Merkels Nachfolge
Mit Schweizer Panorama und seit 40 Jahren am gleichen Ort: So verbringt Kanzlerkandidat Armin Laschet seine Ferien

CDU-Chef Armin Laschet hat beste Chancen, neuer Bundeskanzler Deutschlands zu werden. Wenn der vielleicht bald mächtigste Mann Europas in die Ferien fährt, verrät das einiges über ihn – und über die Macht deutscher Gewohnheiten. Ein Besuch am Bodensee.

Sven Altermatt, Hagnau
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Hagnau am nördlichen Bodenseeufer: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet mag’s bei Feriengrüssen klassisch.

Hagnau am nördlichen Bodenseeufer: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet mag’s bei Feriengrüssen klassisch.

Bilder: sva; Montage: mia

Er wird auch dieses Jahr kommen. Wie jeden Sommer seit 40 Jahren. Wenn Armin Laschet in die Ferien fährt, ist nichts Neues in Sicht. Das immer gleiche Hotel am Bodensee, in der schon seine Schwiegereltern übernachtet haben. All die vertrauten Gaststuben. Der Blick auf die Schweizer Alpen. «Es ist schön, ich kenn mich aus», so hat’s Laschet jüngst selbst gesagt.

Ferien als Lob der Gewohnheit. Alles wohlvertraut und herrlich ähnlich. Genau das ist es, was dem neuen starken Mann in Europas einflussreichster Partei gefällt. Der CDU-Vorsitzende ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, mit fast 18 Millionen Einwohnern das grösste Bundesland in Deutschland.

Im September hat er den Umfragen zufolge beste Chancen, als Nachfolger von Angela Merkel neuer Kanzler zu werden. Und damit einer der mächtigsten Menschen der Welt.

Seit 40 Jahren übernachten Susanne und Armin Laschet mit ihrer Familie in einem Hotel direkt am Bodensee.

Seit 40 Jahren übernachten Susanne und Armin Laschet mit ihrer Familie in einem Hotel direkt am Bodensee.

Bild: Gisela Schober/
German Select

Kurz vor dem Wahlkampfendspurt aber gönnt sich Laschet mit seiner Familie noch ein paar Tage am deutschen Nordufer des Bodensees.

Sein Ziel: Das Winzerdorf Hagnau. Ein beschauliches Idyll. 1400 Einwohner, Obstberge und Rebstöcke längs der Wege, Fischereien und ein Park am See. Ein Linienschiff fährt rüber ins thurgauische Altnau. Der Ort ist bei jungen Familien, Rentnern in Beige und Veloausflüglern gleichermassen beliebt – und bei Gästen aus der Schweiz.

Die Ferienorte der Regierenden sind in Deutschland immer eine öffentliche Angelegenheit. Wer Kanzler ist oder es werden will, taucht nicht einfach aus dem Alltag ab. «Urlaub ist Privatsache, aber Privatmann ist ein Bundeskanzler nie», analysierte die «Frankfurter Allgemeine» einst. Wo und wie er ihn verbringe, sei ein Politikum. Schliesslich sage dies einiges über die Person aus, und es solle auch einiges aussagen.

Helmut Kohl etwa machte aus seinen medial zelebrierten Sommerurlauben am österreichischen Wolfgangsee «geradezu einen Kult», erinnerte der «Spiegel». Manche Landsleute sind eigens wegen ihm dorthin gefahren. Konrad Adenauer sorgte 1956 für einen Aufschrei, nachdem er im Tessin bei einen Vermieter mit faschistischer Vergangenheit untergekommen war. Danach erholte er sich jeweils lieber am Comersee. Derweil verbringt Angela Merkel ihre Weihnachtsferien zurückgezogen in Pontresina; in einem «blitzsauberen Hotel mit einfachen, gemütlichen Zimmern», wie die «Bild» notierte.

Spiessige Tugenden? Ein Plädoyer dafür, nichts entdecken zu müssen

Eine Vier-Jahrzehnte-Routine wie Armin Laschet jedoch können sie alle nicht vorweisen. Dem Verdacht, spiessig zu sein, setzt er sich gelassen aus. Seine Feriengewohnheiten dürften nun allmählich in den Fokus der Berliner Journaille rücken.

