Reportage aus Menznau
Menznau: Ein plötzlich weltbekanntes Dorf in grosser Trauer

Ein Dorf weint. Für die Opfer und Trauernden wurde ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Die «Nordwestschweiz» hat das vermeintlich idyllische Dorf besucht.

Michael Hugentobler
Drucken
Teilen
Gedenkgottesdienst nach dem Amoklauf von Menznau in der Kirche St. Paul und Peter in Willisau
9 Bilder
Trauergäste betreten die Kirche zum Gedenkgottesdienst in der Kirche St.Paul und Peter in Willisau
Trauer am Gedenkgottesdienst in Willisau
Auch Kronospan-CEO Mauro Capozzo betritt die Kirche
Der Luzerner Regierungsrat Stefan Roth betritt mit weiteren Trauergästen die Kirche zum Gedenkgottesdienst
Trauergäste betreten die Kirche zum Gedenkgottesdienst in der Kirche St.Paul und Peter in Willisau
Familienvater Viktor B. tötete drei Menschen und verletzte sechs weitere. Auch er selbst starb bei der Tat.
Der Tatort – Die Fabrik der Kronospan in Menznau
Ein Blick auf das Dorf Menznau

Gedenkgottesdienst nach dem Amoklauf von Menznau in der Kirche St. Paul und Peter in Willisau

Keystone

Der Mann will zu reden beginnen, er atmet tief durch, aber als er den Mund öffnet, kommen keine Wörter heraus.

In der Kirche ist es still und man kann den Atem des Mannes hören. Er räuspert sich, dann beginnt er zu sprechen. Seine Stimme ist leise.

Er hält den Kopf gesenkt und schaut auf das Blatt Papier, das vor ihm liegt, und manchmal hält er im Satz inne und reibt sich die Augen, als sei dies alles ein Traum.

Als seine Rede vorbei ist, tritt er vom Altar herunter, setzt sich auf einen Stuhl vor den Kirchenbänken und bricht in Tränen aus.

Der Mann heisst Mauro Capozzo, er ist Geschäftsführer der Firma Kronospan. Die Firma liegt einige Kilometer von der Kirche entfernt, weiter oben im Tal.

Die Strasse dorthin führt an Feldern vorbei, auf denen Schnee schmilzt und Schafe grasen, jemand montiert Solarzellen auf seinem Dach, die Sonne bricht durch die Wolken, Bauernhäuser stehen zwischen kahlen Bäumen auf fernen Hügeln.

Vor dem Dorfeingang zu Menznau wird das Tal enger und schattiger, erste Kamine sind zu sehen, sie ragen in den Himmel und stossen weisse Rauchsäulen aus. Die Holzverarbeitungsfabrik Kronospan scheint auf den ersten Blick aus Rohren zu bestehen – gelbe, braune und silberne Rohre, die ineinander verschlungen sind und in Kamine oder Förderbänder münden.

Die Förderbänder ragen über die Strasse, die Rohre sind in Metallgerüste geflochten. Es riecht nach zersägtem Holz, und feiner Staub liegt in der Luft. Die vielen Motoren in der Fabrik verschwimmen zu einem dumpfen Brummen. Hin und wieder sind zwischen den Rohren Fenster zu sehen, in denen Menschen stehen und nach draussen schauen.

«Ich löse das auf meine Art»

Nach wie vor ist unklar, wie der 42-jährige Amokläufer Viktor B. starb, nachdem er bei seinem Arbeitgeber drei Menschen getötet und mehrere schwer verletzt hatte.
In den Wochen vor der Tat habe sich in den Wochen vor der Tat spürbar verändert, schreibt der «Blick» unter Berufung auf Kollegen und Vorgesetzte.
Selbst Hilfe seines Arbeitgebers habe er stets abgelehnt mit den Worten: «Ich löse das auf meine Art». Der Vorgesetzte soll ihn auch gefragt haben, ob er Medikamente nehme, da ihm seine wässrigen Augen aufgefallen waren.
Kurze Zeit später kam es während einer Nachtschicht dann offenbar zu einem wüsten Streit. Dabei sei Viktor B. ausgerastet und habe geschrien: «Gopferdami! Ich bringe euch alle um!». Dass er die Drohung in die Tat umsetzen würde, häte niemand für möglich gehalten.
Der Täter sei aber seit längerem mit dem Kopf nicht mehr bei der Arbeit gewesen und habe unter Verfolgungswahn gelitten.
Der beste Freund des Täters erzählt im «Blick» auch von grossen Eheproblemen. (rsn)

