Melchsee-Frutt
«Der Pilot konnte gerade noch rechtzeitig abspringen»: Kampfjet stürzt im Skigebiet ab – Aviatikexperte schliesst auf unkontrollierten Absturz

Glück im Unglück: Der Pilot kann sich beim Absturz auf der Melchsee-Frutt Obwalden mit dem Schleudersitz retten. Die Militärjustiz ermittelt. Doch da es bis zum offiziellen Abschluss der Untersuchungen wohl noch Monate dauert, gibt Aviatikexperte Hansjörg Egger eine erste Einschätzung ab.

Florian Pfister und Christian Glaus
Merken
Drucken
Teilen
Der Tiger-Kampfjet im Schnee – ein Aviatikexperte schliesst auf einen unkontrollierten Absturz.

Der Tiger-Kampfjet im Schnee – ein Aviatikexperte schliesst auf einen unkontrollierten Absturz.

Bild: Militärpolizei

Nur knapp 30 Minuten dauert der Trainingsflug gestern Vormittag, dann nimmt er ein abruptes Ende: Um zirka 9 Uhr stürzt im Obwaldner Skigebiet Melchsee-Frutt ein Tiger-F5-Kampfjet der Schweizer Luftwaffe ab. Auf den Videoaufnahmen von Augenzeugen ist zu sehen, wie sich der Pilot mit dem Schleudersitz rettet. Er bleibt nach ersten Angaben der Armee unverletzt, wird aber von der Rega zur Kontrolle in ein Spital geflogen. Der rot-weiss bemalte Jet liegt im meterhohen Schnee. Trotz der Wucht des Aufpralls kann man den abgestürzten Tiger noch gut als solchen erkennen.

Was genau zum Absturz geführt hat, ist noch unklar. Die Militärjustiz hat ihre Ermittlungen aufgenommen. Klar ist: Der alte Tiger-Kampfjet ist zusammen mit zwei deutlich jüngeren Maschinen des Typs F/A-18 um zirka 8.30 Uhr auf dem Flugplatz Payerne zu einem Trainingsflug gestartet. Der Tiger war ein sogenannter Sparringpartner der F/A-18. Das heisst, er simulierte den Gegner, die beiden anderen mussten versuchen, ihn zu fokussieren.

Wie Armeesprecher Daniel Reist gegenüber der Nachrichtenagentur SDA erklärt, ist das Gebiet Melchsee-Frutt ein Trainingsraum der Luftwaffe. Reist zeigt sich erleichtert, dass der Jet «nicht in bewohntes Gebiet gestürzt ist und dass sich der Pilot unverletzt retten konnte». Auch sonst seien keine Personen zu Schaden gekommen.

Zugang zu Absturzstelle wurde abgesperrt

Die Absturzstelle befindet sich nur wenige hundert Meter entfernt bei der Bergstation. Ein Augenzeuge konnte den Absturz beobachten. Gegenüber PilatusToday und Tele 1 beschreibt er gestern Vormittag die Situation folgendermassen:

«Man sieht kein Feuer. Ich sah den Piloten in der Luft. Zuerst dachte ich, es sei ein normaler Gleitschirmpilot.»

Danach ist die Rega eingetroffen, wie auch das Verteidigungsdepartement (VBS) in einer Mitteilung bestätigt. «Der Pilot hat gewinkt und ist etwa 100 Meter gelaufen», berichtet der Leserreporter ­weiter.

Wie ein Augenschein bei der Talstation zeigte, flog die Schweizer Armee gegen 14.30 Uhr Bergungsmaterial von der Talstation zur Absturzstelle auf die Melchsee-Frutt. Der Helikopter, der zum Einsatz kam, war ein Super Puma. Ein Augenschein von der Absturzstelle war nicht möglich. Die Kantonspolizei Obwalden hatte die Strasse auf die Melchsee-Frutt kurz nach dem Ereignis gesperrt. Sie wurde später durch die Militärpolizei abgelöst.

Auch die Bergbahn fuhr nicht. Die Sperre verhängt hat die Militärjustiz. Deren Dauer war am Abend gemäss einem Sprecher noch offen. Der Untersuchungsrichter untersuchte den Schadenplatz am Mittwochnachmittag. Üblicherweise dauern gemäss Militärjustiz-Sprecher Verfahren nach Flugzeugabstürzen Monate bis Jahre.

War es technisches oder menschliches Versagen?

