinheitlichen Wahlkampf von CDU und CSU. Die einst erfolggewohnte Bayern-Partei CSU verlor fast 7 Prozent und stürzte auf knapp 43 Prozent ab. Sie hatte in den letzten Tagen vor der Wahl noch rasch ein Steuersenkungsprogramm für die Jahre 2011/2012 präsentiert und sich damit von ihrer Schwesterpartei CDU abgegrenzt, die keinen genauen Zeitpunkt für Steuersenkungen nennen wollte. Solche Differenzen sorgten einerseits beim Wähler für Verunsicherung, sagte Jung. Andererseits sei es ein Versprechen, das schlicht nicht glaubwürdig gewesen sei. «Und Glaubwürdigkeit ist für den Wähler das Entscheidende.»

Noch heftigere Kritik äusserte ausgerechnet Güllner an der SPD; seinem Forsa-Institut wurde in der Vergangenheit stets allzu grosse Nähe zu den Sozialdemokraten nachgesagt. «Die SPD zerfällt, sie ist in einer existenziellen Krise», sagte er. Und das sei nicht der Grossen Koalition zuzuschreiben. Die SPD habe einen abgrundtief schlechten Wahlkampf geführt und sei mit keinem einzigen Programmpunkt beim Wähler angekommen. «Mit Mindestlohn und Jobs schaffen holt man in einer Zeit, in der die Leute um ihre Arbeitsplätze bangen, keine Wähler.» Und: «2009 hat gezeigt, dass die SPD Wahlkampf einfach nicht kann. Müntefering ist entzaubert», so Güllner und er klang fast so, als wollte er gleich den Rücktritt des SPD-Chefs fordern.

Die SPD-Wähler seien zu Hause geblieben oder entweder zur Union oder zur Linken abgewandert, ergänzte Hilmer. Die SPD habe vor allem junge Wähler verloren, die sich den kleineren Parteien zuwandten. Etwa der neuen Piratenpartei, die freilich unter der für den Einzug in den Deutschen Bundestag erforderlichen 5-Prozent-Grenze blieb.

Fragmentierung der Wählerschaft

Gerade in der Piratenpartei sieht Hilmer ein «schönes Beispiel für die Fragmentierung der Wählerschaft». Will heissen: Immer mehr Menschen wenden sich kleineren Parteien zu, bei denen sie ihre speziellen Interessen vertreten sehen. Das Ende der grossen Volksparteien wollen die Meinungsforscher dennoch nicht ausrufen. «Das glaube ich nicht», sagte Köcher. «Wenn sie wieder Ecken und Kanten bekommen, können sie auch wieder grössere Wählerschichten ansprechen.»

Etwas skeptischer zeigte sich Hilmer: «Die Jungen wählen nicht mehr Union und SPD. Hier zeichnet sich ein Generationenwechsel ab.» Die Landtagswahlen der kommenden Jahre und spätestens die Bundestagswahl 2013 werden zeigen, wer recht behält.

Meistgesehen

Artboard 1