Menznau, wo 995 Anschlüsse im Telefonbuch aufgelistet sind, ist plötzlich weltbekannt

Ihr Blick schweift über eine Hecke aus Thujen, über einen Zaun und über einen Bach, an dessen Ufer Schilf abstirbt. Jenseits der Thujen, des Baches, des Zauns und des Schilfs stehen Autos aus dem Kanton Genf, aus Zürich, aus Bern und einige Autos aus Deutschland.

Der Fernsehsender RTL ist mit einem Kastenwagen mit Satellitenempfänger hier, das Schweizer Fernsehen ebenso. In den letzten Tagen berichteten über die Firma Kronospan «Spiegel Online», die Zeitung «Luxemburger Wort», die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit», die amerikanische «Huffington Post», «CNN» sowie «The Australian» in Australien.

Das Dorf Menznau, wo das Telefonbuch 995 Anschlüsse auflistet, ist plötzlich weltbekannt, weil ein Mann mehrere seiner Arbeitskollegen erschoss (siehe Kasten).

Die Dorfidylle des Luzerner Hinterlands will nicht zu dieser Tragödie passen, auf dem Schulhausplatz spielen Kinder und über Mittag kaufen sie im Dorfladen Süssigkeiten. Vor dem Gasthof Lamm scherzen Kellnerinnen, im Denner schwatzen Kunden an der Kasse. Aber was am Mittwoch geschah, kann dennoch niemand fassen.

Vor das Gittertor der Firma Kronospan hat jemand einen Strauss gelber Rosen gelegt, daneben stehen zwei Kerzen. Auf eine der Kerzen steht «R.I.P. Benno» geschrieben, in Gedenken an den Schwinger Benno Studer, der während der Schiesserei getötet wurde. Im Schnee liegt die Notiz einer Familie, die ihren Schmerz ausdrückt.

«Was denken Sie wohl, wie die Stimmung im Dorf ist?»

«Was denken Sie wohl, wie die Stimmung im Dorf ist?», sagt eine Passantin. Bei Kronospan seien 400 Arbeiter angestellt, jeder im Dorf kenne jemanden, der während der Schiesserei dort war, es sei schrecklich.

Ein älterer Herr sagt: «Ich bin froh, wenn das alles wieder vergessen ist.» Dass der Vorfall so schnell in Vergessenheit gerät, ist eher unwahrscheinlich. Zu viele Menschen sind davon betroffen.

Am gestrigen Nachmittag sind so viele in der katholischen Pfarrkirche Willisau versammelt, dass sie kaum Platz im Kirchenschiff finden. Unter ihnen sind Angehörige von Opfern, Mitglieder der Geschäftsleitung von Kronospan und Mitarbeiter der Firma.

Draussen vor der Kirche stehen Kamerateams auf einer steinernen Treppe, wo windverwehtes Konfetti sich häuft und fault.

Die Trauernden sitzen in der Stille der Kirche St. Peter und Paul, Sonnenstrahlen fallen schräg durch die hohen Fenster und glitzern im Gold der Ornamente. Man hört Menschen leise weinen.

Dann betritt der Geschäftsführer Mauro Capozzo den Altar und ringt um Worte, um das Unfassbare zu beschreiben.

«Ich bin zutiefst betroffen und wünschte, ich könnte die richtigen Worte finden», sagt Capozzo. Als der Gedenkgottesdienst vorbei ist, tritt er vor die Kirche. Er steht einen Moment orientierungslos da. Dann entschwindet er in einem Durcheinander von Kameras und Mikrofonen.

Aktuelle Nachrichten