Bis zum offiziellen Abschluss der Untersuchungen dürfte es Monate oder Jahre dauern. Eine erste Einschätzung zum Absturz gibt gegenüber CH Media der Aviatikexperte Hansjörg Egger ab. Der ehemalige Angehörige der Luftwaffe erklärt, dass bei derartigen Trainings wie am Mittwoch keine eigentlichen Luftkämpfe ausgetragen würden.

Aviatikexperte Hansjörg Egger.

Aviatikexperte Hansjörg Egger.

Bild: Hansjörg Egger
«Deshalb gehe ich auch nicht davon aus, dass es aufgrund einer Luftkampfsituation zu einer brenzligen Lage kam.»

War es ein technisches Versagen? Die Tiger-F5-Kampfjets wurden in den 1970er- und 80er-Jahren gebaut. «Schon viele mussten aus technischen Gründen ausgemustert werden», sagt Aviatikexperte Egger. Deshalb könne ein technisches Versagen nicht ausgeschlossen werden, «obwohl ganz allgemein die meisten Abstürze auf menschliches Versagen zurückzuführen sind».

Egger erinnert an den Absturz einer Ju52 am Piz Segnas. Obwohl es sich um ein altes Flugzeug handelte, war nicht ein technisches Problem Grund für den tragischen Absturz. Wie sich herausstellte, führte ein Fehlverhalten der Piloten zur Tragödie.

Die Absturzstelle auf der Melchsee-Frutt.
21 Bilder
Die Absturzstelle auf der Melchsee-Frutt.
Der Pilot löste den Schleudersitz aus.
Die Absturzstelle auf der Melchsee-Frutt.
Die Absturzstelle auf der Melchsee-Frutt
Die Absturzstelle befindet sich nur wenige hundert Meter entfernt bei der Bergstation.
Die Polizei hat die Bergstrasse vom Melchtal nach Melchsee Frutt vorübergehend gesperrt.
Nach dem Absturz eines Tiger-F5-Kampfjet auf der Melchsee-Frutt im Kanton Obwalden sperrt die Polizei die Strasse.
Angehörige der Militärpolizei zusammen mit Polizisten der Kantonspolizei Obwalden bei der Talstation der Sportbahnen Melchsee-Frutt in der Stöckalp oberhalb von Kerns.
Die Schweizer Armee fliegt Bergungsmaterial vom Melchtal zum Absturzgelände auf Melchsee-Frutt.
Zum Einsatz kommt ein Super-Puma der Armee.
Der Super Puma fliegt Bergungsmaterial vom Melchtal zum Absturzgelände.
Die Schweizer Armee fliegt am Samstag nach dem Absturz Trümmerteile des Tiger Kampfjets von der Melchsee Frutt auf die Stöckalp im Melchtal im Kanton Obwalden.
Die Teile wurden nach Buochs geflogen.
Die Armee im Einsatz in Obwalden.
Ein Superpuma der Schweizer Armee war im Einsatz.

Die Absturzstelle auf der Melchsee-Frutt.

Bild: Militärpolizei

Anhand der Bilder schliesst der 69-jährige Aviatikexperte Egger auf einen unkontrollierten Absturz. «Der Pilot konnte gerade noch rechtzeitig abspringen.» Den Schleudersitz ziehe man nur in einer ausweglosen Situation. «Die Piloten versuchen so lange wie möglich, die Situation unter Kontrolle zu bringen oder den Flieger an einen Ort zu lenken, wo er keinen Schaden anrichten kann.» Bei Geschwindigkeiten von 800 Kilometer und mehr pro Stunde gehe es um Sekundenbruchteile.

«Leider ziehen viele Piloten den Schleudersitz zu spät.»

Die Schweizer Luftwaffe hat immer wieder Unfälle zu beklagen – oft auch mit Todesopfern (siehe unten). Trotzdem sieht Aviatikexperte Hansjörg Egger kein Sicherheitsproblem: «Die Schweizer Militärpiloten gehören zu den bestausgebildeten der Welt.» Auch bei der Wartung würden keine Abstriche gemacht.

