Polit-Umfragen

Meinungsumfragen vor Abstimmungen: Bestenfalls lustige Politunterhaltung

Meinungsforscher Claude Longchamp. (Archiv)

Meinungsforscher Claude Longchamp. (Archiv)

Zugegeben: Wir Journalisten lieben Meinungsumfragen vor Wahlen und Abstimmungen. Sie liefern Schlagzeilen und bringen Pep in die politische Diskussion.

Mit Abstand am meisten Geld gibt die SRG für Umfragen aus: Sie versorgt das Land regelmässig mit Zwischenstandsmeldungen. Claude Longchamp, der Chef von gfs.bern, erklärt uns dann jeweils eloquent die Resultate.

In neuerer Zeit jedoch will sich die Realität nicht mehr so recht an die Umfrageergebnisse halten. Beispiel Masseneinwanderungsinitiative: Die Umfrage einen Monat vor Abstimmung ergab 55% Nein – effektiv waren es dann 50,3% Ja. Beispiel Autobahnvignette: Aus 53% Ja wurden 60,5% Nein. Beispiel Minarett-Initiative: Aus 53% Nein wurden 57,5% Ja. Der Kampfjet Gripen steht derzeit bei 52% – wir warten gespannt auf den Abstimmungssonntag.

Halt! schreien die Meinungsforscher. Eine Umfrage sei keine Prognose, sondern eine Momentaufnahme. Sie finden dann immer wunderschöne Erklärungen, warum doch noch
alles anders herausgekommen ist. Bloss fragt sich dann: Worin besteht der Nutzen solcher Umfragen? Vom Meteorologen wollen wir auch wissen, wie das Wetter am nächsten Wochenende wird. Und nicht postum die Gründe erfahren, warum am Sonntag die Sonne schien und es heute regnet.

Wobei nicht einmal das funktioniert: Diese Woche kam aus, dass auch die nachträgliche Vox-Analyse völlig danebenlag: Sie behauptete, dass nur 17 Prozent der jungen Wähler am 9. Februar zur Urne gegangen seien, und löste damit eine landesweite Debatte über die angeblich desinteressierte, apolitische und stimmfaule Jugend aus. Bis die echten Zahlen zeigten: Es stimmten viel mehr Junge ab – in Genf über 40 Prozent!

Selbst aus der Wissenschaft wird Kritik an der Umfragerei laut. ETH-Professor Andreas Diekmann, Experte für Sozialforschung, spricht von einer «Hexenküche der Meinungsforschungsinstitute» und sagt: «Sie arbeiten leider ausserordentlich intransparent. Man weiss nicht im Detail, wie sie die Umfragen durchführen und nachbearbeiten.» Während die SRG weiterhin viel Gebührengelder in diese «Hexenküchen» steckt, werden dänische Medien künftig darauf verzichten. Eine umfangreiche Studie in Dänemark hat belegt, dass die Umfragen die Ergebnisse von Wahlen beeinflussen: Viele Wähler möchten auf der Seite der Gewinner stehen und übergehen die vermutlichen Verlierer. Die Forscher schreiben dazu: «Umfragen können fatal sein, weil man riskiert, die öffentliche Meinung zu manipulieren.»

Solche Effekte konnte eine Schweizer Studie zwar nicht nachweisen; die SRG hatte sie 2010 nach der Minarett-Abstimmung in Auftrag gegeben. Trotzdem tun die politischen Akteure gut daran, sich nicht auf Umfrageergebnisse zu verlassen. Am besten würden sie sie sogar ganz ignorieren – oder sie zumindest bloss als das nehmen, was sie sind: lustige Politunterhaltung.

Dann wäre auch Schluss mit der grotesken Situation, dass heute nach geschlagener Schlacht oft mehr über die komischen Umfrageergebnisse diskutiert wird statt über die Konsequenzen des Abstimmungsresultats.

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