In Hagnau freilich ist Laschet mit seiner Familie nie besonders aufgefallen – im besten Sinne. Die Personenschützer, die ihn seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten begleiten: dezent im Hintergrund. So erzählen es Leute, die mit den örtlichen Verhältnissen bestens vertraut sind.

«Die Laschets sind Rheinländer, wie sie im Sommer in Heerscharen zu uns kommen», sagt einer, bei dem der Parteichef regelmässig einkauft. «Gmiadliche Leit, immer für einen Schwatz zu haben.» Worüber geredet wird, mag der langjährige Ferienbekannte nicht verraten. Man legt Wert auf Diskretion in Hagnau. Eine Wirtin sagt:

«Nicht dass der Laschet dann nicht mehr zu uns kommt, wenn er Kanzler wird!»

Postkarten, Minigolfplatz und dazu das Schweizer Alpenpanorama

Seit jeher übernachten die Laschets in einem Hotel direkt am See; der Name sei hier nicht verraten. Diskretion eben. Die Zimmer sind grosszügig, die Fenster bodentief und es dominiert viel Holz. Die Einrichtung ohne Schnickschnack. Das Frühstücksbuffet üppig.

Der Ausblick ist tatsächlich so spektakulär, wie er im Hausprospekt versprochen wird. Man sieht rüber ans Schweizer Ufer, garniert mit Alpenblick. Armin Laschet schätzt dieses Panorama. Das hat er schon mehrfach kundgetan. In der Nähe liegt der örtliche Minigolfplatz, auch hier wurden die Laschets schon gesichtet.

Hafen in Hagnau: Wer kein eigenes Boot hat, kann unter anderem aufs Linienschiff nach Altnau (Thurgau) steigen.

Hafen in Hagnau: Wer kein eigenes Boot hat, kann unter anderem aufs Linienschiff nach Altnau (Thurgau) steigen.

Bild: sva

Hagnau ist dem Kanzlerkandidaten als Sommerdestination quasi zugeflogen. «Das gabs bei der Hochzeit obendrauf», witzelt der Verkäufer und Laschet-Bekannte. Tatsächlich kam schon seine Frau Susanne, die er seit Kindertagen kennt, mit ihren Eltern alljährlich ins Dorf. Irgendwann dann durfte auch Armin Laschet mitfahren. Weitere Verwandte folgten, und noch heute stossen die längst erwachsenen Kinder des Paars für ein paar Tage dazu.

Die Laschets in den Ferien, das heisst: Die jährliche Wiederkehr des Gleichen am selben Ort sorgsam zelebrieren. Die Ferienroutine à la Laschet folgt diversen Ritualen.

Verbürgt ist etwa, dass er seine Urlaubsgrüsse nicht virtuell verschickt. Der 60-Jährige setzt – Kulturpessimisten können aufatmen – offenbar auf den handgeschriebenen Gruss. Am Kiosk arbeitet er sich eigenhändig durch den Postkartenständer und wählt einschlägige Bodensee-Motive aus, wie zu erfahren ist. Ebenso zur Pflicht gehört das Schwimmen im See.

Ein brisanter politischer Treueschwur am Bodensee

Nichts muss neu entdeckt, kein Ferienflop riskiert werden. In Hagnau kehren die Laschets in den ihnen geläufigen Restaurants ein; wobei die Wirtsleute ihres Vertrauens darum kein Aufsehen machen mögen. Der Christdemokrat zieht das Fleisch dem Fisch vor, so viel sei verraten. Lokaler Fang hin oder her.

Traf Laschet zu brisanten Gesprächen am Bodensee: Jens Spahn.

Traf Laschet zu brisanten Gesprächen am Bodensee: Jens Spahn.

EPA

Und noch dies: Manchmal nutzt Laschet seinen Ferienort auch zu privaten, betont ungezwungenen Gesprächen mit anderen Spitzenpolitikern. Dann bittet er meist in ein schmuckes Gasthaus mit einem bewirteten Bootssteg. Von der Promenade aus sind die Tische kaum sichtbar.

Im vergangenen Sommer schaute Jens Spahn in Hagnau vorbei, der ehrgeizige CDU-Gesundheitsminister und Ex-Widersacher, dem eigene Kanzlerambitionen nachgesagt worden waren. An einem eher kühlen Julitag am Bodensee gaben sich die beiden den politischen Treueschwur. Spahn verzichtete zu Gunsten Laschets und unterstützt ihn seither.

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