Die schwersten Unfälle der Schweizer Luftwaffe (jwe)

  • 12. September 2017: Eine PC-7 der Schweizer Luftwaffe stürzt bei einem Trainingsflug von Payerne nach Locarno in den Berner Alpen am Schreckhorn ab. Der Pilot wurde noch nicht gefunden.
  • 17. Februar 2017: Ein Flugzeug der PC-7-Fliegerstaffel der Schweizer Luftwaffe zertrennt an der WM in St. Moritz das Zugseil einer SRF-Seilbahnkamera. Die Kamera fällt in den Zielraum. Verletzt wurde niemand. Das Verfahren gegen den Piloten wurde eingestellt. Gegen den Ex-Team-Leader der Patrouille Suisse läuft noch eine Anklage.
  • 28. September 2016: Ein Super Puma der Schweizer Luftwaffe stürzt auf dem Gotthardpass ab und gerät in Brand. Die beiden Piloten sterben, der Flughelfer wird verletzt.
  • 29. August 2016: Ein F/A-18-Kampfjet zerschellt im Gebiet des Sustenpasses an einem Berggipfel. Der Pilot wird tot geborgen. Der Flugverkehrsleiter hatte eine zu tiefe Flughöhe angeordnet.
  • 9. Juni 2016: Ein F5 Tiger – wie jener auf der Melchsee-Frutt – stürzt beim Training der Patrouille Suisse für eine Flugshow bei Leeuwarden in den Niederlanden ab. Der Pilot kann sich mit dem Schleudersitz retten und wird leicht verletzt. Anfang Jahr hat die Militärjustiz gegen den Piloten Anklage erhoben.
  • 14. Oktober 2015: Eine zweisitzige F/A-18 stürzt im gemeinsamen Trainingsraum mit Frankreich südöstlich von Besançon ab. Der Pilot wird verletzt. Vergangenen Dezember wird er vom Militärgericht vom Vorwurf des Missbrauchs und Verschleuderung von Material freigesprochen.
  • 23. Oktober 2013: Im Raum Alpnachstad OW zerschellt eine zweisitzige F/A-18 am Lopper. Der Pilot und der Passagier, ein Arzt des fliegerärztlichen Instituts, werden getötet.
  • 30. März 2011: Ein Helikopter des Typs Super Puma stürzt im Urner Maderanertal während eines Ausbildungsflugs im Nebel ab. Der Fluglehrer und sein Schüler werden schwer verletzt.
  • 12. November 2002: Ein PC-7 kollidiert bei Bonaduz GR mit dem Seil der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis. Zwei Milizoffiziere kommen ums Leben.
  • 12. Oktober 2001: Oberhalb von Crans-Montana VS touchiert ein Alouette-III-Helikopter ein Kabel und geht beim Aufprall in Flammen auf. Die vier Insassen kommen ums Leben.
  • 25. Mai 2001: Bei einem Grenzüberwachungsflug touchiert eine Alouette III bei Delsberg JU ein Kabel und stürzt ab. Der Pilot und drei Grenzwächter werden tödlich verletzt.
  • 14. Oktober 1998: Zwei Trainingsflugzeuge des Typs PC-9 stossen in der Luft zusammen. Während die eine Maschine landen kann, zerschellt die andere bei Oberuzwil SG. Der Pilot stirbt.
  • 7. April 1998: Beim Absturz eines F/A-18-Doppelsitzer-Kampfjets bei Crans VS werden beide Insassen getötet.
  • 12. November 1997: Ein Pilatus-Porter PC-6 stürzt bei schlechtem Wetter in der Nähe von Boltigen BE ab. Der Pilot und vier Soldaten sterben.
  • 20. März 1997: Eine Mirage III RS stürzt bei einem Aufklärungsflug im Raum Ste-Croix VD ab. Der Pilot kommt ums Leben.
  • 4. Juli 1996: Ein Kampfjet Tiger F-5E bohrt sich in Schänis SG nach einem unbeabsichtigten Schleudersitzabschuss in den Boden. Der Pilot überlebt.
  • 22. Juni 1994: Ein ziviler Bell-Jet-Ranger-Helikopter stösst am Unteren Mönchsjoch mit dem Fahrwerk eines Super Puma der Armee zusammen und stürzt ab. Ein britisches Ehepaar und der Pilot kommen ums Leben.
  • 15. April 1994: Beim Absturz eines PC-6-Trainingsflugzeugs am Stockhorn bei Thun BE wird ein Werkpilot des Bundes getötet.
  • 27. April 1993: Eine Maschine des Typs PC-6 stürzt im Gebiet des Finsteraarhorns bei Grindelwald BE ab. Dabei sterben der Pilot und zwei mitfliegende Mechaniker.
  • 22. Oktober 1991: Ein Pilot wird bei einem Helikopterabsturz auf dem Flugplatz Dübendorf ZH getötet. Die Alouette III geriet unmittelbar nach dem Start in eine Drehbewegung und schlug auf dem Boden auf.